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Das englische Haus. Hermann Muthesius

Ein lang gesuchtes Antiquariatsstück gibt es endlich neu: die drei massiven Bände des ‘englischen Hauses’. Gebrüder Mann liefern nun ein Faksimile, angenehm reduziert in ein etwas handlicheres Format, ohne Abstriche der Bildqualität. Diese Edition folgt damit einer schon 1979 etwas gekürzten einbändigen englischen Ausgabe, the English House, mit einer Einführung von Dennis Sharp.
Es war ein Werk, das immer nur gelobt wurde. Vor allem auch in Britannien selbst, ja man spricht dort darüber meist mit einer gewissen Ehrfurcht und einer Bewunderung der ‘deutschen Gründlichkeit’. All das resultiert zum einen aus der Länge und vor allem der Breite des Werkes. Es gab und gibt kaum vergleichbare Bücher, die einen Haustyp in seiner ganzen Vielfalt der Aspekte analysieren, der Historie, den Planungsmethoden, der Bautechnik; ein ganzer Band gilt der inneren Ausstattung. Man kann das Werk mit Gewinn als ein (nur etwas altmodisches) generelles Traktat zum Bauen studieren. Der deutsche Leser, der vielleicht nicht unbedingt alles über das englische Bauen erfahren will, kommt trotzdem auf seine Kosten bei den zahlreichen sorgfältigen Vergleichen, die das Buch zu den deutschen Gewohnheiten zieht.

Das Werk ist vor allem auch eine Hymne auf sein Objekt, aber nicht auf das Haus der Mehrheit der Briten, sondern das englische Landhaus (so eigentlich sollte der Titel lauten), was aber wiederum nicht den vertrauten Typ des großen ‘country house’ bedeutet, sondern eher das ‘house in the country’, das heißt, das selbständige Haus in der Vorstadt oder in der nahen Umgebung der Stadt, also eigentlich die größere Villa — ein Terminus allerdings, den die Generation von Hermann Muthesius verabscheute. Das ‘englische Haus’ ist das Ideal des Hauses schlechthin, ja, der Zivilisation überhaupt. Ein Haus bildet vor allem den Rahmen des vielfältig gestalteten Familienlebens, und es ist das englische ‘family home’, im Prinzip jedes ‘englische Haus’, in dem Hermann Muthesius dieses Leben verwirklicht sieht. Im Endresultat sprach der Autor jedoch hauptsächlich großbürgerliche Leser an, und man würde gerne erfahren, wie die national orientierten Mitglieder dieser Schicht auf die England-Empfehlung reagierten.

Im Schuber der drei Bände wird auch ein recht substantielles Beiheft geliefert, in dem Henning Bock, neben den nötigen biographischen Angaben, auf einige der Hypertrophien des Buches eingeht. Etwas zu wenig Raum widmet Bock der breiten Vorgeschichte des Projektes. Muthesius war nicht der ‘Entdecker’ des ‘englischen Hauses’; bereits von den 1860iger an Jahren schätzten manche Kontinentaleuropäer den englischen Typ des Einfamilienhauses, wie auch des Reihenhauses. Im Jahre 1888 erschien ‘das englische Haus’, ein sehr viel kürzeres Werk des Berliner Kunsthistorikers Robert Dohme; auch er fand in England sein ‘Elysium’; für ihn aber lag es beim grossen Landschloss, genauer gesagt, in Sandringham, einer der Landsitze des Königshauses — in der Tat, Dohmes Verbindungen mit dem Kaiserhaus Friedrichs III. und seiner Gemahlin, der englischen Princess Victoria waren eng. Das aristokratisch-aufgeklärt-vornehme war und blieb jedoch ein wichtiges Element der Englandverehrung. Man sollte dabei betonen, dass zu jener Zeit auch deutsche Städteplaner und Spezialisten der Wohnungsfrage, vor allem Rudolf Eberstadt, den Typ des kleinen englischen Reihenhauses und seiner Planung genau studierten. Der unbedingten Englandverehrung setzte dann schließlich Hermann Muthesius selbst die Grenzen; England hatte mit der Moderne begonnen, so lautete seine Geschichtskonstruktion; der von ihm mitbegründete Deutsche Werkbund vollendete sie.





Stefan Muthesius
ARCHITECTURA UNIVERSALIS. Hrsg. von Ulrich Conrads und Helmut Geisert. Hermann Muthesius. Das englische Haus. Band I: Entwicklung des englischen Hauses VIII, XII S. und 220 S. mit 208 Abb. Band II: Bedingungen, Anlage, gärtnerische Umgebung, Aufbau und gesundheitliche Einrichtungen des englischen Hauses. XII und 238 S. mit 256 Abb. Band III: Der Innenraum des englischen Hauses XII, XXVI S., 240 S. mit 298 Abb. Beiheft: Henning Bock, Einführung zu Hermann Muthesius: Das englische Haus. 24 S. mit 1 Abb.; 21 x 30 cm. Gebr. Mann Verlag, München 2005. EUR 255,-
ISBN 3-7861-1853-1
 
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