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Der soziale Garten

Es gibt Bücher, die werden nie alt. Das gilt auch für die Neuauflage der programmatischen Schrift »Deutsche Binnenkolonisation – Sachgrundlagen des Siedlungswesens«, die der Gartenarchitekt Leberecht Migge (1881-1935) 1926 in der Schriftenreihe der Deutschen Gartenstadtgesellschaft veröffentlicht hatte. Angesichts schwindender Einkünfte und drohender Arbeitslosigkeit sowie leerer Kassen in den Kommunen, dürfte sich in diesem Buch manche Anregung finden lassen, trotz bescheidener Mittel eine neue Fom von Lebensqualität zu gestalten.
An den Anfang dieser Zwischenbilanz stellte Migge während der Konjunktur des Bauens in der Mitte der 1920er Jahre noch einmal das »Grüne Manifest«, die kritische Streitschrift, die er 1918 nach dem Zusammmenbruch des 1. Weltkrieges verbreitet hatte. Acht Jahre nach der Aufforderung mit dem StadtLand eine neue städtische Siedlungsform zu denken, anders als die kritisierte Stadt, besser als das beklagte Land kann der Autor die Vorstellungen seines Konzeptes in vielen wichtigen Kapiteln durch erfolgreiche technische und soziale Experimente und durch wissenschaftliche Untersuchungen konkretisieren. Im Zentrum der von Migge propagierten Siedlungsform steht der »Soziale Garten«, ein Mittel, das gleichzeitig die drei beherrschenden Krisenerscheinungen, die Nahrungsnot, die Wohnungsnot und die Arbeitsnot beseitigen soll. Es geht um ein ökologisches Modell, in dem die frei verfügbaren Naturkräfte und die mobilisierte Arbeitskraft mit Mitteln der Technik und Organisation entfaltet werden, es geht auch um eine gärtnerische Perspektive, die den Prozeß des Wachstums nutzbar macht. Beginnend mit einem minimierten Wohnkonsum entfaltet sich ein Optimum an Lebensspielräumen auf der Basis von Selbsthilfe.
Was heute angesichts der Entwicklungen an der Peripherie der Stadt an der Schrift von besonderem Interesse ist, ist die Komplexität mit der Migge die Urbanisierung des Stadtrandes vorantreiben will: Wohnungsbau, Stadthygiene, gärtnerische Produktion, Verkehrswesen, soziale Infrastruktur und Landschaftsschutz werden in integrativen Maßnahmebündeln zusammmengefaßt. Kritik formuliert Migge gegenüber der konservativ ausgerichteten ländlichen Siedlungspolitik und gegenüber der Unvollkommenheit der städtischen Wohnsiedlungspolitik, deren gute Absichten an den Finanzierungsgrenzen scheitern müssen.
vdr
Migge, Leberecht: "Der soziale Garten". Das grüne Manifest. Nachw. v. Reuss, Jürgen H. 200 S., zahlr. Abb., Ln. Gbr. Mann, München 1999. EUR 74,-
ISBN 3-7861-2291-1
 
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