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Bathroom

Haben Sie schon einmal während einer Sitzung auf Ihrem stillen Örtchen darüber nachgedacht, wohin sie Ihre Hinterlassenschaften alsbald mit einem Knopfdruck befördern? Daß Sie Ihren Mist durch Rohre in eine Kanalanlage des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts senden – Resultat aufwändiger, jedoch auch umstrittener Hygienebestrebungen –, dass sie mit dem Wasserstopknopf an dem Reservoir Ihrer Toilette eine Erfindung der 1970er Jahre bedienen und dass Sie immer noch aus vermeintlichen Bequemlichkeitsgründen und der Dominanz der westlichen Standards in Badezimmereinrichtungen eine Sitzhaltung einnehmen, die Ihren Darmausgang übermäßig strapaziert, statt sich in die Hämorrhoiden feindliche Hockstellung zu begeben? Kurzum, sind Sie sich bewusst, dass sie hier im Badezimmer zwar einem natürlichen Drang nachkommen, jedoch indem Sie ihn als einen kulturell mannigfach geprägten Vorgang vollführen? Falls Ihnen in den Sinn kommt, sich mit diesen Fragen zu befassen, sollten Sie unbedingt zu Barbara Penners Buch „Bathroom“ greifen, denn hier finden Sie alles wissenswerte über die Genese des privaten Badezimmers im 19. und 20. Jahrhundert, wobei die Autorin dem Ausstattungsgegenstand Wasserklosett aufgrund ihrer bisherigen Forschung besondere Aufmerksamkeit entgegenbringt.
Thema des Buches ist allerdings das gesamte Badezimmer, das für die Architekturhistorikerin nicht an den Wänden endet. Sie verfolgt vielmehr auch die Rohrsysteme und technischen Errungenschaften, denen das Badezimmer als häusliche Nasszelle bedarf. Das Buch beginnt mit einer Zeitreise ins England – mit Seitenblick auf Amerika und Paris – des 19. Jahrhunderts und befasst sich mit den Hygienemaßnahmen, die einer breiten Bevölkerungsschicht das Bad und die Wassertoilette näher brachten. Die englischen Errungenschaften wurden dabei zum Standart, der sich auch ins europäische Ausland vermarkten ließ: Die Entwicklung des Badezimmers ist somit auch eine wirtschaftliche Pionierleistung, denen die Autorin anhand der frühen Sanitätskeramikwerkstätten Macfarlane und Jennings nachgeht. Den nächsten Schwerpunkt legt die Autorin dann ins frühe 20. Jahrhundert, denn zu dieser Zeit wird der Baderaum zum ersten Mal Gegenstand der Arbeit der Architekten: Effektiv, einfach, sauber und natürlich weiß, das Badezimmer steht hier als Teil fürs Ganze der Moderne.
Im Folgenden bricht die Autorin dann ihre chronologische Gliederung zugunsten einer thematischen auf: Zunächst untersucht sie die Entwicklung des Badezimmermöbels im 20. Jahrhundert und das Ringen um allgemeingültige Standards und den Versuch, das Badezimmer zu rationalisieren, das heißt räumlich effektiv zu gestalten, Jedem zugänglich zu machen und auf viele Nutzungen hin zu optimieren. Demgegenüber, zeitlich parallel, entwickelt sich der Baderaum aber auch zunehmend zum individuellen Repräsentations- und Wohnraum, besonders von Tänzerinnen, Filmstars und -sternchen, und wird somit dem rein funktionalen Dasein enthoben.
Somit finden sich in den 1970er Jahren zum ersten Mal Versuche, das Bad nutzerorientiert zu gestalten, dass heißt, einen Raum für jedes Alter, für alle Größen und Beweglichkeiten zu schaffen, aber auch das Bad zu demokratisieren und die Spaltung in Behinderten-, Frauen- und Männereinrichtungen, ja sogar die Unterteilung nach Rassen aufzugeben. Das Buch endet dann mit einem Ausblick in die neusten Badezimmerdesigns, aber auch über die europäischen Grenzen hinaus in andere Weltteile. Dabei wird deutlich, dass das wassergebundene private Badezimmer längst nicht weltweiter Standard ist, noch weltweiter Standard werden sollte. Die bereits 1972 gestellte Forderung des Architekten Graham Caine, sich wieder mit seinen Hinterlassenschaften in Beziehung zu setzen bleibt dabei aktuell: Neben dem neusten Badezimmerdesign, das eine Toilette mit Wasser aus dem Waschbecken betreibt, steht die Forderung die menschlichen Abfälle, wie noch im 19. Jahrhundert, wo sie zum Bewirtschaften von Farmen genutzt wurden, sinnvoll zu verwerten. Hier ist einiges über einen Zusammenhang zu lernen, der uns verloren gegangen ist. Dass man nämlich im wahrsten Sinne des Wortes aus Scheiße auch Gold machen kann.
In diesem Sinne, zur angeregten Lektüre, aber auch um Weiterdenken aktueller Problemlagen, zum Beispiel bezogen auf die unterforderten Kanalisationen der schrumpfenden Städte im deutschen Osten, ist Penners Buch eine wahre Goldgrube, die man nicht zur Klolektüre verkommen lassen sollte.

2. Mai 2014
Vera Herzog
Barbara Penner. Bathroom, 336 S., 121 sw. u. 49 fb. Abb. Pb. 21 x 16 cm, £16.95 Redaktion books London 2014. . info@reaktionbooks.co.uk
ISBN 978-1-7802-3193-8
 
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