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Modestadt Berlin

Ein kolossales Buch! Es geht um nicht weniger als die Rekonstruktion einer vergessenen Welt: Berlin als Stadt der Mode. Gesa Kessemeier erzählt die Geschichte eines Industriezweigs, der aus dem Gedächtnis der Stadtgeschichte getilgt ist, weil das von jüdischen Couturiers, Händlern und Kaufleuten dominierte Business im Zuge nationalsozialistischer „Arisierungspolitik“ systematisch zerstört wurde und sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erholte.
Im ersten Teil des großformatigen, reichhaltig illustrierten und informativ geschriebenen Buches zeigt Kessemeier die Strukturen der Anfang des 19. Jahrhunderts etablierten Berliner Modebranche auf. Sie erklärt die Produktionsbedingungen des Designs, der ausführenden Schneiderwerkstätten („Zwischenmeister“), deren Schwundstufe heutige Sweatshops darstellen. Sie zeigt die zunehmende Emanzipation vom Vorbild der Modemetropole Paris – bei gleichzeitig enger Zusammenarbeit – und macht den Aufstieg der großen Modekonzerne nachvollziehbar, die sich aus dem Stoffhandel entwickelten.
Anschaulich ist dabei immer die Verortung in der Berliner Topographie: das erste Modeviertel rund um das Berliner Schloß bekam um die Wende 1900 ein Pendant im „Neuen Westen“ am Kurfürstendamm. Aber auch das Tiergartenviertel (etwa dort, wo sich heute unweit das Potsdamer Platzes das „Kulturforum“ befindet) war ein wichtiger Standort – durch Abriß während des NS und die Zerstörungen des Krieges ist das Quartier nahezu ausgelöscht.
Der zweite Teil des Buches besteht aus Porträts und Einzelstudien zu Designern, Modehäusern und Salons. Auf diese Weise werden zentrale Protagonisten der Berliner Modewelt lebendig und die großen wirtschaftlichen Entwicklungslinien nachvollziehbar – als Luxusindustrie war die Sparte stark von Konjunkturen abhängig und durch politische Zäsuren (Deutsch-Französischer Krieg, Erster Weltkrieg, Inflation, Deflation, NS) stark von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt, was zu Pleiten und Fusionen führte.
Bei all dem geht die Forscherin mit historischem Instrumentarium vor, schildert die Entwicklung der Firmen und Karrieren, zeigt Netzwerke, Familienzusammengehörigkeiten und eine regelrecht modedynastische Heiratspolitik unter den Konzerninhabern auf. Dabei hätte man sich beherzte Einblicke in die Mode selbst gewünscht: Was machte, stilistisch, stofflich, athmosphärisch, das jeweilige Haus aus? Welche Modelle entwickelte man für welche Zielgruppe? Wie veränderte sich dies über die Jahrzehnte? Auch Sozialkritik spart die von ihrem Gegenstand mitunter stark eingenommene Kessemeier aus. Und das, obwohl sich nicht nur ein vergleichender Blick auf die vo Glamour ausgeschlossenen unteren Gesellschaftsschichten angeboten hätte, sondern auch ein kritisches Hinterfragen der von der Modewelt kolportierten Geschlechterrollen – vor und hinter den Kulissen.
Für diese wichtigen Fragen und Themen bietet das Buch allerdings nun eine mehr als üppige Grundlage, sodass Kessemeiers „Modestadt Berlin“ hoffentlich bald eine umfangreiche Forschung auslöst. Was Kessemeier in mehr als zehn Jahren Arbeit zusammengetragen hat ist schlichtweg eindrucksvoll – durch das Verlagshaus Hentrich und Hentrich und die beteiligten Buchgestalter in ein opulentes Format gebracht, dass zu eingehendem Studium wie zu lustvollem Schmökern einlädt.

02.04.2026
Christian Welzbacher
Modestadt Berlin. Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836?1936 ? 50 Porträts. Kessemeier, Gesa.696 S. 26 x 21 cm. Hentrich und Hentrich, Leipzig 2025. EUR 50,00.
ISBN 978-3-95565-730-7
 
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