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Dornach Design

»Dornach Design« ist wirklich ein Kunstbuch im besten Sinne des Wortes. Es ist nicht zu viel gesagt, dass die Studie des Kunsttherapeuten, Dozenten und Schreinermeisters Reinhold Fäth die Erforschung der aus der Anthroposophie Rudolf Steiners erwachsenen künstlerischen Design-Impulse auf eine völlig neue Grundlage stellen wird.

Eine Basis, deren subtile Tiefenschichten zu erforschen sich künftige Generationen nun anzuschicken haben, worauf der Autor mehrfach hinweist. Möbelschreiner, Designer oder Architekten, sowie alle an der Ästhetik eines neuen »Stils« ehrlich Interessierten, aufgehorcht, das Buch – es ist nach »Rudolf Steiner Design« und »Designtherapie« die dritte Publikation des Autors – gilt es zu studieren. Es dürfte sowohl für Insider der anthroposophischen Bewegung als auch jeden Kunsthistoriker eine mittlere Sensation sein, ein Augenreiben darüber auslösen, warum die entsprechende Forschung zu dem von Reinhold Fäth an Licht geförderten Thema gleichsam rund neunzig Jahre wie im Dornröschenschlaf gelegen, ihn schlichtweg ignoriert hat. Erstmals überhaupt wird hier ein Designimpuls in nuanciert-individueller Ausprägung zugänglich, dessen künstlerische Kraft – oder hat man vor dem Hintergrund der geistigen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts gar von einen Kulturimpuls zu sprechen – dem Leser zuweilen fast den Atem verschlägt – und noch immer lebt!

Zu konstatieren ist, dass die esoterischen Quellen des Gestaltungsimpulses des Bauhauses ebenfalls erst achtzig Jahre später in das Bewusstsein der Forschung dringen, im Bezug auf den zeitlich früher noch anzusetzenden Impuls des »Dornach-Design« rätselhafterweise aber überhaupt keine Forschungstradition entstand, die jetzt – wie im Falle des Bauhauses – zu korrigieren und zu ergänzen wäre. Im vergangenen Jahr erhielten einige wenige Aspekte des »Dornach-Design« in und mit der Wanderausstellung des Vitra-Design-Museum »Rudolf Steiner. Die Alchemie des Alltags« eine erste publikumswirksame Resonanz. Reinhold Fäths bahnbrechende Studie öffnet nun den Weg zu den Quellen – soweit sie noch vorhanden sind. Wie reichhaltig dieser Gestaltungsimpuls des Dornach Design gewesen sein muss, spürt man auf jeder Seite des Buches, das nur eine Auswahl dessen, was dem Autor bekannt ist und wohl einstmals vorhanden war, zeigen kann.

Für wissenschaftliche Kontroversen und erhebliches Kopfzerbrechen dürfte das einleitende Kapitel »Goetheanum-Stil und Antibauhausdesign« sorgen, kann der Autor hier doch überzeugend die völlige geistige Eigenständigkeit des sich im »Dornach-Design« manifestierenden Impulses nachweisen, ein Aspekt, welcher die Kunstgeschichte in ihrem Bemühen, innere Abhängigkeiten, Wechselwirkungen oder Beeinflussungen eines Impulses durch einen anderen zu erklären (etwa das Bauhaus aus der mittelalterlichen Bauhüttenthematik), vor gewisse Probleme stellen wird. Pikanterweise bezieht sich Reinhold Fäth sogar explizit auf den traditionell als wichtigsten Design-Impuls im 20. Jahrhundert erachteten Kulturimpuls des Bauhauses, wenn er von »Antibauhausdesign« spricht und er kann die Gründe, die dazu berechtigen, stichhaltig und überzeugend darlegen. Die am Ende des Einleitungskapitels von ihm benannten »Stil-Kriterien« legitimieren diesen scharfen und bewusst kritischen Begriff: »Unsichtbares Wie«, »Gefühl und Farbe«, »Liebevolle Zuneigung«, »Organik und Ökologie«, »Lebendige Flächen«, »Oberer Abschluss«, »Geometrie und Pentagon«, »Formen des kristallisierten Ätherleibes«, »Niedersenken und Sprechen übersinnlicher Wesenheiten«, »Sichtbare Musik« und »Gleichgewicht«.

Dem Leser bieten diese Kriterien – er muss mit ihnen wirklich innerlich umzugehen lernen, da sie nichts »Fertiges« sind – eine Handhabe, um in den nachfolgenden zwanzig Kapiteln, die je einem Möbelkünstler gewidmet sind, selbst studierend tätig zu werden. Die Fülle der meist noch nie publizierten Abbildungen, auch kleiner, zunächst unscheinbarer Details, bieten viele Anregungen. Es ist zuweilen so als ob man in eine Werkstatt blickt.

Da es sich bei den vorgestellten Künstlerpersönlichkeiten um – von Rudolf Steiner einmal abgesehen – weitgehend in der Forschung unbekannte Künstler handelt, denen bisher keine eigenen Monografien gewidmet wurden, seien sie in der Reihe der Darstellung ihrer Werke durch den Autor benannt: Rudolf Steiner (1861-1925), Hermann Ranzenberger (1891-1967), Ernst Aisenpreis (1884-1949), Wilhelm von Heydebrand (1888-1970), Oswald Dubach (1884-1950) Paul Bay (1891-1952), Heinrich Eckinger (1905-1995), Hans Itel (1898-1988), Max Sigler (1904-1944), Bernhard Weyrather (1886-1946), Walther Kniebe (1884-1970), Wharton Esherick (1887-1970), Fritz Westhoff (1902-1980), Siegfried Pütz (1907-1979), Felix Kayser (1892-1980), Albert von Baravalle (1902-1983), Fritz Schuy (1891-1983), Enjar Eising (1909-1995), Rex Raab (1914-2004), Reimar von Bonin (1930-1997). Viele unter ihnen, das fällt auf, waren Architekten.

Bei jedem von ihnen, möchte man nach Lektüre der notwendig knappen biografischen Darstellungen Reinhold Fäths eigentlich mehr von dem Menschen, der hinter den abgebildeten Werken steht, wissen. Dessen ist sich der Autor, der vor allem ihre Werke sprechen lässt, bewusst, darauf zielt er ab, wenn er die Forschung herausfordert und formuliert: »Es fehlt ein kunstgeschichtliches Grundlagenwerk, das die wichtigsten anthroposophischen Künstler des 20. Jahrhunderts biografisch erfasst und deren Werke exemplarisch vorstellt – in ähnlicher Weise, wie ich es mit dem vorliegenden Buch versucht habe« (S. 253).

Ich verzichte aus Platzgründen auf das Unterfangen, einzelne Werke bestimmter Künstler zu befragen, und schließe mit dem Hinweis, dass der Autor den Leser in sehr direkter und persönlicher Weise an seinen über Jahren getätigten spannenden Recherchen, die zu zahlreichen Neuentdeckungen führten, liebevoll teilhaben lässt. Da er nicht nur als Theoretiker, sondern zugleich als Praktiker schreibt, darf sein Buch gewiss auf eine beruflich sehr unterschiedliche Leserschaft hoffen.

28.03.2011


Matthias Mochner
Fäth, Reinhold J. Dornach Design. Möbelkunst 1910 bis 2010. 272 S. fb. Abb. 31 x 25 cm. Gb. Futurum Verlag, Dornach 2010. EUR 64,00. CHF 89,00
ISBN 978-3-85636-220-1
 
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