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Impressionismus und Japanmode

Was verbindet zwei scheinbar so unterschiedliche Maler und Persönlichkeiten wie den Franzosen Edgar Degas und den Amerikaner James Abbott Mc Neill Whistler? Beide Künstler erblickten im Jahr 1834, vor genau 175 Jahren, das Licht der Welt, beide gehörten lose der Bewegung der Impressionisten an, wenn man sie sonst auch eher als Einzelgänger bezeichnen würde. Whistler und Degas lernten sich in Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts kennen und beide Maler verband ihre Sehnsucht nach einer von den Konventionen der Akademie und des Salon losgelösten, modernen Malerei. Weitaus interessanter als diese allgemeinen Gemeinsamkeiten ist jedoch die von beiden Künstlern geteilte Faszination für ein von Europa weit entferntes Land und dessen Kunstproduktion: Japan

"Japonisme" nennen die Franzosen ein kulturgeschichtliches und soziales Phänomen, das sich u.a. in der Großstadt Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts breit machte. Die so genannte "Japanmode" ist jene gemeinsame Inspirationsquelle im malerischen und vor allem graphischen Werk von Whistler und Degas, die seit Juni 2009 eine überregional bedeutende Ausstellung in der Städtischen Galerie Überlingen am Bodenseekreis hervorgebracht hat. Wertvolle Bilder, Zeichnungen und Drucke von Degas und Whistler sowie der mit ihnen eng befreundeten Amerikanerin Mary Cassatt werden erstmals neben japanischen Exponaten vergleichend ausgestellt. Farbholzschnitte von Hiroshige und Hokusai sowie bedeutende Beispiele des japanischen Kunsthandwerkes mit Porzellan, Fächern und Textilien sind zu bewundern.

In Kooperation mit dem Hunterian Museum und der Art Gallery der Universität von Glasgow in Schottland entstand eine Ausstellung von internationalem Renommee, mit Leihgaben nicht nur aus Glasgow, sondern auch aus dem British Museum in London sowie aus der Schweiz, darunter den Kunstmuseen in Winterthur und Solothurn sowie der berühmten Sammlung E.G. Bührle in Zürich. Aus Deutschland stammen außerdem Exponate aus der Haus eigenen Sammlung Gerhard Pulverer in Überlingen, den Staatlichen Museen zu Berlin, den Kunsthallen in Bremen und Karlsruhe, dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg sowie aus München, Oldenburg, Sigmaringen und Ulm.

Die Ausstellung ist in drei Teile aufgebaut, mit dem Ziel, den Einfluss der japanischen Kunst und des japanischen Kunsthandwerkes auf die Motivik und Ästhetik von Degas und Whistler sowie der mit ihnen befreundeten Mary Cassatt kontrastierend darzustellen. Das malerische und graphische Werk der Künstler wird anhand von Beispielen (u.a. Whistler's Schmetterlingsmotiv, Degas' Tänzerinnen sowie Degas', Whistler's und Cassatt's Radiertechnik) untersucht und mit ausgewählten japanischen Exponaten verglichen.

Dargestellt und theoretisch vertieft werden diese und weitere Zusammenhänge in dem zur gleichnamigen Ausstellung im Michael Imhof Verlag erschienenen, 200 Seiten starken und großzügig bebilderten Katalog "Impressionismus und Japanmode. Edgar Degas und James Mc Neill Whistler". Herausgegeben von den beiden Hauptkuratoren Claudia Däubler-Hauschke und Michael Brunner, widmet sich der Katalog in 11 Beiträgen von national und international bekannten Fachleuten einzelnen Aspekten des Ausstellungsthemas. Grischka Petri, Pamela Robertson, Joanna Meacock (alle Glasgow), Christian Berger (Marburg), Merle Walter (Berlin), Andrea Dippel, Silvia Glaser (beide Nürnberg) und Gudrun Dauner (Philadelphia) sprechen u.a. über die unterschiedlichen Temperamente von Degas und Whistler, ihre Sammelleidenschaft und jeweilige künstlerische Rezeption japanischer Kunst, ihre lose Zugehörigkeit zur Gruppe der Impressionisten, reflektieren über Themen und Methoden der japanischen Kunst im Vergleich zu denjenigen bei Whistler und Degas und geben schließlich Aufschlüsse zur Japanmode sowie der sozial- und kulturhistorischen Geschichte Frankreich's und England's im fortschreitenden 19. Jahrhundert. Der an die Beiträge anschließende Katalogteil ist verhältnismäßig kurz gehalten. Wenn auch die Einführungen in die drei Themenblöcke der Ausstellung etwas knapp wirken, bekommt der Leser des Kataloges doch im folgenden Bildteil einen deutlichen Eindruck von der Vielfalt der Exponate und Ausstellungsideen.

Die Lektüre des Kataloges eignet sich für den Liebhaber wie für den Spezialisten. Auch letzterer staunt immer wieder über die vielen Unterschiede und Zusammenhänge in der Rezeption japanischer Kunst bei zwei so bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten wie dem zurückhaltenden Franzosen Edgar Degas und dem aufmüpfigen Amerikaner James McNeill Whistler. Es bleibt abschließend festzuhalten, dass das Porträt beider Künstler dank des Überlinger Kataloges eindrücklich gelungen ist und die Rolle der japanischen Kunst für die impressionistische Bewegung beispielhaft aufgezeigt wurde.
29.9.2009
Beatrix Ahrens
Degas - Whistler. Impressionismus und Japanmode. Hrsg. Claudia Däubler-Hauschke, Michael Brunner. Text: Christian Berger, Gudrun Dauner, Andrea Dippel, Silvia Glaser, Hannspeter Kunz, Joanna Meacock, Grischka Petri, Pamela Robertson, Merle Walter, Anja Wolf. 200 S., 180 fb. Abb. 27 x 24 cm. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2009. Gb EUR 24,95
ISBN 978-3-86568-363-2   [Imhof]
 
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