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Johann Ernst Gotzkowsky. Kunst und Karriere im friderizianischen Berlin

Johann Ernst Gotzkowsky lebt im berlinischen Bewusstsein als Begründer der „Ächten Porcelaine Fabrique“ zu Berlin fort, die er bald nach ihrer Gründung an Friedrich II. verkaufte und die heute noch deshalb die Königliche Porzellanmanufaktur heißt, obwohl sie eigentlich doch Gotzkowskysche heißen müsste. Ähnlich weittragend und ähnlich patriotisch waren die anderen Unternehmungen dieses Karriere-Kaufmanns, der vom mittellosen Lehrjungen zum Galanteriewaren-Fabrikanten und später zu einem der bedeutendsten Manufakturisten Preußens aufstieg, um schließlich wieder in bitterer Armut zu versinken. Da ist zunächst einmal seine eigene Gemälde-Sammlung, die er - in Schulden geraten - an Katharina die Große verkaufte und die nichts Geringeres als der Nukleus der Eremitage wurde, als deren Gründungstag jener Ankauf gilt. Da ist zum anderen Gotzkowskys Tätigkeit als Spekulant im Siebenjährigen Krieg, dem es immerhin gelang, durch seine Kontakte und sein Verhandlungsgeschick 1760 die Plünderung Berlins durch die russischen Besatzer zu verhindern und die Kontribution zu senken. Seine verschiedenen Sendungen als politischer Emissär, so in das russische Hauptlager nach Königsberg, brachten ihn auch persönlich in Gefahr, und so ist es kein Wunder, dass der preußische Patriot, der, anders als der König und dessen Verwaltung, in Berlin ausgeharrt hatte, als Retter der Stadt gefeiert wurde. Dubiose Geschäfte, so etwa als Kreditgeber zwischen Friedrich dem Großen und der Stadt Leipzig, schloss derlei Uneigennützigkeit freilich nicht aus: In diesem Fall bezahlte Gotzkowsky die Wechsel an Friedrich in gängiger Silbermünze, ließ sie sich von der Leipziger Kaufmannschaft und dem Rat aber in altem Gold zurückerstatten. (S. 268)

Die Verbindung von Geld und Kunst, „Merkur und den Musen“, von Spekulation und Gewinn, gipfelte - in diesem Ausmaß betrieben - oft in einer politischen Dimension. Diese aufzudecken, ist ein besonderes Anliegen der Autorin, und hier geht sie weit über die bloße Kunstgeschichtsschreibung hinaus. So wurde der Verkauf der Gotzkowskyschen Gemäldesammlung an Katharina die Große bisher als Prestigeaktion der russischen Kaisern angesehen, der es damit gelang, ihrem preußischen Feind Friedrich dem Großen diese auch von ihm begehrte Kollektion vor der Nase und noch dazu direkt aus seiner Hauptstadt heraus wegzuschnappen. Nina Simone Schepkowski gelingt es erstmals darzulegen, dass genau das Gegenteil der Fall war. Friedrich ließ sich die Sammlung geradezu bewusst entgehen, ja der Verkauf an die Zarin geschah mit seiner geheimen Unterstützung, um das politische Bündnis mit Russland enger zu knüpfen und der Zarin den nur allzu berechtigten Unwillen der preußischen Zivilbevölkerung im Osten des Landes über die lange Einquartierung russischer Truppen zu versüßen, den Katharinas Soldaten vor Ort zu spüren bekamen. (S. 340) Derartige Rekonstruktionen (so auch über Gotzkowskys verunglückte Getreidespekulation, die ihn an den Rand des Ruins brachte) gehören zu den Glanzstücken der Darstellung!

Aber um die Aquirierung der Gemälde für Friedrich den Großen und um die eigene ungleich bedeutendere Privatsammlung Gotzkowskys geht es Schepkowski im Besonderen. Schicksal und Verbleib der 317 Bilder Gotskowskys werden im Anhang auch listenmäßig erfasst, wobei die nicht immer leichte, manchmal auch belustigende historische Verkennung des wirklichen Malernamens (Goltzius erscheint als Holzius, ein Pieter de Bloot z.B.als „Rembrand“) gar nicht sooft auf ein kleineres Talent zurückgestuft werden muss, wie man es sonst von alten Sammlungsinventaren her gewohnt ist. Die „großen Namen“ der Sammlung stehen wirklich auch für große Malerei, und so haben die Zuschreibungen der Sammlung Gotskowsky in vielen Fällen auch der neueren Forschung Stand gehalten. Von den sieben akzeptierten Rembrandts der Sammlung sind heute noch fünf nachweisbar, im Puschkin-Museum in Moskau, in der National Gallery in Washington und, einst einem Günstling Katharinas geschenkt, in der Residenz-Galerie in Salzburg. Wie Nicolaas Verkoljes „La Belle Impatiente“ von Katharina der Großen zur Malerin Tamara de Lempicka gelangte oder warum die beiden ehemaligen Potsdamer Tintorettos sich weiterhin als Beutekunst im Puschkin-Museum in Moskau befinden, das sind Tatbestände, deren Hintergründe mindestens ebenso spannend sind, wie es die finanziell-politischen Transaktionen des Großkaufmanns Gotskowsky einst waren.

Dass Gotzkowsky kein reiner Ästhet, sondern ein sammelnder Händler war, scheint seine Ankaufspolitik zu beweisen, die die in jener Zeit eigentlich am höchsten geschätzten zeitgenössischen Venezianer bewusst ausschloß. Fanden jene im friderizianischen Preußen doch so gut wie keine Sammler. Gefragt waren das römische Barock, das venezianische Seicento und niederländisch-flämische Maler, allen voran bereits Rembrandt. Das Handelsinteresse bestimmte den geschmacklichen Horizont, und das Desinteresse seiner Auftraggeber führte zu eigenen Trouvaillen. So konnte der Sammler-Händler Teile der Gemäldesammlung der Wilhelmine von Bayreuth in sein Kabinett aufnehmen, weil der erbende Bruder, Friedrich der Große, kein Interesse an den familiären Erbstücken hatte. Am Ende blieb ihm selber nichts als ein monatliches Almosen seiner Kinder von 30 Gulden. Als sein Sohn 1821 „fast kindisch und so arm“ 72 Jahre alt wurde, erhielt der Leipziger Rat ein Schreiben aus Berlin, „man möge sich doch des aufopfernden Verhaltens Gotskowskys während des Siebenjährigen Krieges erinnern, als dieser mit seinen Zahlungen die Stadt vor weiteren Repressalien der preußischen Truppen gerettet habe.“ (S. 404) Man bat um eine Spende von gerade einmal 60 Talern, der Magistrat sandte 50. Wer heute Highlights der Eremitage, wie etwa Hendrick Goltzius „Die Taufe Christi“ oder Jan Steens „Die Zecher“ bewundert, wird sich kaum bewusst sein, dass diese Bilder ihre Präsenz in der Eremitage einem Berliner Sammler und Spekulanten zu verdanken haben, der sich als Händler von Tabatieren, Degen, mit Edelstein verzierten Knöpfen, silbernen Uhren und goldenen Etuis den Eintritt in die große Welt verschafft hatte, der diese Galanteriewaren, ebenso wie seine Gemälde, aber auch in den Dienst diplomatischer und politischer Verständigung stellte.

Das Buch von Nina Simone Schepkowski ist als Quellensammlung, Dokumentation und Darstellung einer wichtigen Phase preußisch-russischer Sammlungsgeschichte gleichermaßen beeindruckend. Es versucht, den Werken bildlich auch dort auf die Spur zukommen, wo diese längst verschollen sind, was durch Hinzuziehung von reproduzierenden Kupferstichen oft auch gelingt. Dass dieses Buch einen höchst wichtigen Bereich der Sammlungsgeschichte im 18. Jahrhundert gründlich erforscht, sichert dem im Akademie Verlag solide und dauerhaft edierten Werk einen hervorragenden Platz unter den bisher erschienenen Sammlungsgeschichten. Inspiriert wurde es durch die von Thomas W. Gaehtgens bereits geleisteten und angeregten Arbeiten zur Provenienzforschung von Kunstsammlungen im 18. und 19. Jahrhundert. Gaehtgens hat diese Arbeit als Doktorvater auch betreut.
13.11.2009


Jörg Deuter
Schepkowski, Nina: Johann Ernst Gotzkowsky. Kunstagent und Gemäldesammler im friderizianischen Berlin. 560 S., 118 sw. u. 32 fb. Abb. 24 x 17 cm. Gb Akademie Verlag, Berlin 2009. EUR 79,80
ISBN 978-3-05-004437-8
 
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