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Ost-Berlin und seine Bauten - Fotografien 1945-1990

Der Rezensent Mathias Ehrich ist Journalist und hat jahrzehntelang mit seiner Familie mitten im Osten der Stadt Berlin gelebt. Hier seine sehr persönliche und darum ungewöhnliche Rezension.

Zugegeben, der ideale Rezensent für dieses spannende Stück DDR- Architekturgeschichte bin ich nicht. Denn ich verfüge über keinerlei Fachwissen zum Thema Architektur. Und ich erkläre mich für befangen.
Denn ich habe dieses Buch – wie viele andere – gelebt. Es weckt Erinnerungen. In ihm zu blättern ist, als stöbere ich in alten Fotoalben. Seit meiner Geburt 1950 wohne ich im Berliner Osten, habe mit kindlich-naivem Blick das „Auferstanden aus Ruinen“ verfolgt. Im „Haus des Kindes“ am Strausberger Platz (auf S. 78 links im Bild) war die Milchbar im Dachgeschoß mein Lieblingsplatz, auch wegen der schönen Aussicht auf das neue Berlin. Die erste eigene Mietwohnung fand ich auf einem dunklen Altberliner Hinterhof. Später habe ich die beiden bekanntesten Wohnungstypen der DDR-Großplattenbauweise, Q3A (s. S. 104/105) und WBS 70 (s. S. 161), kennen gelernt. Die Wohnfläche wuchs mit der Größe der Familie. Unsere letztgenannte 4-Zimmer-Wohnung entstand genau an jener Straßenecke, die auf den Seiten 48/49 in ihrem alten Zustand abgebildet ist. Und meine Erweiterte Oberschule (der DDR-Begriff für Gymnasium) befand sich im Bötzowviertel, dessen Zustand nach dem Wegräumen der Trümmer auf den Seiten 50/51 so eindrucksvoll dargestellt ist. Soviel zum persönlichen Bezug. Man erwarte also keine neutrale Betrachtung. Dazu berührt es mich viel zu sehr!

Zunächst, und vor allem, gebührt den Machern ein großes Lob für die Geduldsarbeit, aus über 35.000 Abbildungen, die im Ost-Berliner Fotoarchiv im Zeitraum von 1945 bis 1990 die Baugeschichte der Stadt dokumentierten, die aussagekräftigsten herausgesucht und zusammengestellt zu haben. (Bei einigen wenigen verstehe ich nicht so recht, warum sie für die Veröffentlichung ausgewählt wurden. Doch dazu später.) Mit der Arbeit am Buch einher ging die Inventarisierung dieser Schwarz-Weiß-Fotos und weiterer mehr als 17.000 Farbdias, die für diese Publikation keine Berücksichtigung fanden. Damit ist der erst im Anfangsstadium befindlichen Erforschung und Aufarbeitung der DDR-Kulturgeschichte im weiteren und der Architekturhistorie im engeren Sinne eine Fülle von Material erschlossen worden, die nun ihrer Nutzung harrt. Es hätte im einleitenden Text von Eva-Maria Barkhofen der Bemerkung nicht bedurft, dass dieses Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben könne. Das versteht sich von selbst. Um so mehr aber kommt es auf die Auswahl der in sechs chronologisch geordneten Kapiteln Fotografien an.
„Ruinen“ ist das erste überschrieben. Treffender hätte es nicht formuliert werden können, denn Berlin war am Ende des Krieges eine einzige Trümmerlandschaft. Rund 300.000 Haushalte waren ausgebombt, kaum ein Haus blieb unversehrt. Die Bilder belegen das eindrucksvoll (z.B. S. 18/19). So begann der Aufbau häufig mit Abbau, immer mit Aufräumen, wobei –wie wir heute wissen- einige historisch bedeutsame und nicht so schwer beschädigten Gebäude aus politischen Erwägungen der neuen Führung der Spitzhacke zum Opfer fielen.
Der ersten Bestandsaufnahme folgen „Provisorien und neue Konzepte“. Hier geht es vor allem um die Wiederherstellung der Infrastruktur (Behelfsbrücke zwischen Nieder- und Oberschöneweide, S. 45) und zeitgleich um die Frage, welcher Idee, welcher Tradition und welchem Vorbild die Neugestaltung der „Hauptstadt der DDR“ folgen soll. So ist interessant, dass Entwürfe, die an das Bauhaus anknüpften, nicht oder nur teilweise ausgeführt wurden (s. S. 52), während der sowjetisch inspirierte Zuckerbäckerstil das Gesicht des neuen Berlin prägen sollte.
Das wird besonders im dritten Kapitel deutlich, das sich „National in der Form, demokratisch im Inhalt“ nennt. Natürlich denkt man dabei zuallererst an die „Stalinallee“, die als zentrale Magistrale von der Überlegenheit des Sozialismus künden sollte. Im Gegensatz zu einigen anderen Konzeptionen (s. S. 71 – 73, S. 81 und 85) folgten die Pläne Hermann Henselmanns nicht einfach nur stur und schematisch dem Moskauer Vorbild, sondern ließen Raum für Vielfalt und Großzügigkeit. Zu Recht waren die Wohnungen begehrt, und tatsächlich wurde ein Teil auch an Arbeiterfamilien vergeben (ich kenne ein Beispiel aus der eigenen Familie). Ein gewisser Stolz war nicht zu verkennen. Schaufensterbummel in „der Allee“ (die dann später, als die Verbrechen Stalins ruchbar geworden waren, den Namen von Karl Marx erhielt) zählten zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen, wobei ich mich erinnere, häufiger auf der nördlichen Straßenseite spazieren gegangen zu sein, denn dort erreichte die Sonne , wenn sie denn schien, den Bürgersteig, eine seltene Erscheinung in den engen Straßenschluchten des alten Berlin.
Aber schon bald wurde klar, dass die Prachtstraße zwar als Aushängeschild des neuen Berlin fungierte, aber das gravierende Wohnungsproblem auf diese kosten-, material- und raumbedarfsintensive Weise nicht zu lösen war.
Folglich beschäftigt sich das vierte Kapitel „Eine sozialistische Moderne“ mit dem Übergang zur industriellen Bauweise, vor allem von Wohnungen. Das Bild auf S. 112 zeigt eine dieser typischen Neubauwohnungen (wobei man sich hüten sollte, die Einrichtung aus heutigem Geschmacksempfinden zu beurteilen). Der Bedarf an Wohnraum war riesig, das Geld knapp. Also musste billig gebaut werden. Die „Platte“ wurde modern, und wer eine Neubauwohnung zugewiesen bekam, war (in den meisten Fällen) so glücklich, dass er über die immer weiter fortschreitende Stereotype beim Bauen hinweg - oder sie für zweitrangig ansah. Wie wir nicht zuletzt aus dem Roman von Brigitte Reimann „Franziska Linkerhand“ wissen, litten Architekten sehr wohl darunter, dass sie immer weniger Gelegenheit bekamen, das Stadtbild modern und abwechslungsreich zu gestalten. „Kunst im Wohngebiet“ sollte diesen Mangel ein wenig retuschieren. Auf Seite 113 ist dieser Ausdruck des sozialistischen Realismus erschreckend deutlich dokumentiert. Dagegen zeigt das Modell einer Ausstellungshalle von H. Henselmann (s. S. 142), welch zukunftsweisende Architekturideen in den Schubladen verkümmerten. Natürlich gab es einzelne Gebäude oder Ensemble, bei deren Planung und Bauausführung aus dem Vollen geschöpft werden konnte. Das betraf ausschließlich die Prestigeobjekte der Parteiführung: Fernsehturm, Gestaltung des Alexanderplatzes und andere, die in diesem Kapitel vielfältig abgebildet sind. Gleichwohl wurden diese Bauten vom Volk angenommen und genutzt. Das beste und historisch gesehen letzte Beispiel dafür war gewiss der „Palast der Republik“, der im fünften Kapitel „Schwerpunkt Sozialpolitik“ (S. 170 – 172) dargestellt wird.
Hier wird deutlich, welche Kraftanstrengung dem erklärten Ziel entsprangen, die „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990 endgültig zu lösen“. Zum Verdruss der Nicht-Berliner wurden dazu nahezu alle Ressourcen aus der Republik abgezogen und in Berlin konzentriert. Das Ergebnis ist auf den Seiten 160 bis 165 zu sehen: Ganze Stadtviertel stampfte man aus dem Boden und es dauerte seine Zeit, bis das Wohnumfeld den Erwartungen der Bewohner gerecht wurde (wie auf S. 168).
Der Zustand der alten Bausubstanz geriet zeitweilig ganz in den Hintergrund. Im abschließenden Kapitel „Stadtreparatur und neuer Historismus“ wird die Rekonstruktion von Altbauten in den traditionellen Arbeiterbezirken wie Prenzlauer Berg dargestellt (S. 179). Im Nikolaiviertel, dem ältesten Teil Berlins, unternahm man den Versuch, Neubauten in die historische Umgebung einzupassen. Ob dies gelungen ist, mag man auf den Seiten 188 -192 oder besser noch bei einem Besuch des Viertels selbst beurteilen.
Dieses Buch ist nicht nur für Architekten interessant. Wer die Entwicklung Ost-Berlins selbst erlebt und in gewisser Weise mitgestaltet hat, findet in vielen Fotos starke Berührungspunkte. Die Erläuterungen dazu hätte ich mir manchmal ausführlicher gewünscht. Und was mir die Verstärkeranlage für die Lautsprecher im Walter-Ulbricht-Stadion (S. 55), die Krananlage im Kraftwerk Rummelsburg (S. 89) oder der dunkle Flur (S. 180) sagen sollten, hat sich mir leider nicht erschlossen. Aber das trübt den exzellenten Eindruck des Buches nur sehr wenig.
Und das berühmteste wie berüchtigtste „Bauwerk“ Ost-Berlins, die Mauer? Sie durfte bis heute vor 17 Jahren natürlich von der Ostseite gar nicht fotografiert werden. So ist ihr programmatisch das letzte Bild vorbehalten, 1990 in Wilhelmsruh aufgenommen, und – wenn mich nicht alles täuscht – von West nach Ost!


Mathias Ehrich
Barkhofen, Eva M: Ost-Berlin und seine Bauten. Fotografien 1945-1990. Hrsg. v. Berlinische Galerie. 160 S., 170 Abb. 23 x 27 cm. Wasmuth, Tübingen 2006. EUR 24,80
ISBN 3-8030-0661-9   [Wasmuth]
 
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