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Wiener Silber. Modernes Design 1780 - 1918

Als sich vor 100 Jahren der Architekt und Kunstgewerbler Josef Hoffmann, der Maler und Grafiker Koloman Moser und der Bankier Fritz Waerndorfer in der "Wiener Werkstätte Produktiv-Gemeinschaft von Kunsthandwerkern in Wien" zusammentaten, brodelten in der Donaumetropole enorme künstlerische Energien: die Stadt - ein Schmelztiegel des Historismus, neobarocker Nachwehen und diverser aufbrechender Stile. Es waren die Jahre des Jugendstils und der Secession, des Gustav Klimt, des "Nutzstil"-Architekten Otto Wagner, des jungen Schiele; Jahre des Aufbruchs und der Losung "Der Zeit ihre Kunst - der Kunst ihre Freiheit".
Auch die aus Künstlern und Handwerkern formierte neue Werkstätten-Produktionsgemeinschaft mit dem doppelten W als Markenzeichen wollte Aufbruch und Abkehr von den rückwärtsgewandten Aneignungen des seit 70 Jahren herrschenden Historismus. Im Bestreben, alle Lebensbereiche künstlerisch zu durchdringen, rebellierte sie gegen "die schlechte Massenproduktion einerseits, die gedankenlose Nachahmung alter Stile anderseits" (so das Arbeitsprogramm der WW), aber auch gegen die dekorativen Auswüchse des Jugendstils und setzte stattdessen, besonders in den Gold-, Silber- und anderen Metallarbeiten, auf klare geometrische Lineaturen und Formen. Dass man dabei auch aus der eigenen Tradition des Wiener Kunsthandwerks und der überaus reichen Silberproduktion schöpfen konnte, zeigt ein opulent ausgestattetes Katalogbuch aus dem Hatje Cantz-Verlag, das die Erfolgsgeschichte des Wiener Silbers rekapituliert und dessen ungebrochene Aktualität herausstellt.
Das, was noch heute zeitgemäß, wenn nicht zeitgenössisch anmutet, hat seine Wurzeln um 1780, als Kaiser Joseph II. die Alleinregentschaft antrat, im Fahrwasser der Aufklärung Sachlichkeit und Schlichtheit förderte und damit einen tiefgreifenden Wandel des ästhetischen Empfindens herbeiführte.
Buch und Ausstellung klammern, wie der Untertitel "Modernes Design 1780-1918" vermuten lässt, den Historismus aus und handeln von Etappen und Aspekten dieser besonders in der Silberschmiede verwirklichten Vormoderne, die freilich auch durch äußere Umstände begünstigt war: Wien, damals die bevölkerungsreichste deutschsprachige Stadt, zählte im 19. Jahrhundert weit mehr als hundert eingetragene Silberschmiede bei einer zahlungskräftigen und geschmacksbewussten adligen Klientel.
Erwartet man sich als Nachwehen des Rokoko geschmäcklerisches Ennui und später die heimlich geliebte Blasiertheit des Fin de siècle, so wird schon beim Blättern in dem reich bebilderten Prachtband deutlich, wie mustergültig und stilbildend das einfache und sachlich schöne Wiener Design jener Zeit war. Die fortschrittlich Gesonnenen befreiten ihre Arbeiten von ornamentalem Wildwuchs, wandten sich dem formberuhigten Klassizismus, der "Geometrie als Sprache der Aufklärung" (Katalog) zu und partizipierten mit der Wiener Werkstätte schließlich kurz, aber intensiv am Geist der radikalen internationalen Moderne, bis die als Alltagsobjekte schließlich immer weniger praktikablen und tauglichen Silberarbeiten mit dem Zerfall der Habsburger Monarchie aus der Mode kamen.
Der Katalog befragt auch die Nachklänge des Wienerischen Formgefühls. Es fördert frappante Ähnlichkeiten zwischen scheinbar alten und angeblich neuen Designvorstellungen zu Tage. Eine Keksdose, 1815 geschaffen von dem "bürgerlichen Silberarbeiter" Alois Würth, steht in der unbestechlichen Klarheit und Schnörkellosigkeit einem 150 Jahre später entstandenen Milchkännchen von Arne Jacobsen in nichts nach. Auch die Nähe von Marianne Brandts Konfektdose (1926/27) zu einer 1834 entstandenen Toilettendose von Stephan Meyerhofer sen. zeugt vom virulenten Vorspiel der Moderne im Biedermeier. Alte Wiener Tee- oder Weinkannen wirken ebenso zupackend und entschieden wie das, was auf selbem Gebiet hundert bis hundertdreißig Jahre später etwa die Frankfurter Kunstschule hervorbrachte. Und selbst Streugefäße, wie 1827 von Christian Sander jr. entworfen, bestehen formal neben Wagenfelds Salz- und Pfefferstreuer, die seit den 1950er die Haushalte eroberten.
Die für Ausstellung und Katalog Verantwortlichen wagen auch überraschende Konfrontationen. Sie stellen die handgerechten, schmucklosen, dabei wohl proportionierten und eleganten Toilettendosen, wie sie Josef Kern, einer der besten Wiener Silberarbeiter seiner Zeit, in den 1820er Jahren entwarf, neben Fernbedienungen und Handys oder eine mit radial angeordneten Schmucksteinen besetzte ellipsoide Silberschale von Josef Hoffmann (1904) neben das legendäre raumschiffartige Kunststoffhaus Futuro, das Matti Suronen im Jahre 1968 als Wochendend- und Ferienhaus entwarf.
Das opulent ausgestattete Katalogbuch vermittelt in exzellenter Klarheit die Bedeutung des Wiener Silberdesigns, das über seine Einflüsse auf Bauhaus und De Stijl die heutige Designsprache entscheidend mitprägte. Sieben Aufsätze zur künstlerischen und kultursoziologischen Situation Wiens runden den Band ab und verleihen ihm das Gewicht, das das Thema zweifellos verdient.
Martin Seidel
Wiener Silber. Modernes Design 1780 -1919. Museum for German and Austrian Art, Wilfrid Seipel, Kunsthistorisches MuseumWien. Beitr. Brüderlin, Markus u.a. 400 S. 500 meist fb. Abb., 29 cm. Ln Hatje Cantz, Stuttgart 2003. EUR 49,-
ISBN 3-7757-1316-6
 
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