KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Graf Simon VI. zur Lippe - Ein Europäischer Renaissanceherrscher

Die Tatkraft und Interessenvielfalt auch der deutschen Renaissancefürsten ist beeindruckend: Da gibt es nicht nur internationale Condottieri und religiöse Neuerer, auch Bildungspolitiker wie Ottheinrich von der Pfalz, ernstzunehmende Komponisten wie Moritz der Gelehrte von Hessen-Kassel, Dichter wie Heinrich Julius von Braunschweig, vor allem aber Mäzene und Sammler von Albrecht von Brandenburg (dem Auftraggeber Grünewalds und vielfach Porträtierten) bis hin zu Kaiser Rudolf II. Alchemie und Astrologie beherrschen die Schlösser von Prag bis nach Weikersheim. Und viele Landesherrn und Kleinfürsten sind vom Bauwurm besessen.

Die Sonne, um die sie alle kreisen um 1600, ist Kaiser Rudolf II. in Prag, der diese Interessenvielfalt in freilich düsterer Gestimmtheit vorlebt und für die deutschen Höfe – bis hin zum kleinsten – verbindlich, ja geradezu normativ ausprägt. Simon VI. zur Lippe (1554 – 1613) hat all die Passionen, Obliegenheiten und Spleens, die die deutschen Fürsten um 1600 auszeichneten, in seiner Person vereinigt. Das macht den Kleinpotentaten aus einem Stammland der Weserrenaissance zu einer exemplarischen, aber auch als „Uomo universale“ individuell respektablen Größe. Er war Alchemist, Kunstsammler, der Astrologie zugetan, malte selbst, baute Festungen neu und Schlösser um im Geist der neuen Zeit, korrespondierte mit Tycho Brahe und warb internationale Größen wie den niederländischen Fortifikations-Baumeister Johan van Rijswijk an, der sogar im Lipper Land sein Alter verbrachte.
Einzig dem Kriegshandwerk scheint der Lippe-Detmolder nicht sonderlich gefrönt zu haben, was aber weniger mit pazifistischen Ambitionen zu tun gehabt hat (wie sie sein Zeitgenosse Anton Günther von Oldenburg pflegte, der sein Land selbst aus dem Dreißigjährigen Krieg weitgehend herauszuhalten wusste), sondern darin begründet war, dass der einzige Sohn und Erbe der Herrschaft aus dynastischen Gründen keiner Gefahr ausgesetzt werden durfte.
Als Kreishauptmann des westfälischen Reichskreises und daran grenzender niederrheinischer Gebiete war Simon VI. politisch und diplomatisch Vertreter dieses Reichsterritoriums am Kaiserhof, das wesentlich größer war als das heutige Niedersachsen. Das veranlasste seine häufige Präsenz in Prag.
Und eben diese Funktion ist es, der Michael Bischoff in seinem alle Facetten des Regenten würdigenden Lebensbild besonderes Augenmerk widmet: Simon VI. wurde durch seine Akkreditierung am Kaiserhof nämlich zugleich ein bedeutender Kunstsammler und vor allem -Vermittler, zumal niederländischer Malerei. Der selbst malende Kleinfürst, der spät noch auf dem Hradschin einen Stadtpalast erwarb, den er tragischerweise nie bewohnt hat, war gerade der rechte Mann für die Kunstkommissionen seines Kaisers, und diese kannten nach oben hin keine Grenzen: So sollte er „De dulle Griet“ des Pieter Brueghel d.Ä. oder das „Jüngste Gericht“ des Lucas van Leiden für Prag akquirieren. Kein Geringerer als Moritz von Oranien setzte sich für den Verkauf des letzteren an den Kaiser ein, aber der Rat der Stadt Leiden blieb standhaft und das Bild bis heute am Ort. Andere Käufe gingen für den lippischen Fürsten glücklicher aus: Er erwarb eines der wenigen Ölgemälde des Hendrik Goltzius oder Marten van Heemskercks „Die vier letzten Dinge“. In Prag ist heute das Wenigste davon, wurde Rudolfs Sammlung doch größtenteils weithin verstreut, einiges befindet sich im Kunsthistorischen Museums in Wien. Auch von Simon VI. eigener Sammlung überdauerte kaum etwas in seiner Residenz Schloß Brake bei Lemgo oder in Detmold. Immerhin hatte er den kaiserlichen Kammermaler Hans von Aachen als seinen Agenten in Prag mit einer Pension bedacht und in Bremen den Religionsflüchtling van der Meulen für Kunst- Kommissionen in den Niederlanden gewonnen. Heute noch sichtbares wesentliches kulturelles Erbe dieses Herrschers sind die wesentlich von ihm gestalteten Schlösser Brake (bei Lemgo), Varrenholz und Burg Blomberg sowie die Festungen Lipperode und Falkenburg bei Detmold-Berlebeck, eine stolze architektonische Bilanz für die Grafschaft. Allerdings bewies Simon auch hier Weitblick. Die von ihm mustergültig mit fünf spitzen Bastionen errichtete Festung Lipperode ließ der Graf selbst bald schleifen, da sie eher Söldnerheere und marodierende Haufen anlocken könnte, als zur Verteidigung des kleinen Landes zu dienen. Sonst war Simon weniger zur Zurücknahme bereit: Die Stadt Lemgo hat offenbar lange um ihren Status als lutherische Enklave inmitten eines reformierten Gesamtstaates streiten müssen.

Vor Ort blieben seine umfangreiche Bibliothek mit einem Widmungsexemplar von Tycho Brahes „Astromiae instauratae mechanica“ erhalten, das der Astronom ihm 1598 dedizierte, und Palma il Giovannes „Judith enthauptet Holofernes“ (Weserrenaissance-Museum Schloss Brake). Wer in der Alten Pinakothek aber vor Abraham Bloemaerts „Götterbankett“ steht, wird kaum ahnen, dass das manieristische Hauptwerk einst in die Sammlung des Lippe Detmolder Grafen gehörte. Michael Bischoff wendet den verbliebenen Resten der gräflichen Sammlung akribische Aufmerksamkeit zu und konnte so immerhin auch vor Ort noch einiges auffinden, dazu gehört Johannes Hopffes Gemäldezyklus mit 13 Tafeln der Abrahmslegende.

Der Autor beschreibt seinen Protagonisten so: „Die machtpolitische Nebenrolle, mit der sich seine Dynastie bis dahin abfinden musste, versuchte Simon VI. durch hochgesteckte außenpolitische Ambitionen zu kompensieren. Im Engagement für Kaiser und Reich sah er die beste Chance (…).“ Wen wird es da wundern, dass er die Grafschaft Lippe-Detmold so verschuldet hinterließ, dass nach seinem Tod der Kulturetat gestrichen werden musste. Warum es gerade der Kulturetat sein musste und nicht der Militäretat, darüber schweigen die Quellen offensichtlich.

Mit dem Buch, das sehr zu Recht den stolzen Titel „Ein europäischer Renaissanceherrscher“ trägt, ist die Rekonstruktion und mehr als das, die Verlebendigung eines kleinstaatlichen Kulturkreises geglückt, die so komprimiert, Sparten-übergreifend und brillant illustriert bisher noch nicht vorlag. Nach der Lektüre des Bandes glaubt man Michael Bischoff, dass Simon VI. nicht nur zu den großen Lippern zählt, sondern auch zu den bedeutenden Renaissancefürsten in Mitteleuropa.

08.07.2011
Jörg Deuter
Bischoff, Michael. Graf Simon VI. zur Lippe (1554-1613). Ein Europäischer Renaissanceherrscher. Weserrenaissance-Museum Schloß Brake. Lemgo 2010. 112 S. 21 x 14,9 cm. Pb. EUR 5,95.
ISBN 978-3-9807816-5-7
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]