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Virtuosität und Naturalismus. Ein opulenter Caravaggio-Band bei Taschen

Michelangelo Merisi da Caravaggio, 1571 in Mailand geboren, hatte nur ein kurzes Leben. Schon 1610 starb er auf bis heute ungeklärte Weise in Porto Ercole in der Nähe von Rom. Doch so kurz dieses Leben an Jahren war, er nutzte seine Zeit: Schon zu seinen Lebzeiten war er als Maler anerkannt, doch höchst umstritten. Er galt als großer Erneuerer der Malerei, doch im Umkehrschluss auch als ein Zerstörer.

Was war das Neue, das Revolutionäre an Caravaggio, der jüngst in einer großen Ausstellung im museum kunst palast in Düsseldorf gefeiert wurde? Dieser Frage stellt sich jetzt ein neuer Caravaggio-Band, den „opulent“ zu nennen, noch untertrieben wäre. Es ist ein schwergewichtiges, überdimensionales Buch, das in seinem Textteil freilich auf der tradierten Caravaggio-Kunstgeschichtsschreibung fußt: Die Beschreibung des ruhelosen Lebens Caravaggios, seine Ausbildung in Mailand, die Geschichte seines künstlerischen Aufstiegs in Rom, seine skandalöse Flucht von dort, die letzten Jahre in Neapel, Malta und Sizilien – all das ist in vielen Caravaggio-Büchern bereits dargestellt worden.

Das Besondere an diesem Band des Wiener Kunsthistorikers Sebastian Schütze, der auch ein neues Werkverzeichnis beinhaltet, sind die großformatigen Bilder – vor allem die überaus präzisen, speziell für diesen Band neu angefertigten Detailabbildungen. Diese sind teilweise so verblüffend, wie etwa die Abbildungen des „Heilige Hieronymus“ von 1605/06: Caravaggio war schockierend, weil er so realistisch war. Seine Heiligen sind echte Menschen, die Frauen bisweilen wahre Schönheiten – und es ist scheinbar echtes Blut, das im Übermaß durch seine Bilder fließt.

Diese Kunst des Frühbarock wirkte in ihrer Zeit allzu echt, voller körperlicher Präsenz – zu echt für die Kirche. Die Drastik Caravaggios war zu unverblümt, die Brutalität seiner Bilder zu naturalistisch, die Lichtregie zu dramatisch – ganz wie der Charakter des Malers, der sich in Rom als Totschläger der Justiz durch Flucht entziehen musste.

Doch diese Malerei, die in klerikalen Kreisen oft auf Unwillen stieß, wurde zum künstlerischen Vorbild im halben Europa. In den Jahren nach Caravaggios Tod malten unzählige „Caravaggisten“ in der Manier des oberitalienischen Meisters. Was uns dieses Buch auf eindringliche Weise zeigt, ist indes: Keiner der Nachfolger Caravaggios konnte Virtuosität auf so vollendete Weise mit deftigem Naturalismus verbinden wie der Meister selbst.

In der Negierung klassischer Schönheit, der Harmonie der Renaissance-Kunst liegt Caravaggios große Leistung. Die Dramatik seiner Bilder, die realistische Ausdruckskraft, die Provokation der Malerei nach echten, wirklichkeitsnahen Modellen, seine theatralisch überhöhte Helldunkelmalerei – all das kann man in diesem solide gedruckten Buch bestaunen. Der Preis ist hoch, doch gerechtfertigt. Nie konnte man – abgesehen von der Beschau der Originale – Caravaggios Kunst so nahe kommen.

16.12.09



Marc Peschke
Schütze, Sebastian: Caravaggio. 480 S. durchg. fb. zum Teil großformatige, dreiseitige Abb. 44 x 29 cm. Gb Taschen Verlag, Köln 2009. EUR 100,00
ISBN 978-3-8365-0181-1
 
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