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Académie Royale

Die Geschichte der k√∂niglichen Akademie der Malerei und Skulptur von Paris ist nicht nur eine der franz√∂sischen bildenden Kunst der 2. H√§lfte des 17. und des 18. Jahrhunderts, sondern auch eine wirtschaftsgeschichtliche und eine machtpolitische. Das wei√ü die Autorin sehr wohl. Sie wei√ü aber auch die kunsttheoretische zu er√∂rtern. Denn hierin hat sie ihre Erfahrung mit ihrer Dissertation von 1992 gesammelt. Kunsttheorie wurde in der europ√§ischen Neuzeit von Alberti in einem v√∂llig neuen Stil erfunden: Er lehrte seine Zeitgenossen, wie man als Kenner angemessen √ľber ein Kunstwerk spricht. Das Vokabular, das zun√§chst nur die handwerkliche Seite - also Material, dessen Zubereitung und sachgerechte Verarbeitung wie auch den daraus resultierenden Marktwert betraf - erweiterte er um ein umgangssprachlich ausgerichtetes Vokabular, das kompositionelle und andere optische Besonderheiten eines jeweiligen Werkes zu sehen und zu benennen erlaubte.
An der franz√∂sischen Akademie nun gab es eine institutionalisierte Form der Ausweitung dieses Diskurses nach allen Seiten hin, um eine v√∂llig neue Weise des Redens √ľber Kunst ‚Äď f√ľr die K√ľnstler selber, aber auch verbindlich f√ľr die professionelle Kunstkritik der Amateure - im Laufe des in diesem Buch geschilderten 129-j√§hrigen Ausschnittes ihrer Geschichte. Es waren die turnusm√§√üig ‚Äď aber mit h√§ufigen Unterbrechungen abgehaltenen "Conf√©rences" (S.123 -140), in denen im m√ľndlichen Vortrag die theoretisch-systematischen Grundlagen f√ľr die bildnerischen Kompositionen bis hin zur Vorzugswahl der Themen erarbeitet werden sollten, beispielhaft durchgef√ľhrt in den Bildbesprechungen. Eine der wirkungsvollsten dieser neuartigen theoretischen Diskurse war die ‚ÄöConf√©rence sur la Physiognomie‚Äė von Charles Le Bruns - als Chancelier, nach dem Directeur im zweith√∂chsten Rang an der Akademie 1670-1675 - im Jahre 1671. In den erst nach seinem Tode daraus erwachsenden Publikationen und Kritiken entstand unter dem Leitbegriff der ‚Äöexpression‚Äė ein genau umrissenes Feld kunsttheoretischer Debatten, in dem das Problem der angemessenen Darstellung des mimischen Ausdrucks, das in den voraufgehenden und nachfolgenden Physiognomik-Traktaten nur nebenbei behandelt wurde, zum verpflichtenden Zentrum vor allem der rangh√∂chsten Thematik, der Historienmalerei, wurde. Denn diese diente prim√§r der Verherrlichung des Staatsoberhauptes, des K√∂nigs.

Autorin nun aber schreibt eine Geschichte nicht nur dieses Teiles, sie schreibt einleitend auf 91 Seiten eine Geschichte der komplexen Institution, ihren Krisen, ihren zeitweiligen Erfolgen und ihre Rolle im zentralistisch organisierten absolutistischen Königreich von 1648 bis 1793, dem Jahr des Endes eben dieses Absolutismus.

Gleich in den ersten beiden Kapiteln (1. Der Aufbruch, S. 17 - 26, 2. Die Bl√ľte, S. 27 ‚Äď 32) wird in diesem Buch das wirtschaftsgeschichtlich-politische R√§nkespiel skizziert, das sich um diesen Berufsstand abgespielt hat (weitere Details in dem Unterkapitel von ‚ÄěOrganisation‚Äú). Was war das Problem? Nur die Maler und Bildhauer hatten eine wirtschaftliche Konkurrenz - die Literaten nicht, die Schauspieler und Musiker nicht, die Wissenschaftler und die Architekten nicht: Die der Ma√ģtrise (Gilden/Z√ľnfte). Diese waren 1260/1391 aus dem Grunde eingerichtet worden, die Anzahl der den Beruf aus√ľbenden Meister unter Kontrolle zu halten (neben Berufseignungspr√ľfung und sozialer Unterst√ľtzungsfunktion in Notf√§llen), die qualifizierende Ausbildung des Nachwuchses zu gew√§hrleisten und die Qualit√§t der handwerklichen Produkte zu garantieren. Nun hatte der K√∂nig und der hohe Adel sich immer schon vorbehalten zu eigenen Bedingungen bildende K√ľnstler f√ľr ihren eigenen Bedarf zu engagieren, die dann der Kontrolle der Gilden entzogen waren. Die "Verfolgungen und Tyrannei" dieser Z√ľnfte wollte man durch die Gr√ľndung eines Zusammenschlusses mit k√∂niglichem Privileg entgehen. Das f√ľhrte zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, in der das Privileg des Aktzeichnens und des Abhalten √∂ffentlichen Unterrichts f√ľr diesen neuen Zusammenschluss der bisher schon privilegierter Bildhauer und Maler erstritten werden sollte.

Zwischen der Ma√ģtrise und den zahlenm√§√üig sehr viel wenigeren Vertretern der Acad√©mie Royale des Peintres et des Sculpteurs ging es jahrelang hin und her, bis schlie√ülich die ganze Ma√ģtrise abgeschafft wurde und deren Mitglieder, die sich zwischenzeitlich zu einer sehr erfolgreichen Acad√©mie de Saint-Luc aufgerafft hatten und nun nur noch als H√§ndlervereinigung firmieren durften.

Diese in den einleitenden Kapiteln skizzierte Organisationsgeschichte wird dann noch einmal nach Sachgebieten (Organisation: Acad√©mie de France √† Rome (S.95-102), Acad√©mie de Sanit-Luc (S.103-114), Aufnahme (S.115-122), Conf√©rences (S.123-140), Corps (S.141-154), Finanzen (S.155-174), Jeunesse (S.175-180), Preisvergabe (S.181-202), Protecteurs (S.203-206), R√§umlichkeiten (S.207-228), Statuten und Beschl√ľsse (S.229-234), Unterricht (S.235-254), Versammlungen (S.255-259) ausf√ľhrlich anhand der jeweiligen Dokumente dargelegt. Eine Mitgliederliste, Acad√©miciens und Amateurs (S.263-366) beschlie√üt diesen zweiten Teil.

Von Kunst ist in diesem Buch nirgends die Rede ‚Äď deswegen hat es auch keine Abbildungen von Kunstwerken -, viel jedoch von charakteristischen menschlichen Schw√§chen, aber auch St√§rken und Durchsetzungskraft. Wissenschaftlich-rationale Durchdringung des Redens √ľber bildende Kunst, Systematisierung einer Hierarchie der Themen, das sind die Schlagworte, die f√ľr diese staatlich kontrollierte Hofkunst gegen√ľber den etwas freieren Gedanken zur Sache in Italien im 16. und fr√ľhen 17. Jahrhundert gebr√§uchlich geworden waren. Diese neue franz√∂sische Form ‚Äď mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Rationalit√§t - wurde vorbildlich f√ľr die ganze europ√§ische Kunstszene bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
Schl√§gt man nun einmal das Kapitel Organisation/Conf√©rences (S.123-140) auf, dann kann man nachlesen, wie die Theoriediskussion doch eher z√∂gerlich und zaudernd sich hinzog. Das erscheint bei bildenden K√ľnstlern sehr vertraut, wenn man sich an die Diskursverweigerung deutscher K√ľnstler etwa der 50er bis 70er Jahre erinnert. Entscheidend aber ist letztlich doch, dass eine neue Redeweise √ľber Kunst erfolgreich angesto√üen wurde und das in zwei Schritten:
Der erste war, neben der Festschreibung der Ausbildungsgegenst√§nde (Testelin: Tables des pr√©ceptes, 1674/1680), die Festlegung der Gattungshierarchie ‚Äď von der Historie bis zum Genre (S. 25, 29-30 und 237-243). Danach erscheint die Querelle des Anciens et des Modernes (1667-1699, S. 127-133) eher nebens√§chlich, wenn man bedenkt, dass diese beispielsweise in der Architekturtheorie eine viel gewichtigere Stellung eingenommen hatte.
Der zweite bestand darin auch die Berechtigung des Redens √ľber Kunst eines Nicht-K√ľnstlers (Amateur) zu akzeptieren, was von der ersten entr√ľsteten Ablehnung 1737/1749 (S.133-136) bis zur passiven Toleranz Seiten der Kunstakademiker (1758, S.137) in K√ľrze den Weg nachzeichnet, wie gewichtig im gesamten Entwicklungsprozess der Akademie au√üenstehende Einzelne mit ihren Ver√∂ffentlichungen oder auch als G√§ste der Akademie - beispielsweise Roger de Piles (S.130) oder der Comte de Caylus (S.133 f) ‚Äď Entscheidendes zur neuen Art der Rede √ľber Kunst beigetragen haben. Der Leitbegriff dieses neuen Diskurses ist zweifelsohne der vom decorum (S. 127) gewesen, also aus der Rhetoriklehre modifiziert √ľbernommen (durch Poussins Brief an Fr√©art de Chantelou 1647 in die Debatte eingef√ľhrt). Dassssss dann aber Begriffe wie ‚Äěbon go√Ľt‚Äú, sp√§ter dann das gewisse ‚Äěje ne sais quoi‚Äú (D. Bouhours, La Mani√®re de bien penser, 1687) zum Modewort des √§sthetischen Diskurses avancierten steht auf einem anderen Blatt.
Weniger zur Sprache kommen in diesem Buch diejenigen Festschreibungen die von den K√ľnstlern selber mit theoretischen Beitr√§ge geleistet worden sind. Gerade diese sind im Druck weit √ľber die Pariser Akademie hinaus europaweit und f√ľr mindestens zwei Jahrhunderte verbindlich wirksam geworden. Sie waren dann doch diejenigen Schriften, die durchaus auch einem Anspruch auf wissenschaftliche Ergr√ľndung der Grundlagen der Malerei ganz allgemein als Teilgebiete einer allgemeinen Wahrnehmungstheorie gerecht wurden. Da w√§re vom Antikenstudium zu reden gewesen: Erste Vermessungen 1634 in Rom durch Roland Fr√©art de Chambery und Charles Errard zusammen mit Nicolas Poussin im Auftrag der Akademie ‚Äď ver√∂ffentlicht von Abraham Bosse 1656, G√©rard Audran 1683 und Roger de Piles - Jean Baptiste Corneille 1684, erw√§hnt von Bellori 1672 in seiner Vita Poussins) - ungedruckte Vortr√§ge gab es dar√ľber von Sebastien Bourdon (Les Proportions de la Figure Humaine expliqu√®es sur l'Antique. Paris 1670. Conf√©rence ... vom 3.7.1670, nochmals vorgetragen am 3.3.1696) und Pierre Mosnier (Les Proportions de la figure humaine expliqu√®es sur l'Antique. Paris 1676, Conf√©rence ... vom 7.3. 1670 und 4.4. (?) 1696). Dazu erf√§hrt man allenfalls etwas nebenbei im Kontext der Tables des pr√©ceptes (S.126-127). √Ąhnliches gilt f√ľr die Perspektivlehre von Jean Du Breuil (1642/1651), der von Niceron oder von G√≠rard Desargue (gemeinsam mit Abraham Bosse, 1641/1648).
Die Literaturliste (S.369-383 bis 2009) verzeichnet neben den einschlägigen zeitgenössischen Druckwerken der Theoretiker des 17. und 18. Jahrhunderts ebenso alle der z.T. sehr umfangreichen Dokumentenveröffentlichungen des 19. und 20. Jahrhunderts und wichtige Abhandlungen zu Teilaspekten der Entwicklung der europäischen Vorbildfunktion dieser Akademie.

Das Buch macht seine Benutzung nicht ganz leicht. Es kann zu Recht den Anspruch erheben ein Handbuch zu sein, denn so umfassend sind viele Details noch nirgends zusammengetragen worden. Bisher gab es zu einzelnen Aspekten volumin√∂se und mehrb√§ndige Editionen ‚Äď die Gesamtausgabe der Conf√©rences beispielsweise ist erst bis 1746 erschienen ‚Äď eine Geschichte zu schreiben aber war zuvor nie unternommen worden. Dieser Charakter als Handbuch wird betont durch die in die laufenden Texte mit einem Klammerausdruck eingef√ľgten Querverweise, die auf bis zu drei Sachgebiete verweisen k√∂nnen. Schl√§gt man dort dann nach, ist es teils m√ľhsam die entsprechende Jahreszahl, das entsprechende Schlagwort oder Namen wieder aufzufinden. Allzu leicht reizt der dortige Text dann dazu, sich auf ihn einzulassen. Hier w√§re eine entsprechende Seitenangabe bei diesen Querverweisen sehr hilfreich gewesen. Ebenso h√§tte ein Index manchem Leser die Orientierung wesentlich erleichtern k√∂nnen. So kann man f√ľr den geduldigen Leser nur hoffen, dass der Verlag auf die Idee k√§me der gedruckten Fassung eine PDF-Fassung auf CD beizulegen, die die Benutzung als Handbuch zum Nachschlagen wesentlich erleichtern k√∂nnte.

14.03.2011
Peter Gerlach
Gudrun Valerius, Acad√©mie Royale de Peinture et de Sculpture 1648 ‚Äď 1793. Geschichte. Organisation. Mitglieder. Norderstedt (BoD) 2010. 383 S., sw. Abb Gb., EUR 59,90
ISBN 978-3-84232-717-7
 
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