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Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah nach 1945?

Anläßlich des Jahrestages der Reichspogromnacht und zu Ehren der am 27. September 2004 verstorbenen Dr. h.c. Thea Altaras veröffentlichen wir hier einen Bericht zur Gedenkveranstaltung in Gießen verbunden mit einer Würdigung des Buches, erschienen im "hauseigenen" Langewiesche-Verlag unter der Mitarbeit der Herausgeberin des Kunstbuchanzeiger.

Als Thea Altaras starb, war dies für alle völlig unerwartet. Sie wurde mitten aus den Abschlussarbeiten für die Neuauflage ihres Buchs zu den Synagogen in Hessen gerissen. Zahllose Dokumentationsfotos und handschriftlichen Notizen waren über ihr Arbeitszimmer verteilt; nach ihren Kriterien und Kategorien, die offenbar für andere nicht unmittelbar einsichtig waren. Die Nachlassaufarbeitung übernahmen die Verleger des Langewiesche-Verlags in Königstein, die bereits die Erstausgaben publiziert hatten: das Buch über die Synagogen in Hessen erschien 1987, das über die jüdischen Ritualbäder (Mikwen) 1994. Nicht umsonst trugen beide den Untertitel: „Was geschah nach 1945?“

Thea Altaras ging es gleichermaßen um die Dokumentation des baulichen Bestands und des Umgangs der Gemeinden und Städte mit diesen Gebäuden. Die Architektin war die erste, die Synagogenbauten als Erinnerungsorte entdeckte und immer wieder auf die Erhaltungswürdigkeit hinwies. Erst aufgrund ihrer Vorarbeiten stellte das Hessische Landesdenkmalamt die Gebäude(reste) unter Denkmalschutz und gab auch einen finanziellen Beitrag zur Publikation. Diesen hatte Verleger Hans-Curt Köster zwar gar nicht angefragt, - er hätte das Buch auch so publiziert -, aber sinnvoll umgemünzt: er verteilte Exemplare an alle hessischen Schulen und Bürgermeister, damit diese für das Thema sensibilisiert würden.

Die erweiterte Neuauflage beider Bücher in einem Band wurden Ende eiSeptember im Gießener Alten Schloss (Netanya-Saal) erstmals vorgestellt. Einen Einblick in die akribische Dokumentationsarbeit von Thea Altaras gab Gabriele Klempert vom Langewiesche-Verlag. Sie zeigte exemplarische Bilder vom vorgefundenen Zustand einiger Synagogenbauten im ländlichen Raum, stellte verschiedene Sanierungen und Neunutzungen vor. Viele ehemalige Synagogen sind zu Gedenkstätten und Kulturzentren geworden, einige wenige werden von jüdischen Gemeinden wieder für den Gottesdienst genutzt. Leider fanden auch nach der ersten Dokumentation noch finanziell begründete Abrisse statt, auch dies zeigt das Buch von Thea Altaras. Unerschrockene Kämpfe hat sie mit Architekten gefochten, die Synagogen nach neuesten Architekturvorstellungen umgestalten wollten. Als vorbildlich galt für sie die Sanierung der Synagoge in Roth bei Marburg, wo man die Spuren der baulichen Wunden sichtbar stehen ließ und kein „glänzendes Kleinod“ schuf; eine Einschätzung, die auch Landesdenkmalpfleger Prof. Gerd Weiß teilt.

Dass die Buchpremierenvorstellung in Gießen stattfand, erklärt sich aus der Tatsache, dass das Ehepaar Altaras seit 1969 in Gießen lebte und 1978 die Gründung der jüdischen Gemeinde Gießen aktiv mitgestaltete. Jakob Altaras war bis zu seinem Tod 2001 deren Vorsitzender, Thea Altaras trat seine Nachfolge an. Auch das 1995 neu erbaute Zentrum der Jüdischen Gemeinde ist eng mit den beiden verknüpft, war es doch Thea Altaras, die die vom Verfall bedrohte Fachwerksynagoge in Wohra entdeckt hatte. Mit deren Versetzung nach Gießen ging für sie ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung; zusätzlich sorgte sie für den Bau eines Ritualbads. Die kleine Fachwerksynagoge symbolisiert in Gießen die Brücke zwischen jüdischer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Thea Altaras wurde 1924 als Kind deutsch-ungarischer Juden in Zagreb geboren. Sie und ihre Mutter überlebten die nationalsozialistische Herrschaft, Thea ging in den kommunistischen Widerstand. 1945 nach Zagreb zurückgekehrt machte sie ihr Abitur nach und studierte Architektur. 1959 heiratete sie den Mediziner Jakob Altaras, der aufgrund der 1964 beginnenden „parteiinternen Säuberungen“ das Land verlassen musste. Er wurde 1969 als Radiologe an die Universität Gießen berufen, Thea folgte ihm bald mit der gemeinsamen Tochter Adriana. Sie fand eine Anstellung bei den Hochbauämtern Gießen und Marburg als Architektin. Erst nach ihrer Pensionierung begann sie mit ihren Recherchen zu den Spuren des Landjudentums in Hessen.

Ihre Tochter Adriana Altaras erzählt dazu: „Man muss sich das vorstellen. Als knapp 60-Jährige macht sie sich nach Beendigung ihrer beruflichen Laufbahn allein auf die Socken zu einer wirklichen Pionierleistung. Sie fährt mit ihrem kleinen Renault Clio jahrelang durchs hessische Land und forscht und sammelt. Energie hatte meine Mutter.“ Ein Mammutprojekt, das Thea Altaras 20 Jahre lang - bis zu ihrem Tod - verfolgte, das sie akribisch und beharrlich umsetzte, für das sie mehrfach geehrt wurde, unter anderem mit dem Ehrendoktor der Universität Gießen und der Hedwig-Burgheim-Medaille der Stadt Gießen.
Und was sie sich bei diesem persönlichen Vorhaben alles zumutete: es gab so manche Begegnung, die sie persönlich zutiefst berührte, etwa als jemand in ihr das zurück gekehrte Fräulein K. zu erkennen meinte, oder antisemitische Anfeindungen, die dazu führten, dass sie einzelne Orte nicht mehr besuchte; obwohl genau dies ihr erklärtes Ziel war: immer wieder hinfahren und dokumentieren. „Diese Aufgabe fällt nun auf uns“, konstatiert Gabriele Klempert. Der Langewiesche-Verlag steht als Sammelort für neue Informationen und die Dokumentationen der Veränderung zur Verfügung (www.langewiesche-verlag.de). In jedem Fall ist es ein unentbehrliches Nachschlagewerk für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Dagmar Klein
Altaras, Thea: Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen - Was geschah seit 1945? (Die Blauen Bücher ). Eine Dokumentation und Analyse aus allen 264 hessischen Orten, deren Synagogenbauten die Pogromnacht 1938 und den Zweiten Weltkrieg überstanden: 276 architektonische Beschreibungen und Bauhistorien, aus dem Nachlass. Hrsg.: Gabriele Klempert, Hans-Curt Köster. Beitr.: Heinrich Nuhn. 2., bearb., erw. u. aktualis. 400 S., 1244 z. T. fb. Abb., 27 x 21 cm. Gb Langewiesche, Königstein 2007. EUR 39,80
ISBN 3-7845-7794-6   [Langewiesche - Königstein]
 
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