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Francesco Algarotti - das Multitalent

Der Kosmopolit Francesco Algarotti als zentrale Figur europäischer Kultur des 18. Jahrhunderts.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war der italienische Aufklärungsschriftsteller Francesco Algarotti (1712-1764) eine europäische Berühmtheit. Sein Ruhm verblasste in Deutschland jedoch bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. So sehen es die Herausgeber Hans Schumacher und Brunhilde Wehinger, die einen Sammelband vorlegen, der die Beiträge zur internationalen Tagung „Kritik und Kommunikation – Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung“ dokumentiert. Die interdisziplinäre Tagung fand vom 27. – 28. 10. 2006 im Forschungszentrum Europäische Aufklärung e.V. in Potsdam statt. Sie schickt sich an, das Multitalent Algarotti in der Breite seines Schaffens vorzustellen, zumal die wissenschaftliche Beschäftigung sich bislang auf Algarottis Wirken als Kunstsammler und –berater beschränkte. Leider, so die Herausgeber im Vorwort weiter, läge keine vollständige Neuausgabe seines Gesamtwerks, das im 18. Jahrhundert erstmals publiziert wurde, vor. In elf Beiträgen wird das Wirken des il famoso, wie Algarotti auch genannt wurde, vorgestellt. Behandelt werden dessen naturwissenschaftlichen, wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Texte sowie dessen Korrespondenz mit Friedrich dem Großen, Reiseliteratur und andere offene literarische Formen wie Poesie, Tagebuch, Essay und Aphorismus. Es folgen Beiträge zu Algarottis Abhandlungen zur Ästhetik sowie zur Architektur und Musik. Ein drittes Themenfeld gilt Algarottis Wirken als Mittler zwischen den Kulturen und als Kunstsammler und –berater.

Algarotti, das Multitalent

Algarottis enzyklopädische Bildung, so die Herausgeber in der Einführung, erstrecke sich auf Naturwissenschaften, Politik, Altertumskunde, Geschichte, Militärwissenschaften und die Künste wie Musik, Malerei, Architektur, Lyrik und Literatur-, Kultur- und Kunstgeschichte.

Algarotti als Wissenschaftler

In den großen, bis heute andauernden philosophischen Konflikt zwischen Empiristen und Rationalisten, letzterer von René Descartes begründet, greift auch Algarotti ein und schlägt sich auf die Seite der Empiristen, als dessen Vertreter John Locke auftritt. Mit seinem Buch „ Il Newtonianismo per le Dame ovvero Dialoghi sopra la luce“ (Dialoge über die Optik Newtons) von 1737 wird Algarotti bekannt. Ganz dem dialogischen Geist der Aufklärung verpflichtet, schreibt er, populärwissenschaftlich aufbereitet, einen Bestseller, der seinen Ruhm begründet. Ausführlich behandelt Gian Franco Frigo den Streit um eine neue Wissenschaftsmethodik. Algarotti, der mit vielen aufklärerischen Geistern in engem Kontakt stand, steuert zum großen enzyklopädischen Unternehmen von Voltaire und Diderot einen Artikel „Cartesianisme“ bei.
Auch in diese Sektion gehört der folgende Beitrag von Hans Schumacher, geht es doch um zentrale Begriffe der Aufklärung wie Kritik und Widerspruch und die Ablösung eines religiös fundierten Weltbildes.

Algarotti, die Musik und Poesie

Auch mit Musik befasste sich Algarotti. In der Rolle des philosophe, des aufgeklärten Intellektuellen, reflektiere er, so Ingeborg Allihn, „die von der Berliner Hofoper praktizierten Reformideen“ der Gattung Oper. Algarotti urteile, so die Autorin weiter, „mit „Sachkenntnis“, da er die leidenschaftlich geführten Streitgespräche zwischen den beiden Parteien, „streng gearbeiteter kontrapunktische Stil“ versus Empfindsamkeit, in „wesentlichen Punkten“ wiedergäbe.

Während unbekannt ist, ob Algarotti selbst musizierte, ist sein poetisches Wirken belegt. Diesem Feld widmet sich Anna Maria Salvadè. Wie in der Musik, so auch in der Poesie, Algarotti nahm an den großen ästhetischen Debatten seiner Zeit teil. Es stand eine Neubewertung der „gesellschaftlichen Funktion von Kunst“ und Wissenschaft an. Die Autorin fächert die Debatte und das Wirken des Poeten gekonnt auf und gibt einen profunden Einblick in diese Zeit.

Schriftwechsel

Welch enormen Beitrag Algarotti zur europäischen Aufklärung leistete wird auch in drei weiteren Beiträgen deutlich. Sie widmen sich literarischen Gattungen, in denen Algarotti Bemerkenswertes geleistet hat: William Spaggiari setzt sich auf die Fährte von dessen Reiseliteratur, Gino Ruozzi widmet sich den „offenen Formen“, Tagebuch, Brief, Essay und Aphorismus und Brunhilde Wehinger berichtet von der Korrespondenz zwischen Algarotti und Friedrich dem Großen. Insbesondere „im Medium des Briefes“, so Wehinger, sei es möglich gewesen, herrschende Zensurbedingungen zu umgehen. Selbstverständlich kommt sie auf die „République des lettres“ zu sprechen, einem Korrespondenznetzwerk der „(west-) europäischen Aufklärung, das mehrere Zentren“ aufwies. Als unverzichtbares Medium des Dialogs, fand auch Friedrich der Große Gefallen an dieser Form und war von Algarotti, so schrieb er an Voltaire, sehr angetan: „Der junge Algarotti....(...) gefiel mir über die Maßen. Er hat mir versprochen, sobald als möglich wiederzukommen.“ Häufig als Gast in Rheinsberg, waren dem Austausch, trotz der zeitweiligen Suspendierung der Standesgrenzen bei den geselligen Treffen der Friedrich’schen Tafelrunde, jedoch auch Grenzen gesetzt. Algarotti unterzeichnete seine Briefe mit der Formel eines „Dieners“.

Kulturtransfer

Dieser Diener machte sich auch ganz praktisch nützlich, denn er gehörte zu „den Beratern des Königs in Sachen Bauvorhaben, Kunstsammlungen, Opern-, Theater-, Ballett- und Musikaufführungen. Umgekehrt eröffnete diese Tätigkeit, darauf weist Wehinger gegen Ende ihrer Ausführungen hin, Algarotti einen „Handlungsspielraum“, der es ihm gestattete, seine ästhetischen Vorstellungen, niedergelegt etwa im „Essay über die Malerei“, umzusetzen. Dies galt auch im Bereich Architektur, denn, so die abschließenden Bemerkungen von Wehinger, noch heute seien dessen Bemühungen um die „Erneuerung des Stadtbilds“ im Stadtbild Potsdams sichtbar.

Algarotti und die Architektur

Auch auf dem Gebiet der Architekturtheorie leistete der Aufklärer einen wichtigen Beitrag. Mit den Debatten dieser Zeit befasst sich Jörg Deuter in einem spannenden Beitrag und unterzieht Algarottis „Saggio sopra l’architettura“, einem Essay zur Architektur des Franziskanerarchitekten Carlo Lodoli (1690-1761), einer kritischen Lektüre. So soll Algarotti „entscheidende Lehrsätze seines Lehrers bewusst oder unbewusst missverstanden“ haben. Deuter unterzieht aber auch die Forschung zu Algarottis Ausführungen einer Kritik: „Wenn allerdings die Forschung dazu tendiert, Algarotti zu unterstellen, er habe Lodoli zum Feind jeglichen Ornaments gemacht, was dieser nicht war, dann verfälscht sie Algarotti.“ Deuter unternimmt es nun, die Architekturdebatte jener „Umbruchsphase“ nachzuzeichnen und stellt Algarottis „Beitrag zur Stilfindung im Jahr 1755 – ein Potsdamer Palazzo“ als „Neo-Palladianismus“ vor, um dann noch einmal auf die Debatte um Lodolis architektonischen Vorstellungen zurückzukommen. Dabei geht Deuter ausführlich auf die Debatte um das Begriffspaar Funktion und Repräsentation ein, um dann Lodoli als einen der „Vaterfiguren“ der Kunst- und Formgeschichte der Moderne zu präsentieren. Diese Auszeichnung will Deuter darüber hinaus auch für den Bereich Design Lodoli zuerkennen. Dieser, so der Beiträger weiter, „scheint...(...) der erste >Designer< der westlichen Welt gewesen zu sein, der einen körpergerechten, von ihm bereits als >organisch< bezeichneten Stuhl forderte und auch selbst entwarf.“ In einem dritten Schritt wendet sich Deuter dann nochmals Algarotti zu, um den „Propagandisten Lodolis“ mit dessen Schrift zur Theorie des Theaterbaus „ Saggio sopra l’opera in musica“ zu würdigen.

Aufklärung und Moderne

Die Aufnahme dieses Tagungsbandes in die Reihe „Aufklärung und Moderne“ des Wehrhahn Verlags ist ein großes Glück, denn es zeigt sich, dass zu wichtigen Vertretern der Aufklärung keinesfalls, wie oft behauptet, bereits alles gesagt sei. So liefert etwa der Beitrag von Deuter interessante Hinweise auf Auseinandersetzungen in der Architektur, die auch heute noch im Bauen verhandelt werden. Einmal mehr aber zeigt sich, auf empirischer Grundlage, kulturell wurde Europa von transnational operierenden intellektuellen und künstlerischen Eliten gebaut. Als Beitrag zur Erforschung der Kultur- Musik- Kunst- Literatur und Philosophiegeschichte Europas im 18. Jahrhundert gelang Herausgebern und Beiträgern, fokussiert auf Algarotti, eine spannende tour d’horizon, so als fühlten sie sich Algarottis Epistel verpflichtet: „Du, Freund der Minerva und der Musen, / wirst die Studien sprießen.....lassen.“
30.10.2009
Sigrid Gaisreiter
Francesco Algarotti. Ein philosophischer Hofmann im Jahrhundert der Aufklärung. Beitr. Ingeborg Allihn (Berlin), Valentina Ciancio (Rom), Jörg Deuter (Berlin), Luca Farulli (Venedig), Gian Franco Frigo (Padua), Gino Ruozzi (Bologna), Anna Salvadè (Milano), William Spaggiari (Milano).
Hrsg. v. Schumacher, Hans /Wehinger, Brunhilde. 224 S. 22 x 15 cm. (Aufklärung und Moderne 16) Wehrhahn, Hannover 2009. Kt EUR 25,00
ISBN 978-3-86525-216-6
 
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