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Die Suche nach Adams Haus

Die Suche nach Adams Haus ist eine Suche nach den Wurzeln des Bauens, und wie so viele Erkundungen der Urformen ist sie in ihrer Blüte und Brillanz ein Diskurs des 18. Jahrhunderts. Das Motto hatte Vitruv angeschlagen, nun wird zu Variationen über das Thema „Urhütte“ ausgeholt. Dabei bleibt Robinson Crusoes Baumhaus ebenso wenig ausgespart, wie das waninga oder nurtunja, das als Kostüm oder vademecum Mantuntara Stammes, das Haus der Seele, ihr hausgleiches Totem. Getreu der Einsicht: „Hätte Palladio vor der Sintflut gelebt, hätte die ganze Kraft seines Genies sich vermutlich darauf gerichtet, irgendeine armselige Hütte zu errichten,“ wie Francesco Milizia um 1800 formuliert, gewinnt die Urhütte den Status eines baulichen Archetypus von durchaus Palladio-gleichem Format, an dem die Geister sich scheiden. Joseph Rykwert zitiert sie in diesen imaginären Dialog hinein, der sich längst als Klassiker der Architekturgeschichtsschreibung erwiesen hat, erschien er doch bereits 1972. Während Goethe beim Anblick des Straßburger Münsters das Primat der Wand als gegeben postuliert, - erst später wird er toleranter werden („Kennst Du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,“ heißt es in der „Iphigenie“), ging der Konsens des 18. Jahrhunderts ansonsten dahin, die Entwicklung eines Urbaus aus Baumstämmen anzunehmen, die mit Zweigen eingedeckt werden. Die Stämme sind Vorwegnahmen der Säulen, die Zweige vertreten archetypisch Gesims und Giebel. Genauso hat Charles Eisen „die Urhütte“ für das epochemachende Werk des Abbe Laugier in Szene gesetzt, ein Kupferstich, der auch Rykwerts Werk schmückt. Vom Holz zum Stein hieß fortan die Devise. Sir William Chambers hatte sie ausgegeben. Boullee und viele andere sind ihm darin gefolgt. Nicht die kubische Hütte, das konische Kuppelgewölbe war es, das jener propagierte, nein, der Meister des Newtonismus in der Architektur erwies ebenfalls organischem Gewachsensein der Architektur seine Reverenz. Ein Kapitel für Architekturenthusiasten ist jenes, in dem das Primat der Neuerfindung der Urhütte abgewogen wird, zwischen dem Padre Lodoli und dem Abbe Laugier und in dem es um nichts Geringeres geht, als um die Erfindung des Funktionalismus, der denn doch wohl Lodoli zuzuweisen bleibt.
Der Verlag hat Joseph Rykwerts Klassiker zu dessen 80. Geburtstag ins Deutsche übersetzen lassen. Warum hat er sich eine kurze Vita des Autors versagt und eine Nennung von dessen übrigen Veröffentlichungen? Der Warschauer in London hat sich selbst jeder aktualisierenden oder deutenden Kommentierung der deutschen Erstausgabe enthalten, die eine der Grundfragen aller Architektur souverän, geistreich und ungemein belesen beantwortet.

Jörg Deuter
Rykwert, Joseph: Adams Haus im Paradies. Eine Geschichte der Urhütte. 256 S., 20 Abb. 24 x 17 cm. Pb. Gebr. Mann, Berlin 2005. EUR 29,90
ISBN 3-7861-2517-1
 
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