KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Nicolai Abildgaard

Was die gebildete Menschheit in Dänemark noch von ihm wissen mag, ist vielleicht Folgendes: Er hat „Lykkens Tempel“ gemalt, den Auf- und Abstieg des irdischen Glücks in einer klassizistisch verbrämten Schaubude. Er hat hinreißende griechische Stühle entworfen, Jahrhundertmöbel, und er hat die kongenialen Illustrationen zu Holbergs „Niels Klim“ geschaffen, dem „Gullivers Reisen“ und „Candid“ zugleich jener dänischen Aufklärung, die als Vorbote des „Guldalderen“ („Goldenes Zeitalter“) in die Nationalgeschichte einging. Außerdem war er Hofmaler der dänischen Könige, und als 1794 Christiansborg Slot abbrannte, waren es auch jene sieben jener zehn Monumentalbilder zur dänischen Geschichte, die mit verbrannten. Ob es Brandstiftung von Kopenhagener Revolutions-Sympathisanten gewesen sein mag, blieb ungeklärt. Abildgaard soll ausgerufen haben: „Mein Name brennt“. Dieser Brand war die rasche Vernichtung seiner Huldigung an den Absolutismus, aber eine, die er im letzten Bild des Zyklus geistig eigentlich selbst vorformuliert war, dieses hatte Abildgaard „Stavnsbandsløsning“ gewidmet, der dänischen Bauernbefreiung: Ein Landmann kniet, ursprünglich wohl vor zerbrochenem Joch am Fuße des Thrones, später mit Sichel und Strohbündel vor dem geisteskranken König nieder. Die Assoziation zum Liktorenbündel und seiner römisch-republikanischen Konnotation stellt sich ein: Ein Bauer mit den Ingredienzen des Liktoren, der in Rom das Recht hatte, Strafen an Leib und Leben zu verhängen. Das konnte nicht gutgehen, der Künstler solcher Königsporträts wurde - wohl infolge genau dieser unangemessenen Huldigungsdarstellung - entlassen. („Der Künstler des Königs“, über den Thomas Lederballe schreibt, bleibt Abildgaard nur bis 1794.)

Die Kunsthalle Hamburg, die Abildgaard nun vorstellt, zeichnet natürlich ein wesentlich differenziertes Abildgaard-Bild. Seltsam aber berührt der Untertitel: „Der Lehrer von Friedrich und Runge“. Nächstens werden dann Anton Graff oder Christian August Lorentzen in ähnliche Funktionsengpässe eingebunden. Abildgaard ist Abildgaard oder, meinetwegen, wie sein heutiger dänischer Kollege Per Kirkeby sagt, „realy incredibly, other“. Er ist original. Übrigens ist Abildgaard nicht nur der Lehrer von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge gewesen, sondern auch und zeitlich früher, derjenige von Asmus Jacob Carstens, der zentralen dänisch-deutschen künstlerischen Integrationsfigur. Und: Auf Carstens hat er vielleicht am stärksten gewirkt, was Markus Bertsch in seinem Beitrag genau darglegt.

Abildgaard ist einer jener Handvoll von europäischen Malern gewesen, die tatsächlich den Namen eines Sturm- und Drang-Künstlers verdienen. Das sichert ihm europäisches Außenseitertum, aber auch europäische Avantgarde. Seine Bedeutung als Avantgarde der Avantgarde wird also steigen. Sein „Philoktekt“ wird erst seit 1990 wieder öffentlich in Kopenhagen gezeigt, Karikaturen von Katharina der Großen, die zur Hölle fährt, tauchen im vorliegenden Band auf. Die Freiheitsmedaille für Haiti kommt zur Sprache und Frihedstøtten, die dänische Antwort auf die Französische Revolution. Der Künstler war ein Sympathisant der in den auch in Kopenhagen aufkommenden pro-revolutionären Clubs verkehrte (wie Thomas Lederballe belegt), ob er ein Atheist war, wie der Band behauptet, scheint mir weniger sicher zu sein. Er war vor allen Dingen beneidenswert belesen („Der Künstler in seiner Bibliothek“, so ein anderer Aufsatz von Lederballe), was an den zahlreichen komplexen Illustrationen und Bilderfindungen deutlich wird, die ausführlich kommentiert und opulent abgebildet werden.
Als „Bilder gegen Kirche und König“ interpretieren Dorothee Gerkens und Mareike Wolf den Illustrationszyklus zu Ludvig Holbergs phantastischem Roman „Niels Klim“. Es geht ihnen sowohl um die damals bereits fünfzigjährige Wirkungsgeschichte des Buches, das zunächst vorsichtshalber lateinisch erschienen war, wie auch um dessen weiterhin vorhandene kritische Substanz als politisch-geistliche Utopie.
Hier, in der genauen Bilderläuterung durch Henrik Holm, Kaspar Monrad, David Burmeister Kaaring, Thomas Lederballe und Peter Nørgaard Larsen, liegt ein solider Schwerpunkt des Buches und hier wird die gute Redaktion des Bandes spürbar. Es gibt so gut wie keine Redundanzen und Doubletten in Text und Bild.

Ein wenig mehr hätten wir schon gern gewusst über die Freunde und Zeitgenossen Abildgaards, jenen Jakobiner August von Hennings in Plön etwa oder jenen Philantrophen und Pflanzenkundler Emil von der Lühe in Neumünster, um nur zwei deutsche Zeitgenossen zu nennen. Für von der Lühe entwarf Abildgaard, dessen Neigung zu Architektur und angewandter Kunst im Katalog etwas stärker hätte akzentuiert werden können, ein Cabinet de verdure, ein sehr frühes Dokument klassizistischer Treibhaus-Architektur, dessen kaum noch lesbaren Spuren der Rezensent in seiner Arbeit über die „Genesis des Klassizismus in Nordwest-Deutschland“ nachging. (Das Buch wird im Katalog übrigens nicht zitiert.) Als kleiner Hinweis zur Abildgaard-Forschung sei vermerkt: Die auf S 132 erwähnten 1794 in der Kopenhagener Kunstakademie ausgestellten Kopien der Allegorien „Gerechtigkeit“, „Theologie“ und „Philosophie“ sind – zusammen mit einer Allegorie der „Geometrie/Architektur“ – um 2000 im Bremer Kunsthandel aufgetaucht. Ob auch die vierte dort dem Zyklus zugehörende Allegorie direkt auf ein Werk Abildgaards zurückgeht, wäre zu klären. Wenn dies so wäre, dann hätte die Allegorien-Folge Abildgaards nicht den Charakter eines Triptychons besessen, sondern es wären weitere Personikationen der Fakultäten möglich.
Da Hubertus Gassner den Band und die Ausstellung als lang gehegten Wunsch der Hamburger Kunsthalle einleitet, kann man hoffen, dass Abildgaard dort auch in Zukunft ein Thema bleiben wird.

Alles in allem ein sehr schönes und in sich abgerundetes Buch, das den dänischen Maler als immer noch und sicherlich noch weitergehend entdeckenswert erscheinen lässt: Der Vater der dänischen Historienmalerei war, wie es Dänemark entspricht, ein universal gebildeter Freigeist und ein pictor doctus, dessen Gelehrsamkeit lesbar und mit Spürsinn und Vergnügen nachvollziehbar bleibt.

Das Buch ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension nicht mehr im VlB gelistet, jedoch in der Kunsthalle Hamburg zu bekommen.

04.01.2010
Jörg Deuter
Nicolai Abildgaard. Der Lehrer Friedrichs und Runges. Beitr.: Markus Bertsch, David Burmeister Kaaring, Dorothee Gerkens, Henrik Holm, Thomas Lederballe, Kasper Monrad, Peter Norgaard Larsen und Mareike Wolf Hrsg. von Jenns E. Howoldt und Hubertus Gaßner Hrsg.: Hamburger Kunsthalle. 2009. 232 S. 28 x 22 cm. Gb EUR 14,95
Das Buch war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension im VlB nicht mehr verzeichnet, ist aber in der Hamburger Kunsthalle noch zu haben.
ISBN 978-3-939429-64-7
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]