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Fiktive Architektur in der Literatur

Architekturen entstehen nicht nur aus Baumaterialien, sondern sie leben als imaginäre Welten in der Belletristik, vielfältig, da alles auf der Welt seinen Platz, seinen Raum hat. Dem Thema erzählte Architekturen widmet sich eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München (8.12.2006-11.3.2007), die von einem umfangreichen Katalog begleitet wird. Die Ausstellung geht zurück auf ein Projekt des Professors für Architekturgeschichte Winfried Nerdinger, der zugleich ein großer Freund belletristischer Literatur ist. Er kennt sich gut aus in den Forschungen seiner Kollegen der Literaturgeschichte. Er wurde zum Thema fündig z.B. bei Volker Klotz' bahnbrechender Untersuchung zur erzählten Stadt, bei Alberto Manguel und Gianni Guadalupi, die einen leider vergriffenen dreibändigen Führer zu imaginären Schauplätzen der Weltliteratur herausgaben. Das ist bei weitem noch nicht alles, die Literaturwissenschaft forschte zu Raumdarstellungen in der Literatur der Romantik, zu Imaginären Architekturen und vielen anderen Themen im Umfeld des Themas der Ausstellung. Viel Material also und da sind noch die Primärquellen. Nerdinger war anfangs seiner Auseinandersetzung mit dem Thema, so schreibt er im Vorwort, noch der Auffassung, das Thema "in den Grundzügen erfassen zu können", ein Trugschluß, denn das Thema "weitete sich immer mehr aus." Aus Gründen der Überfüllung stapelt Nerdinger tief, er will es bei der Darstellung "einiger Facetten" belassen. Herausgekommen ist jedoch durchaus ein Grundriß des vielgestaltigen Beziehungsgefüges Literatur und Architektur.

Das Thema, das Nerdinger in einem Seminar an der Universität behandelte, scheint seine Studenten und auch Kollegen begeistert zu haben, immerhin werden 120 Beispiele aus der Weltliteratur in 16 Beiträgen, aufgeteilt auf 8 Unterthemen, abgehandelt. Eingegrenzt wurde das Thema auf fiktive Orte in der Literatur. Deshalb werden reale Orte in literarischen Fiktionen wie Heimito von Doderers Strudlhofstiege in Wien, Henning Mankells Ystad in Schweden oder Walter Benjamins Berlin ausgeschlossen. Da Belletristisches auch in anderen Genres, Film und Theater erzählt wird, ergäbe sich ein weites Feld zu Bühnen- und Filmarchitekturen, wollte man diese einbeziehen. Dies wurde von Nerdinger, mit Ausnahme von zwei Beiträgen, Hans-Joachim Ruckhäberle zu Theatertexten und Theaterbildern und von Jochen Müller/Joern Hetebruegge zu "Metropolis" von Fritz Lang, jedoch ebenso ausgeschlossen, wie eine Geschichte zu Buchillustration fiktiver Räume. Aufgenommen wurden dagegen Bauten im Comic. Literatur in dem hier gemeinten Zusammenhang bezieht sich auf Poesie und Prosa, die nochmals durch eine Fülle von Formen gekennzeichnet ist. Zu Wort und Bild kommen Werke eher politischer Literatur (Staatsutopien), Romane (inklusive sciencefiction, Utopien), Erzählungen, Beschreibungen, Märchen, Sagen, Mythen und die Bibel. Auch im Architektonischen herrscht Vielfalt. Von kleinen Einheiten wie Zimmer oder Haus, geht es zu Städten, Ländern oder Inseln, angesprochen werden verschiedene Gebäudetypen oder architektonische Bauelemente. Zwei Beiträge sind einzelnen Literaten vorbehalten. Gesa von Essen spricht zu Robert Musils "Stadtimaginationen" und Gerhard Goebel behandelt den Fall Leon Battista Alberti. Er gilt als einer der größten Architekten der Renaissance (1404-1472), weniger bekannt, Alberti war auch Illustrator und Literat. Auf ihn geht der Roman "Hynerotomachia Poliphili" zurück. Des Protagonisten Poliphili Traumwanderung erstrecken sich auf 5 Stationen, in denen Bauten, Pyramide, Tor, Tempel, Mausoleum, Obelisken eine Rolle spielen.

Der erste Teil im Buch wird von Beiträgen der Autoren bestimmt, die sich jeweils, illustriert mit Beispielen, einem der Unterthemen widmen. Ab Seite 202 werden die acht Themen dann anhand von einigen Beispielen ausführlich bildlich dokumentiert, ihnen zugeordnet ist jeweils der die Architektur erzählende Primärtext als Auszug. Literatur und Architektur sind vielfältig aufeinander bezogen und diese Geschichte reicht weit zurück und hat sowohl Architekten als auch Literaten beschäftigt. Zunächst aber beschäftigte Nerdinger seine Studenten, die jeweils ein Werk der Weltliteratur lasen und deren Aufgabe es war die dort angesprochenen Architekturen als Modelle zu visualisieren. Über den gesamten Katalog werden daher, neben älteren Vergegenständlichungen fiktiver Räume, aktuelle Arbeiten von Nerdingers Studenten eingearbeitet. Furios gleich der Auftakt, zu sehen ist ein Modell zu John Dos Passos' Roman "Manhattan Transfer" von Antje Luckhardt und Nikolas Witte, furios auch das Ende. Zwei Literaten, Wolfgang Koeppen in "Die Mauer schwankt" und Gerhard Köpf in "Piranesis Traum" beziehen sich auf Giovanni Battista Piranesis berühmte "Carceri", die wiederum aktuell von Alexander Görg in ein dreidimensionales Modell übertragen wurden.

Nerdingers Haus der Literatur und Architektur beherbergt viele Räume. Am Anfang eines literarischen Werkes steht ein Plan zur Textorganisation. In Nerdingers erstem Zimmer sind jene Teile von Manuskripten von Literaten versammelt, in denen Dichter nicht nur Räume und Gebäude planen, sondern die Form der Planung architektonische Bezüge aufweist. Ein Fall bezieht sich auf den mit architektonischen Elementen versehenen Aufbau des belletristischen Werkes, der andere auf Skizzen zu Gebäuden und Räumen, die im Roman eine Rolle spielen. Viele schöne Beispiele, etwa William Faulkners Karte von "Yoknapatawha County" sind darunter, Hilde Strobl schrieb dazu einen informativen Beitrag. Sie alle kommen über den Status von Skizzen jedoch nicht hinaus, einige Doppelbegabungen wie J.R.R. Tolkien mit Hobbingen, bebilderten im Buch ihre eigenen Kreationen oder realisierten eine Umschlaggestaltung.

Im zweiten Raum, meisterlich erzählt von Ulrich Ernst, trifft man auf Architexturen. Ulrich Ernst, der mit einer fulminanten Veröffentlichung zum Thema Text als Figur bereits aufgewartet hat, dockt an diese Arbeit an und beschreibt spezielle Text-Bild-Ensembles. So besteht ein Pyramidengedicht aus Buchstaben, die sich als Gesamttext zur Figur einer Pyramide aufschwingen. Besonders schön, weil selten gezeigt, eine Moschee, geformt aus Zeichen der Kufi-Schrift.

In einem relativ großen Zimmer kann man ideale Städte und ideale Gemeinschaften, Andreas Tönnesmann und Ingrid Kau schreiben dazu sehr instruktiv, besichtigen. Im Unterschied zu vielen anderen Städten, gelten sie als unbewohnbar und im Unterschied zur Planstadt, der Beitrag von Jochen Witthinrich befaßt sich auch damit, verweist der Begriff Idealstadt auf Politisches, Gesellschaftliches. Das sagenumwobene Atlantis von Platon gehört ebenso in diese Kategorie, Robert Reise setzte sie 2006 ins Modell, wie Tommaso Campanellas utopische Sonnenstadt, von Anna Jenewein modelliert. In einer Ecke in diesem Zimmer tummeln sich die fliegende Insel von Jonathan Swift ebenso wie Alfred Kubins Stadt "Perle" oder Arno Schmidts "Gelehrtenrepublik". Benachbart ist diesem Genre die phantastische Architektur eines Italo Calvinos in den "Unsichtbaren Städten" oder das patapyhsische Unternehmen eines Alfred Jarry, kongenial eingeleitet von Hans Holländer. Von hier führt nur ein kurzer Weg zum Paralleluniversum, Architekturen im Comic. Von Diane Luther erfährt man dazu viel Wissenswertes. So zeichnete und collagierte der französische Architekt Yona Friedman anläßlich der elften Documenta einen achtseitigen Comic "zum Thema Architektur des Dritten Milleniums" für die Künstlerzeitschrift "Point d'Ironie". Abgebildet wird auch Arbeiten der Gruppe "Neuvième Rêve", die ihren ganz persönlichen Traum von geheimnisvollen Städten verwirklichten und ein Urbicande entwarfen.

Der Dialog von Architektur und Literatur wird im nächsten Raum fortgesetzt. In dieser Abteilung werden literarische Werke vorgestellt, bei denen Architektur nicht nur Schauplätze von Handlungen sind, sondern Räume zu Aussagen werden. Bedeutungen und Funktionen erdachter Architektur in der Literatur wird in der Abteilung "Handlungsräume und Tatorte" gezeigt. Dazu gehört etwa Adalbert von Stifters "Nachsommer". Schon der Titel verströmt Lebensruhe. Diese Stimmung kommt sehr schön im Modell von Josef Brandl/Wolfgang Schedlbauer zum Ausdruck. Nicht immer sind architektonische Beschreibungen in der Belletristik derart konkret und präzise, dass sie nachbaufähig wären. Sehr gut geeignet dagegen Joris-Karl Huysmans "Gegen den Strich". Dieses Werk inspirierte Juliette Israël 2004 zu ihrer universitären Abschlußarbeit einer Rauminstallation. Auch solche Beispiele aus jüngsten Produktionen, die nicht von Nerdingers Studenten kamen, sammelte der Initiator dieses Paralleluniversums. Dazu gehört eine Arbeit des Künstlers Marko Maetamm, Häuser werden als auktoriale Erzählinstanz eingesetzt.

Unter Nerdingers Dach findet sich noch eine Kammer, imaginierte Architektur wird in die Realität entlassen, also gebaut. So gingen von Paul Scheerbarts Romanen Impulse für Bruno Tauts Glashaus-Projekt aus, der Architekt Paul Schmitthenner, er steht für traditionelle Bau-ten, war von Stifters Rosenhaus im "Nachsommer" fasziniert und der Architekt Theodor Fischer zeichnete Pläne nach Stifter. Weitere schöne Beispiele folgen. Bis heute entfaltet in den USA die in "Walden" von Henry David Thoreau entworfene Hütte im Wald, in der er von 1845 bis 1847 lebte, einige Wirkung. Sie ist heute zerfallen, besichtigt werden kann der Nachbau von Tobias Hauser. Weitere Beispiele sind die von Curzio Malaparte entworfene Casa Malaparte oder die von Wilhelm Hauff konzipierte Burg Lichtenstein. Nicht nur wurde dem Roman mit der Errichtung des Gebäudes ein Denkmal gesetzt, sondern, ob der Popularität und des Stoffes, behandelt wird die württembergische Landesgeschichte, galt Hauffs Text als ideal das Haus Württemberg zu repräsentieren. Auch eine schöne Idee hatte der bekannte Architekt Peter Zumthor, der Häuser für Gedichte von Michael Hamburger und Amanda Aizpuriete entwarf.

Auch wenn es bisweilen prosaisch in der Architektur zugeht, die Baugesetzmäßigkeiten mißachtend stürzte das auf William Beckfords "Vathek" zurückgehende Gebäude "Fonthill Abbey" 1825 ein, Nerdinger liefert mit seiner fulminanten tour d'horizon viel Material zum Thema poetische Luftschlösser, die er von ebenso enthusiastischen Studenten wenigstens als Modell realisieren ließ. Dabei verstanden es alle Beiträger sehr geschickt von den Wechselwirkungen von Imagination, Entwurf und Realisation zu erzählen. Viele der hier behandelten Orte fanden Eingang auf Landkarten der Weltliteratur, alle bemüht etwas vom Glanz der Fiktion etwas in die heutige Realität zu transportieren. Und damit beginnt auch Nerdingers Eingangstext. Er schreibt zur "Kraft der Poesie, Realität zu verwandeln" und von der "Bedeutung, die Fiktionen gewinnen können." So ist es im Schwäbischen selbstverständlich mit Schloß Lichtenstein zu werben, viele besuchen das Städtchen Illiers, die Fiktionalisierung von Marcel Prousts Combray. Wer nun aber Nerdingers Schau in München nicht besuchen konnte, für den hält der Verlag Anton Pustet, der das Unternehmen Orte in Worten, Worte werden Orte kongenial in Szene setzte, das gelungene Katalogbuch bereit. Mindestens eine Reise im Kopf kann man damit machen und für Übersicht sorgt ein Register der fiktiven Orte und der realen Personen.

Sigrid Gaisreiter
Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur. Hrsg.: Nerdinger, Winfried. 2006. 568 S., zahlr. fb. Abb. 24 x 17 cm. Ln, Anton Pustet, Salzburg 2006. EUR 49,00
ISBN 3-7025-0550-4
 
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