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Paradigmen der Moderne und der (Wieder-) Aufbau deutscher Städte

Architekten und Städtebauer reflektieren selten über die historischen Wurzeln ihres Tuns. Die Suche nach "dem Neuen", noch nie Gesehenen und die handwerkliche, gestalterische Prägung dieser Disziplin verbinden sich häufig mit einem kurzen Gedächtnis. Der Blick in die Vergangenheit wird dabei gern zu einem Besuch einer Mustersammlung verkürzt, aus der heraus Formen und Konzepte für die Zukunft entlehnt werden. Um so erfreulicher ist es, wenn Abhandlungen zur Geschichte von Architektur und Städtebau tiefer gehen, indem sie gebaute Konzepte als Ergebnis von Auseinandersetzungen und im Zusammenhang wirtschaftlicher und sozialer Rahmenbedingungen darstellen.
Vier Werke, die architektonische und städtebauliche Prozesse im 20. Jahrhundert thematisierten, sollen in diesem Sinne hervorgehoben werden. Drei von ihnen konzentrieren den Blick auf jeweils eine Stadt in der Phase des (Wieder-) Aufbaues nach dem Krieg, eines verfolgt den weitergehenden Anspruch, die "Moderne" mit der Beschreibung und Analyse von vier unterschiedlichen Baukonzepten als Paradigmen systematisch zu erfassen (Michael Peterek: Wohnung, Siedlung, Stadt). Die zuerst erwähnten Veröffentlichungen betreffen die Städte Hamburg, Augsburg und Eisenhüttenstadt.
Ralf Lange ("Hamburg - Wiederaufbau und Neuplannung 1943 - 1963") spannt den zeitlichen Bogen etwas weiter und kann so Kontinuität und Brüche des Planens und Bauens zwischen der Kriegszeit und Nachkriegszeit herausarbeiten. Der distanzierte Blick des Kunsthistorikers und Soziologen läßt sich auf die Schilderung der wichtigsten Akteure, ihrer Prägung und ihrer Zielvorstellungen und ihrer Auseinandersetzungen ein. Dabei wird zugleich eine präzise und detailreiche Beschreibung der baulichen Ergebnisse in einem breit angelegten Bildteil geleistet - gegliedert nach unterschiedlichen Bauaufgaben. Nicht zuletzt der Anhang mit Textdokumenten, Bibliographie, Architekten-Biographien und Register machen das ca. 350 Seiten starke Buch zu einem unverzichtbaren Standardwerk für alle, die sich mit der städtebaulichen Geschichte Hamburgs oder mit der Geschichte des Wiederaufbaues am Beispiel Hamburgs beschäftigen wollen.
Der Ehrgeiz Ralf Langes liegt in der nüchternen Rekonstruktion und Beschreibung, weniger in der Interpretation. Das Buch zeigt so die Vielfalt realer Erscheinungen, es sperrt sich gegen einfache Zusammenfassungen und Schlußfolgerungen - es regt aber dennoch zu Verallgemeinerungen und Interpretationen an. Ralf Lange beschreibt Hamburg in diese Zeit als eine Stdt im "Abseits", die ohne Technische Hochschule oder Technische Universitäten sich modern(istisch)en Strömungen der Architektur ein Stück weit entzieht, um für Hochbauten unspektakuläre, regional geprägte Lösungen großer Beständigkeit zu suchen. Die eher zurückhaltende, traditionsbewußte und Experimenten abgeneigte Architektur verbindet sich mit einem konsequent modernen Städtebau, der über Jahrzehnte hinweg kontinuierlich umgesetzt wird. So folgt der Aufbau der weitgehend zerstörten Stadt mit nur wenigen großen Auseinandersetzungen dem Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt, das bereits in den letzten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft ausformuliert wurde - und das sich bereits durch Kahlschlagsanierungen vor dem Krieg artikulierte. Diese überraschend frühe und konsequente Hinwendung zu modernen Prinzipien des Städtebaues erklärt Ralf Lange unter anderem damit, dass das bereits das „alte" Hamburg ein durch den Wiederaufbau nach dem Großen Brand von 1842 modern überformtes Hamburg war.

Ganz anders Augsburg in derselben Phase des (Wieder-)Aufbaues: folgt man/frau den Darstellungen einer schmalen Broschüre ("Was bleibt von Wiederaufbau und Neubeginn? - Architektur der 50´er Jahre in Augsburg"), die von einer Vielzahl von Autoren offenbar als Ausstellungskatalog konzipiert wurde. Die Berichte sind jeweils auf exemplarische Neubauten der 50er Jahre vor allem in der Augsburger Innenstadt focussiert und erzählen deren Geschichte - eine Geschichte, die oft von dem Mut zum modernen, frechen Kontrapunkt neben historischen Gebäuden und von heftigen Streitigkeiten geprägt ist. Es scheint fast so zu sein, dass die Kraft und Geschlossenheit der Monumente früherer Jahrhunderte zu besonderer Radikalität in der zeitgenössischen Architektur herausforderte. Dass dies zu Lösungen führte, die bis in die Gegenwart hinein diskutiert und infragegestellt werden und wurden, liegt auf der Hand. Die Broschüre spart dabei das Thema übergreifender städtebaulicher Konzeptionen weitgehend aus, sie verzichtet auf den Anspruch einer Gesamtdarstellung des Planens und Bauens in Augsburg in dieser Zeit. Stattdessen behandelt die Broschüre die Entstehungsgeschichten einzelner Gebäude, wobei zum Teil auch über deren späteres Schicksal bis in die heutige Zeit hinein berichtet wird. Damit gewinnt das Buch an Kurzweiligkeit. In seiner knappen, lebendigen Darstellungsweise und mit seinem guten Bildermaterial ist es eine spannende und informative Lektüre.

Kurzweiligkeit und Spannung sind nicht die hervorstechenden Eigenschaften von "Eisenhüttenstadt und die Idealstadt des 20. Jahrhunderts". Elisabeth Knauer-Romani trägt alle verfügbaren Unterlagen über die Entstehung der "ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden" zusammen und wertet diese in ihrer Dissertation akribisch aus. Die Fülle von Einzelinformationen setzt dem eiligen, an wenigen Grunderkenntnissen interessierten Leser oft Widerstand entgegen, mindert aber nicht den Wert des Buches. Der Verfasserin gelingt es, das umfangreiche Material klar zu gliedern und immer wieder zu wichtigen Resümees zu kommen.

Bemerkenswert, wie sehr auch in einem zentralistisch organisierten Staat um den städtebaulichen Entwurf gerungen wurde, wie breit das Spektrum der betrachteten Planungsalternativen war und wie tiefgreifend gewählte Konzepte während ihrer Realisierung modifiziert bzw. zugunsten neuer Konzepte wieder aufgegeben wurden. Bemerkenswert weiter, wie anspruchsvoll und radikal das Nutzungsprogramm dieser Stadt war: in einer Zeit, in der anderenorts das „Dach über dem Kopf" der einzige Programmpunkt war und über dem Wohnungsbau der Bau der Versorgungseinrichtungen zu kurz oder zu spät kam, wurde hier eine Stadt gegenüber einem Industriewerk mit -unter anderem- einem differenzierten Netz von Schulen, einer Hochschule, einem Krankenhaus, einem Kulturpark, einem Stadion, Schwimmbädern sowie diversen Plätzen mit Läden und Hotels geplant. Bemerkenswert schließlich, wie stark Eisenhüttenstadt in seiner ersten Bauphase stadtträumliche und architektonische Vorbilder in den Epochen vor der "ersten Moderne" suchte: Geschoßwohnungsbauten, die sich schloßähnlich gerieren, definieren und trennen öffentliche und private Räume, "der klassizistischen Architektur entlehnte, bewährte Würdeformen (wurden) mit sozialistischen Inhalten gefüllt", der Stadtsilhouette mit der Ausbildung einer Stadtkrone und einem harmonischen Zusammenspiel aller baulicher Dominaten wurde große Aufmerksamkeit gewidmet: Eisenhüttenstadt sollte eine schöne Stadt werden.
Trotz seiner kurzen Entstehungszeit stellt sich Eisenhüttenstadt nicht als geschlossenes Ensemble, sondern als Stadt mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen, Überfornungen älterer Konzepte und mit "Leerstellen" nicht realisierter Pläne (ausgerechnet der"Zentrale Platz" blieb bis heute weitgehend unfertig !) dar. "Da hat jedoch auch fragmentarischer Charakter der realisierten Stadt die Chance, dem postulierten utopischen Planziel näherzukommen" - so Elisabeth Knauer-Romani.
Die ersten Bauabschnitte Eisenhüttenstadts liegen insofern quer zu fast allen anderen städtebaulichen Schöpfungen der Aufbau-bzw. Nachkriegszeit. Dieser Umstand macht das Studium der Stadt für uns, die wir nach Überwindung der "ersten Moderne" uns wieder auf klassische Prinzipien des Städtebaues zurückbesonnen haben, besonders interessant. Das Werk von Elisabeth Knauer-Romani ist dabei unverzichtbar.

"Wohnung, Siedlung, Stadt - Paradigmen der Moderne 1910 - 1950" von Michael Peterek besitzt - anders als die drei bereits vorgestellten Veröffentlichungen - einen umfassenderen Anspruch. Die Arbeit thematisiert die Jahrzehnte 1919 bis 1950 als die Epoche der "Moderne" und wählt für diese Zeit vier Paradigmen oder modellhafte Schöpfungen heraus, deren ausführliche Betrachtung Hilfen für zukünftige Entwurfregeln entwickeln helfen soll. Die Gartenstadt Karlsruhe - Rüppurr (Bauzeit 1911 - 29, Städtebauarchitekten Hans Kampffmeyer, Karl Kohler, Friedrich Ostendorf, Max Läuger), die Zeilenbausiedlung Karlsruhe - Dammerstock (Bauzeit 1928 - 29, Städtebauarchitekten Walter Gropius und Otto Haesler), ein Baublock in Rotterdam - Spangen (Bauzeit 1919 - 20, Architekt Michiel Brinkman) sowie die Unite d´habitation in Marseille (Bauzeit 1945 - 52, Architekt Le Corbusier) werden jeweils in ihrer Entstehungsgeschichte, in ihrem baulichen Erscheinungsbild und - in Ansätzen - in der Akzeptanz seitens ihrer Bewohner bzw. in ihrem sozialen Leben beschrieben. Bei allen vier Beispielen werden die gleichen Betrachtungsebenen Wohnung, Siedlung und Stadt verwendet.
Die Bedeutung der Arbeit Michael Petereks liegt in der überaus sorgfältigen, kenntnisreichen und systematischen Darstellung jedes der vier Beispiele. Die Geschichte des Städtebaues in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gewinnt durch die Konzentration auf vier markante und sich deutlich voneinander unterscheidende Beispiele an Lesbarkeit und Lebendigkeit. Mit der Auswahl der vier Paradigmen kann Michael Peterek zeigen, dass die sogenannte "Erste Moderne" des Städtebaues und der Architektur sich in einem Spannungsfeld zwischen den beiden Polen eines "hierarchischen Formmodells" und einer "seriellen Siedlungsstruktur" bewegt. Dem hierarchischen Formmodell - in der Arbeit vertreten mit den Beispielen Karlsruhe-Rüppurr und mit Einschränkungen Rotterdam-Spangen - ordnet Michael Peterek die Attribute "ortsprägend", "lokale Identität stiftend", "Traditionen fortschreibend" oder "Geborgenheit" zu, während der seriellen Siedlungsstruktur eine "abstrakte, raum- und zeitlose, ortsauflösende Universalität", "radikale Innovation" oder"Ablösung von allen konventionellen Bindungen" zugeschrieben wird. Beide Pole werden von Michael Peterek als nach wie vor relevant betrachtet. In einer kurzen Schlußbetrachtung diskutiert er daher, in welcher Weise sich zeitgenössische Städtebauer in diesem Spannungsfeld verhalten sollen. Seine vorsichtigen Ansätze, eine Synthese zu formulieren und damit die widersprechenden Elemente der vier Paradigmen zusammenzuführen, bleiben freilich im Philosophischen und Unverbindlichen stecken - hier hätte man dem Autor eine Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Erklärungen und Deutungen gewünscht.
Dieter v. Lüpke
Ralf Lange: Hamburg - Wiederaufbau und Neuplannung 1943 - 1963, 1994. 355 S. 652 Abb. und Pläne. 82 Architekten-Kurzbiographien. 27 cm, SC; 1994. EUR 20,-
ISBN 3-7845-4610-2   [Langewiesche - Königstein]
Michael Peterek: Wohnungen, Siedlungen, Stadt - Paradigmen der Moderne 1919 - 1950, 446 S. HC, Gebr. Mann, Berlin 2000, EUR 74,50
ISBN 3-7861-2327-6
Elisabeth Knauer-Romani: Eisenhüttenstadt und die Idealstadt des 20. Jahrhunderts, 336 S. 131 Abb.; 27 cm. HC, 2000, EUR 30,70
ISBN 3-89739-098-1
Ulrich Heiß, Christof Metzger, Stefan Stoll (Hrsg.): Was bleibt von Wiederaufbau und Neubeginn? Architektur der 50´er Jahre in Augsburg, 60 S. 117 Abb., 28 cm. 1999. EUR 12,68
ISBN 3-928691-30-9
 
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