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„Was die Maschine erzeugt, muss nicht geschmacklos sein“

Richard Riemerschmid – der große Jugendstil-Gestalter – war Münchner durch und durch. 1868 wurde er in der bayerischen Hauptstadt geboren – und lebte beinahe 90 Jahre hier, bis er 1957 starb. Dazwischen: ein Leben als freischaffender Künstler, Gestalter und Architekt, dessen vielen Facetten jetzt ein neues Buch nachspürt.

Maria Wüllenkempers Band „Richard Riemerschmid“ – die überarbeitete Fassung einer Dissertation an der Universität Regensburg – folgt dem Werk Riemerschmids entlang den Lebenslinien: Nach dem Abitur zuerst das Malerei-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Gabriel Hackl und Ludwig von Löfftz. Später schreibt er für die Zeitschrift „Jugend“ und ist als freier Maler tätig – arbeitet in spät-impressionistischer Manier. Er war Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk und des Deutschen Werkbundes, von 1912 bis 1924 leitete er die Kunstgewerbeschule in München, 1926 bis 1931 wirkte er Professor und Direktor der Kölner Werkschulen.

Riemerschmid war als Gestalter äußerst vielfältig: Er entwarf unter dem Einfluss der Arts and Crafts-Bewegung von William Morris Möbel, Tapeten und Stoffe, aber auch Gläser und Gefäße aus Porzellan und Keramik, welche durch die Westerwälder Steinzeug-Industrie produziert wurden – einiges wird heute noch zu gar nicht allzu teuren Preisen auf dem Kunstmarkt angeboten. Er arbeitete als Architekt und Innenarchitekt, war etwa für den Musiksalon für die deutsche Kunstausstellung in Dresden verantwortlich und leitete den Bau der heute unter Denkmalschutz stehenden Gartenstadt Dresden-Hellerau, vorzügliches Beispiel einer humanen Architektur.

Er entwarf neben vielen Villen und Wohnhäusern im Jahr 1901 die Innengestaltung des Schauspielhauses der Kammerspiele in München – das erste Jugendstiltheater der Welt – und im Jahr 1903 Räume auf der Ausstellung der Dresdener Werkstätten. Beteiligt war Riemerschmid am Bau der Nürnberger Gartenstadt, er wird Direktor der Kunstgewerbeschule in München und wirkte auch im Kunsttheoretischen – veröffentlichte 1917 etwa ein Buch über „Wege und Irrwege unserer Kunsterziehung“. Spätere Projekte sind etwa die Luftfahrthalle in München im Jahr 1925 oder das Münchner Funkhaus.

Wüllemkempers wissenschaftliches Buch rückt einen Mann – im Vergleich zu Zeitgenossen wie etwa Henry van de Velde, Walter Gropius, Bruno Taut oder Franz von Stuck – wieder ins Licht der Forschung, der einige Jahre in Vergessenheit geraten war. Die letzte größere Ausstellung seines Werkes fand 1982 unter dem Titel „Richard Riemerschmid. Vom Jugendstil zum Werkbund“ im Stadtmuseum München statt, die von einem Katalog begleitet wurde. Wüllenkemper fasst die neuesten Forschungsergebnisse nun zusammen und beschreibt Riemerschmid als einen prägenden Vertreter des deutschen Jugendstil, dessen Arbeit das Wohnen im frühen 20. Jahrhundert entscheidend beeinflusst hat.

Vor allem aber, so führt Wüllenkemper auch mit Hilfe bisher noch nicht publizierten Quellenmaterials aus, war der Universalkünstler Riemerschmid neben Peter Behrens und Bruno Paul auch ein avancierter, sozial engagierter Befürworter der maschinellen Produktion. Es war eine Idee des Deutschen Werkbundes, preisgünstige Produkte in guter Qualität herzustellen – seit 1902 fertigte Riemerschmid sachliche, nun deutlich den floralen Jugendstil überwindende Möbel-Entwürfe für die „Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst“ an, die zur Serienherstellung geeignet waren: ein Pionier maschinell hergestellter Möbel und des Industriedesigns. „Was die Maschine erzeugt, muss nicht geschmacklos sein“, argumentierte Riemerschmid, dessen Motto dieser sorgfältig bearbeitete Band ausführlich zusammenfasst: „Nicht die Kunst schafft den Stil, das Leben schafft ihn.“
14.9.2009
Marc Peschke
Wüllenkemper, Maria: Richard Riemerschmid (1868-1957). Nicht die Kunst schafft den Stil, das Leben schafft ihn. Hrsg. v. Wagner, Christoph. 2008. 352 S., 201 sw. Abb. 24 x 17 cm. (Regensburger Studien zur Kunstgeschichte 6) Gb EUR 59,00
ISBN 3-7954-2095-4   [Schnell & Steiner]
 
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