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Urbane Anarchisten. Kulturgeschichte der Imbissbude

Der renommierte Jonas Verlag in Marburg hat sich in diesem Jahr in seinem Verlagsprogramm gleich zweimal mit dem Thema des Restaurants der kleinen Leute beschäftigt. Ist ihm mit dem Buch „Kiosk – Entdeckungen an einem alltäglichen Ort“ ein hervorragendes Werk gelungen (siehe dort unsere Rezension), läßt der Titel „Urbane Anarchisten - Die Kultur der Imbissbude“ von Jon von Wetzlar und Christoph Buchstegen einige Wünsche offen. Das Buch enthält eine Reihe kurzer Aufsätze, denen sich rund 50 farbige Fotos über meist triste Berliner Imbissbuden anschließen.
Das erste Kapitel umfasst einige Fallbeispiele zum Thema ‚Stadtraum als Arbeitsraum’ mit dem Fazit, dass sich überall auf der Welt und auf jedem kleinen Fleckchen Stadterde vielfältige Arbeitsmöglichkeiten bieten, einzige Bedingung: die Arbeit muß legal sein. Es folgt ein Kapitelchen über das Überangebot an Garküchen in Bangkok, gefolgt von Fischstäbchen à la Liège, das liegt in Belgien, und dort sollte man nicht Frikot und Friture verwechseln. Ein Frikot ist beweglich, also gelegentlich nicht am Platze. Aber dann kann man die beiden eigentlich auch nicht verwechseln, wenigstens nicht, wenn man gerade Hunger hat.
Anschließend befinden wir uns in Finnland, dort gibt es ebenfalls eine Imbisskultur, aber eigentlich gibt es sie auch nicht, sagt die Autorin, aber es gibt immer irgendwo heiße Wurstkartoffeln mit Gurken und Senf – so ist das in Finnland.
In Berlin begleiten wir dann immerhin fünf Seiten lang (die anderen Beiträge sind sehr viel kürzer!) einen Grillwalker, der seine Warmwasserversorgung für seine Würstchenbude mit sich herumschleppen muß, bevor der Leser in den Schwanengesang über das drohende Verschwinden derjenigen Imbissbuden eingestimmt wird, die vor mehr als 40 Jahren erbaut wurden. Zu Gesicht bekommen wir von diesen Exemplaren allerdings keine.
Im letzten Abschnitt „schließt sich der Zyklus, an dessen Ende das Verschwinden der Imbissbude steht, die, in immer kleinere Reservate abgedrängt, sich vom alltäglichen Wegbegleiter des Stadtbewohners zum Objekt dessen bizarrer Verehrung wandelt.“
Welch ein Satz!
Danach werden uns drei Rundgänge durch Berlin zu mehr oder weniger attraktiven Imbissbuden von jeweils mindestens 3 Stunden Dauer vorgeschlagen. Doch zuvor haben wir in Kurzfassung noch die Typologie der Imbissbude zu verinnerlichen: von der „nativen Imbissbude“, der Grundform aller „transitorischen Verkaufseinrichtungen“, dem monolithischen Kubus über die „entwickelte Imbissbude“, die sich in den Stadtraum gewagt hat, bis zur „definitiven Imbissbude“, wo sich das Geschehen in einem betretbaren Raum abspielt.
Alles klar? Guten Appetit! Zuhause!

Gabriele Klempert
Urbane Anarchisten. Kulturgeschichte der Imbissbude. Photograph: Buckstegen, Christoph. Hrsg.: Wetzlar, Jon von. 128 S. 50 sw. u. 50 fb. Fotos 24 cm. Pb Jonas, Marburg 2003. EUR 15,-
ISBN 3-89445-319-2
 
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