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Vergangenheit und Zukunft der Stadt

Der Architekturkritiker Gerd Kähler schrieb seinen Kollegen 2002 ins Stammbuch, sie sollten, anstatt sich mit spektakulärer Architektur herausgehobener Einzelbauten zu beschäftigen, um nahe liegende Sachverhalte kümmern. Angesichts gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen, verstand Kähler darunter die Gestaltung lebenswerter städtischer und ländlicher Räume. Mindestens publizistisch ist, sichtbar an vielen Neuerscheinungen zum Thema Stadt, die Stadt ein großes Thema. Auch das Architekturfestival in Köln widmete sich 2007 und 2008 mit „plan07“ und „plan08“ dem Urbanismus, zumal 2007 zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land wohnen. Stadtpolitik ist eine interdisziplinäre Angelegenheit, bei der Kunsthistoriker, Ingenieure, Stadtplaner, Vertreter der Immobilienwirtschaft, Architekten, Soziologen, Ökonomen und Juristen mitreden. Neben expliziter Zeitdiagnostik befassen sich die meisten Publikationen mit der Zukunft der Stadt, untermauern die Ausführen aber auch gern mit Rückblicken, um Entwicklungslinien sichtbar zu machen. Zwar verlaufen Entwicklungen in Deutschland nicht abgekoppelt von allgemeinen Veränderungen, weisen aber, bedingt durch den politischen Systemwechsel nach 1990, auch Spezifika aus, weil sich nur hier, anders als in den Transformationsgesellschaften Osteuropas, zwei Länder mit stark divergierenden wirtschaftlichen Potentialen, zusammenschlossen. Überlagert werden Binnenwanderungen in ökonomisch stärkere Regionen von einem allgemeinen demographischen Trend, so dass sich selbst in ökonomisch starken Regionen Ostdeutschlands wie Leipzig, erhebliche Bevölkerungsverluste ergeben. So verlor Leipzig seit 1989 knapp ein Fünftel seiner Einwohner. Mit dem Problem schrumpfender Einwohnerzahlen und Veränderungen von Wirtschaftsstrukturen, so nimmt der erste Sektor (Landwirtschaft), aber auch der zweite Sektor (Verarbeitendes Gewerbe) zugunsten des dritten Sektors, Dienstleistungen, ab, müssen sich daher auch Stadtplaner befassen. Niederschlag findet dies u.a. in Publikationen, die sich mit der Umwidmung vormaliger Industriegebiete oder dem Ausbau von Mehrgenerationenhäusern beschäftigen. Ökologische Gesichtspunkte treten hinzu. Ein Stichwort hierzu wäre der Ausbau von Passivhäusern.

Zum richtigen Zeitpunkt erscheinen daher zwei, sich ergänzende Publikationen zur Stadtentwicklung, die sich an ein allgemein interessiertes Publikum richten. Elisabeth Lichtenberger, die das Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, gründete, legte einen Band, betitelt mit „Die Stadt“ vor, der einen großen raum-zeitlichen Bogen, so der Untertitel, „Von der Polis zur Metropolis“ spannt und dabei vor allem dem Verhältnis von politischem System und normativen Prinzipien des Städtebaus auf der Spur ist. Betrachtet werden politische und städtebauliche Entwicklungen in den USA und West- und Osteuropa, die zugleich für drei politische Organisationsformen stehen. Die Staaten Osteuropas gelten, hier liegt Lichtenberger auf der Linie politologischer Forschungen, als Transformationsstaaten, die wirtschaftlich vom Plan auf Markt, politisch von Diktatur auf Repräsentativdemokratien umstellen bzw. umgestellt haben. Politologisch umstritten dürfte aber Lichtenbergers zweite Differenzierung sein, denn sie unterteilt lediglich in das „soziale Wohlfahrtssystem Europas“ und das „privatkapitalistische System der USA“, denn in der Regel wird in den Sozialwissenschaften zwischen dem angloamerikanischen Modell des Wohlfahrtsstaates, er umfasst die USA und Großbritannien, dem skandinavischen Modell und dem mitteleuropäischen Modell unterschieden.
Während es Lichtenberger um große und relativ grobe Entwicklungslinien geht, stellt die zweite Publikation „Stadtentwicklung“ von Gerd Albers und Julian Wékel nicht nur auf den deutschen Fall ab, sondern widmet sich vor allem dem verwaltungsinternen Planungsprozess, flankiert von historischen Exkursen und zu sozialen und politischen Kontexten.

Wie komplex die Thematik insgesamt ist, wird schon in der Einleitung bei Albers/Wékel deutlich. So gehöre das „Begriffspaar Stadt und Land“ zur Agrargesellschaft, seit 1965 werde im Raumordnungsgesetz daher vom „Verdichtungsraum“ und vom „ländlichen Raum“ gesprochen. Entstanden sei, so das Autorenduo, ein „Stadt-Land-Kontinuum“ mit einer Fülle von Siedlungsformen. Insgesamt warten die Autoren mit einer Fülle von Informationen auf, die für den Leser durch zahlreiche Zeichnungen und Übersichten auch anschaulich werden. Allein die von den Autoren erarbeitete Darstellung der Entwicklung des Planungsverständnisses seit 1860, von der Anpassungsplanung über die Auffangplanung (1900-1960) zur Entwicklungsplanung (1960-1980) hin zur Perspektivplanung seit 1980 rechtfertigt es, dieses Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Vom deutschen Fall einmal abgesehen, wird man in vergleichender Perspektive zum Thema Stadtplanung bei Lichtenberger fündig. Andere Länder, andere Planungskulturen und dies führt dann auch zu anderen Städten. So unterscheidet sich die kontinentaleuropäische Stadt gravierend von US-amerikanischen Städten. Sie kennt, abgesehen von Frankfurt am Main, weder die dichte Innenstadtbebauung mit Wolkenkratzern und noch breiten sich in ihr in größerem Ausmaß „Verfallsgebiete“ aus. Deren Ausbreitung in US-amerikanischen Städten ist auch der finanziell schlecht ausgestatteten öffentlichen Hand geschuldet. „Innerstädtische Wüstengebiete“ nennt Lichtenberger diesen Zustand. Etwas störend wirken in ihren insgesamt spannenden und verständlich geschriebenen Ausführungen lediglich die zahlreich eingestreuten Anglizismen wie Take-Off, Top-Down, Commercial Blight, Primate-City-Effekte und viele mehr. Von Bedeutung, daran lässt Lichtenberger keinen Zweifel, ist das Stadtzentrum auch deshalb, weil es stets auch als „die soziale Mitte“ galt. Auch dieser Band wurde sehr anschaulich gestaltet. So zeigt etwa auf S. 69 im Kapitel zur Stadtmitte, sehr schön in einer Zeichnung auf, wie sich die Zugänglichkeit zur „sozialen Mitte“ im Ablauf der Zeit veränderte.

Insgesamt bietet auch die Arbeit von Lichtenberger, durch geschickte Gliederung, einen guten Überblick über die Entwicklung der Stadt. Auf den historischen Abriss zu antiken Stadtkulturen, zur Stadt des Mittelalters, der Residenzstädte im Absolutismus und der entstehenden Industriestädte, folgen Kapitel zu Stadtentwicklungen im Vergleich politischer Systeme, danach werden einzelne Stadträume wie Stadtmitte. Stadtränder, Stadtviertel und Metropole vorgestellt, ehe in einem zweiten Durchgang Themen wie Privatheit, halböffentlicher und öffentlicher Raum und die Anatomie der Stadt angesprochen werden. Den Abschluss bilden zwei Kapitel zum Wohnen und Arbeiten in der Stadt. Lichtenberger gelingt es, den Stoff gut zu strukturieren, so dass die großen Linien deutlich werden, die insbesondere für ein Publikum, das vor allem europäische Städte kennt, interessant sein dürfte. So liegt, im Unterschied zu Europa, der Denkmalschutz in den USA hauptsächlich in privaten Händen. Dies führt zu architektonischen Gebilden, die in Europa undenkbar sind. So zeigt eine Abbildung ein denkmalgeschütztes Haus in Washington, das von modernen Park- und Bürohäusern überwölbt wird und damit komplett zugebaut wurde.

„Nur Wilde und Götter leben nicht in der Stadt“ meinte Aristoteles. Damit die heutige Stadt, unabhängig davon wer darin lebt, lebenswert bleibt oder wieder wird, ist es unerlässlich, sich mit ihr zu beschäftigen, schließlich handelt es sich nicht nur um einen bebauten Raum, sondern es geht auch um soziale Belange. Wem Stadtentwicklung und Denkmalschutz nicht gleichgültig ist, bekommt mit beiden sich ergänzenden Büchern, ein gutes Rüstzeug, um auch bei Planungen mitreden zu können. Eines wird insbesondere bei Lichtenberger deutlich, dieser Raum ist zu wichtig, als dass dessen Ausgestaltung Privatleuten, die vor allem eigene ökonomische Interessen verfolgen, überlassen bleiben darf. Zwar bietet auch die Baupolitik der öffentlichen Hand nicht unbedingt die Garantie dafür, dass keine unwirtlichen Städte, um einen Begriff von Alexander Mitscherlich zu gebrauchen, entstehen, Gemeinwohlorientierung allerdings ist ihr vorgegeben. Kritisch sieht Lichtenberger daher auch auf eine Entwicklung, die stärker in den USA als in Europa ausgeprägt ist und sich darauf bezieht, dass dort der Markt „die Funktion eines viertelbildenden Instruments übernommen hat.“ Letztlich führe dies, so die Autorin weiter, zur sozialen Segregation und zu in sich abgeschlossenen Vierteln, die von privaten Sicherheitsfirmen bewacht werden.

Die Stadt ist eine erfolgreiche soziale Lebensform des Menschen. Die globale Verbreitung und Umgestaltung hält auch im 21. Jahrhundert an. Die Vorstellungen, die sich mit Stadt verknüpfen, sind kultur- und epochenspezifisch abhängig vom Standpunkt des Beobachters. Bei Lichtenberger mehr, bei Albers/Wékel weniger, spielen eigene Präferenzen daher auch eine Rolle. Dies ist aber alles in allem eine zu vernachlässigende Größe. Städte sind Organismen, die einen eigenen Charakter ausbilden. Diesen mit geschärftem Blick zu erfassen, dazu laden beide Bücher gleichermaßen ein.
20.2.2009

Lichtenberger, Elisabeth: Die Stadt. Von der Polis zur Metropolis. 304 S., 252 sw. Abb. 21 x 27 cm. WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2001 Gb EUR 39,90 ISBN 3-534-15441-X

Sigrid Gaisreiter
Albers, Gerd: Stadtplanung. Eine illustrierte Einführung. 208 S., 120 fb. Abb. 27 x 21 cm. Gb Primus, Darmstadt 2007. EUR 39,90
ISBN 3-89678-621-0   [Primus]
 
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