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Palladio bears away the Palm - Zur Ästhetisierung palladianischer Architektur in England

Palladio wurde in den vergangenen achtziger Jahren zu einer Bezugsgröße der modernen, zumal englischen und auch amerikanischen Architektur, der Palladianismus als Forschungsthema (Palladio and Palladianism, Palladio in Amerika, Palladio und der Norden, The Palladian Revival, Palladio und die Folgen) boomte auch kunsthistorisch. Die Palladio-Begeisterung des 17., des 18. (nicht so sehr die des 19. Jahrhunderts) schien kaum noch neue Möglichkeiten wissenschaftlicher Beschäftigung, zumal im Umgang mit dem englischen Palladio-Erbe, zu bieten. Da hatten John und Eileen Harris Schlüsselquellen- und -bauten erschlossen, Adrian von Buttlar das Feld geistiger Hintergründe (zumal der Freimaurerei) abgesteckt, Johannes Dobai die Kunstliteratur in größtem Umfang kommentierend gesichtet, usw.

Und nun tritt eine Dissertation ans Licht, deren Autor selbstbewußt behauptet: „Welche theoretischen Modelle (…) für den englischen Palladianismus konstitutiv wurden, klärt Worsley nicht.“ (S.3) Und es klären auch – Ruhl zufolge - die übrigen Zelebritäten dies nicht. Eine Ausnahme wird immerhin gemacht: „Adrian von Buttlars Behandlung dieses Zusammenhangs in seiner Studie über den englischen Landsitz stellt die bisher einzige fundierte Auseinandersetzung mit diesem Problemkreis dar.“ (S.8) Um auch sie sogleich wieder zu relativieren: „Allerdings verweist von Buttlar nur kursorisch und ohne auf die Überschneidungen von Architekturliteratur und Ästhetik näher einzugehen, auf die Bedeutung des Geschmacksbegriffes für den englischen Landsitz.“
Carsten Ruhl offeriert dem staunenden Leser: „In dieser Studie soll daher der Versuch unternommen werden, den englischen Palladianismus und seine ästhetische Begründung in den geistesgeschichtlichen Kontext des 18. Jahrhunderts einzuordnen.“ Geistesgeschichtlich bleibt es denn auch. Bauten kommen eher am Rande vor, werden als Belege oder auch widerlegend herangezogen. Eine Geschichte des Neo-Palladianismus in England ist dies nicht. Aber eine geistesgeschichtliche Tour d´horizon höchsten Karats wird es schon. Und wer wissen möchte, was gedacht und geschrieben worden ist im England der Whigs und Torries und der Boy Patriots, das die zweckfreie Symmetrie des klassischen Palladianismus auch zu einer Bekenntnissache des anti-höfischen Landadels werden ließ, der wird in diesem Buch instruiert. Der Autor hat das englische 18. Jahrhundert von Shaftesbury, Pope und Addison studiert, nicht zu vergessen der pattern books, architectural companions und builder´s jewels. Er kennt sie und er bringt sie zum Sprechen. (Leider fehlt allerdings ein Namen- und Sachregister.) Man erkennt schon beim ersten Lesen so etwas wie eine geistig-stilistische Abfolge des Palladianismus von Inigo Jones zu Lord Burlington. Das Buch ist ein Buch und zugleich eine Dissertation: Es ist durchgängig flüssig geschrieben, aber es setzt intensives Interesse an einem nicht leicht eingängigen Thema der Architekturgeschichte voraus. Wer jenes Interesse mitbringt, der wird Gewinn aus der Lektüre ziehen, wie ich meine, den Gewinn eines klar strukturierten Zugangs zu Namen, die jenes Jahrhundert englischer Architektur bestimmten, das von sich behauptet, das erste gewesen zu sein, das der englischen Architektur Weltgeltung verschafft hat.

Jörg Deuter
Ruhl, Carsten: Palladio bears away the Palm. Zur Ästhetisierung palladianischer Architektur in England. 312 S. 32 sw., 1 fb. Abb. (Stud. z. Kunstgesch. 149) Gb, Olms, Hildesheim 2003. EUR 68,-
ISBN 3-487-11831-9   [Olms]
 
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