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Die Frankfurter Universitätsbauten Ferdinand Kramers

Provisorien oder demokratische Bauten mit subtiler Materialästhetik ?
Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main verlässt ihren Gründungsstandort Bockenheim und stellt so erneut die Frage, ob die Universitätsbauten Ferdinand Kramers erhalten werden können. Rechtzeitig zur neu auflebenden Diskussion erscheint Astrid Hansens Werk über "Die Frankfurter Universitätsbauten Ferdinand Kramers - Überlegungen zum Hochschulbau der 50'er Jahre". Das Buch dokumentiert im Kern die - inzwischen zu einem erheblichen Teil denkmalgeschützten - Gebäude nebst ihrer Entstehungsgeschichte. Es geht aber noch weit darüber hinaus, indem es die Geschichte der Frankfurter Universität seit ihrer Gründung zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt, indem es die Universitätsbauten Kramers in sein Lebenswerk einordnet, und indem es die Kramer'sche Bauepoche in den größeren Zusammenhang des Hochschulbaus der 50'er Jahre stellt.
Gerade Angehörigen der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität erscheinen die Kramer'schen Gebäude nach Jahrzehnten unzureichender Bauunterhaltung, qualvoller Überbelegung und fehlender Ergänzungsinvestitionen als Symbole der Vernachlässigung, der Ungeliebtheit oder sogar der Verslumung einer Massenuniversität. Vor die Frage gestellt, am alten Standort festzuhalten oder eine neue Universität am Rande eines Parks zu errichten, gibt es nur wenige Befürworter für die erste Alternative.
Demgegenüber öffnet Astrid Hansen den Blick auf die Qualitäten einer bescheidenen und an funktionalen Ansprüchen ausgerichteten Architektur. In dem kurzen Zeitabschnitt von 1952 bis 1964 prägte das von Ferdinand Kramer geleitete Universitätsbauamt den überwiegenden Teil der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität mit einer Architektur nach dem Baukastensystem, die sich der Betonskelettkonstruktion im orthogonalen Raster bedient und die sich gestalterische Variationen allenfalls bei den Ausfachungen und bei untergeordneten Bauteilen wie Sonnenschutzelementen, Fluchttreppen oder Vordächern erlaubt. Im Ergebnis stellt sich die Frankfurter Universität zwischen zwei gründerzeitlich geprägten Stadtteilen als eine Insel der (zweiten) Moderne dar. Ferdinand Kramer als früherer Mitarbeiter Ernst Mays knüpfte an die Bauleistungen des "Neuen Frankfurts" in den 20'er Jahren mit einer spröden, asketischen Architektur an, die die im Bauwesen der 50'er Jahre vielfach anzutreffende Eleganz vermissen lässt. Auch wenn Ferdinand Kramer kein Theoretiker war und nur wenige schriftliche Äußerungen zur Interpretation seiner Werke hinterlassen hat, sind seine Gebäude als Ausfluß einer demokratischen und sozialen Grundüberzeugung zu verstehen.
Spannend ist, wie Astrid Hansen am Beispiel des Hochschulbaus generell darüber reflektiert, welche Bedeutungen Architektur beigemessen werden, wie Architektur über das Sebstverständnis der Institution Universität Auskunft gibt, und wie sich Bedeutungen von Architektur im Zeitablauf ändern können. Daß gerade die spät gegründete Frankfurter Universität sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem sogenannten Jügelhaus ein Hauptgebäude aneignet, das einem feudalen Schloß ähnelt, kann als Ausdruck des Selbstbewußtseins des Bildungsbürgertums verstanden werden - oder als Versuch, den Mangel an universitärer Tradition und die immer noch virulenten Kränkungen des Frankfurter Selbstbewusstseins zu überspielen. Während sich so in der Gründungszeit eine junge Institution einer "alten" Architektursprache bedient, verkehrt sich das Verhältnis nach dem letzten Krieg. Einer "alt" gebliebenen Ordinarienuniversität wird eine "neue" Architektur aufgedrängt - offenbar, weil ein demokratisches Gemeinwesen vor der Reform der Institution selber (oder anstelle einer Reform?) bauliche Zeichen eines Neubeginns setzen wollte. Besonders deutlich wird dies in dem neuen Haupteingang des alten Jügelhauses, den Ferdinand Kramer aus der Schmuckfassade herausschneiden lässt. Und die "neue" Architektursprache erfährt in der Folge einen Bedeutungswechsel: Die 1968 rebellierenden Studenten identifizieren paradoxerweise die Kramer'sche Architektur mit dem "Muff" der Ordinarienuniversität - während heute - wie bereits skizziert - die Gebäude eher als Ausdruck einer unterfinanzierten und überbeanspruchten Massenuniversität verstanden werden.
Astrid Hansens Buch ist so nicht nur den städtebaulich interessierten FrankfurterInnen zu empfehlen, sondern allen, die sich mit der Geschichte des Hochschulbaus oder mit der Geschichte der modernen Architektur beschäftigen.
Dieter v. Luepke
Hansen, Astrid: Die Frankfurter Universitätsbauten Ferdinand Kramers. 2001. 344 S., 132 s/w Abb. 26 cm. Gb EUR[D] 58,00;
ISBN 3-89739-190-2
 
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