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VENUS von Willendorf

Die noch junge Edition Lammerhuber, in der vorliegender Bildband über die vorgeschichtliche Skulptur der so genannten Venus von Willendorf erschien, verfolgt das Ziel explizit hochwertiger Buchgestaltung. Die Inhalte sollen die äußere Form bestimmen. So liegt ein bis in den Schuber hinein aufwändig gestaltetes Kunstbuch vor. Ähnlich beispielsweise wie Bücher im Fall des Chorus - Verlag für Wissenschaft und Kunst. Der Band ist zugleich der erste in der Reihe »Meisterwerke«, in der einzigartige Zeugnisse der Weltkultur aus Kunst und Wissenschaft in luxuriöser Aufmachung dargeboten werden. Der Aura der Gestaltung kann man sich als Leser nicht ohne weiteres entziehen, und das scheint Programm. Denn der Blick des fotografierenden Lois Lammerhuber – von nah und fern – auf die nur 11 Zentimeter große Frauengestalt, deren Alter auf 25.000 Jahre geschätzt wird, suggeriert – zumal auch die Materialität der Skulptur (Oolith) seitenfüllend zum Thema wird – das Außergewöhnliche. Und sie ist als Darstellung einer menschlichen Gestalt, oder zumindest als von Menschenhand geschaffene Gestaltung, in der man etwas der Menschenwesenheit zugehöriges erkennt, außergewöhnlich. Ebenso ist ihrer Wirklichkeit, wie bei allen anthropomorphen Darstellungen aus der Ur- und Frühgeschichte, abstrakt begrifflich schwer beizukommen. So behauptet denn auch Anton Kern, der Direktor der prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien, wo die Venus-Gestalt heute verwahrt wird: »Mit Gewissheit kann man annehmen, dass wir den Hintergrund ihres Entstehens nie erfahren werden. Die prähistorische Wissenschaft neigt im hohen Maße dazu, einen kultisch-religiösen Anlass als Ursache anzunehmen« (S. 10). Ob das geistig aufgeschlossenen Lesern des 21. Jahrhunderts als Erklärung für das Einzigartige dieser Skulptur – in Verbindung mit den über sie bekannten Fakten in einem Beitrag von Walpurga Antl-Weiser – befriedigt, mag dahin gestellt sein. Auf das Staunenswerte, das von der Skulptur ausgeht, weist es allemal. Und das ist gut, denn so ist der Leser gezwungen, individuell vom Staunenswerten der bemerkenswerten Oolith-Gestaltung zur Erkenntnis und weiter hin zum eigenen Urteil über die Wirklichkeit, aus der sie vor Jahrtausenden entstand, fortzuschreiten. Ein solches fragendes Sinnen lösen die Bildsequenzen und Detailaufnahmen vor schwarzem Hintergrund in jedem Fall aus. Man fühlt sich angeregt, auch auf andere von der Archäologie in den letzten Jahrzehnten neu ans Tageslicht geförderte Zeugnisse weniger alter Zeiten der Vorgeschichte den Blick zu lenken. Das Buch ist zweisprachig (Deutsch-Englisch) und erschien 2008 anlässlich des 100. Jahrestages der Entdeckung der Skulptur. Man darf neugierig sein auf die schon angekündigte Fortsetzung über das Thema Ephesos, wo sich bekanntermaßen mit der Artemis von Ephesos eine nicht minder schwierig zu deutende Göttergestalt in römischer Kopie befindet.

08.07.2011
Matthias Mochner
Antl-Weiser, Walpurga / Kern, Anton / Lammerhuber, Lois. VENUS. Fotograf: Lammerhuber. 92 S., 42 fb. Fotos, großform. Abb., 3D-Bild auf Schuber 32 x 24 cm. Gb iSch Verlag Lammerhuber, Baden Österreich 2008. EUR 39,00
ISBN 978-3-901753-08-4
 
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