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Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort.

Welchem Zeitgenossen ist schon bewußt, dass der Begriff „Kiosk“ orientalischen Ursprungs ist und auch die Eingrenzungen in Trinkhalle, Büdchen, Wasserhäuschen oder andere liebevolle Beschreibungen die zahlreichen Funktionen dieser vertrauten Versorgungseinrichtungen nur sehr unzureichend beschreiben?
In ihrem Buch „Kiosk“ fächert Elisabeth Naumann an einem alltäglichen Ort ihre Entdeckungen vom Lustpavillion bis zum kleinen Konsumtempel auf und schickt den Leser anhand dieses scheinbar nebensächlichen Stadtmöbels auf eine lange Reise durch alle Kulturen der Welt.
Sie beginnt mit dem ersten Nomadenzelt und dem „Kiosk“, der den Ägyptern als vorübergehende Wohnung für ihre Götter und Könige während der Festprozessionen diente. Kioske wurden aber auch als Mini-Moschee genutzt, als Logenplatz für den Sultan und als Brunnenhaus, wo man den Durstigen den Becher Wasser gratis reichte.
Erst in der Romantik fand dieses kleine, vielseitig verwendbare Gebäude Eingang in die europäischen Landschaftsgärten, und in manchen mondänen Badeorten boten sie als „Kurorte des kleinen Mannes“ Erfrischungen, an bis sie Mitte des 19. Jahrhunderts - wo sonst als in Berlin - ihre erste kommerzielle Nutzung als Zeitungskiosk, als Uhrturm dienten und sich zum allseits beliebten Treffpunkt entwickelten.
Und auch gleich nach dem Krieg, 1945, waren es die Kioske, die Buden und kleinen Läden, in denen das wirtschaftliche Leben als erstes wieder in Gang kam. Schon wenige Jahre später entfalten die kleinen Buden, im Westen wie im Osten gleichermaßen, ein vielfältiges Eigenleben, das die Autorin von Kapitel zu Kapitel, brillant geschrieben und witzig formuliert, dem Leser angenehm kurzweilig, aber dennoch ausführlich unterbreitet.

Alle erdenklichen Bautypen werden vorgestellt, von der Kiste über den Container bis zum Hausmodell, ob als Mehrzweckbau mit Toilettenanbau oder Auskunftei, für alles gilt der Begriff „Kiosk“. Auch das Design unterliegt keiner Vorschrift. Ob selbst bemalt, mit Produktwerbung verziert, mit launigen, Appetit anregenden Sprüchen beschriftet, es bleiben keine Wünsche offen. Von der Bild-Zeitung über die FAZ bis zur Prawda bietet der Kiosk ein breites Presseangebot, oder er dient rund um die Uhr als Futterkrippe. Hier beginnt die Fastfood Früherziehung, hier treffen sich meist die kleinen Leute, auch wenn es in den Städten durchaus Kioske gibt, die als so „hip“ gelten, dass man dort durchaus auch feines Tuch sichtet. Sogar den verschiedenen Formen der Kommunikation widmet die Autorin ein eigenes Kapitel.
Am Ende erhält man den Eindruck, dass jeder Kiosk eine Art Gesamtkunstwerk darstellt, auf den die Menschen auch in tausend Jahren nicht werden verzichten wollen.

Und wem die Vielfalt der in diesem Buch anhand von zahlreichen in Fotografien dargestellten Wasserhäuschen, Buden, Trinkhallen auf deutschem Boden nicht ausreicht, der findet am Ende des Buches nicht nur ein umfangreiches Literaturverzeichnis, sondern auch – nun farbig abgebildet – eine Auswahl von besonders gelungenen Kiosken aus den Großstädten dieser Welt.
Gabriele Klempert
Naumann, Elisabeth: Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsumtempel. 240 S. 200 Abb., 24 cm. Pb, Jonas Verlag, Marburg 2003. EUR 20,-
ISBN 3-89445-322-2
 
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