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Humboldts Preußen

Aufschwung, Reform und Gemeinwohl in einem starken Staat – das ist das Thema von „Humboldts Preußen“. Auch wenn die Berliner Wissenschaftshistorikerin zur Illustration ihrer Thesen einen naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt wählt, so lässt sich das Buch doch als Gleichnis für andere Teilbereiche von Bildung, Kultur, Wirtschaft und Politik lesen, als Hommage an eine „ganzheitliche“, „nachhaltige“ Auffassung von Staat und Gesellschaft, die in den letzten 25 Jahren programmatisch zerstört worden ist. Ursula Klein eröffnet uns beispielhaft, wie das kameralistische System das Deutschland des späten 18. Jahrhunderts prägte, wie es die Menschen formte, immer unter der Prämisse, dass nicht allein Unternehmen, sondern auch die Bürger selbst von der zukunftsorientierten Regulierung des Staatswesens und seiner sämtlichen Teile profitieren sollten. Man mag diesen Humanismus romantisch nennen – und romantisch sind zahlreiche der Humboldtschen Auffassungen, die man bei Klein nachlesen kann. In jedem Fall ist er sozialer als der technokratische Neoliberalismus, dessen Gift in den Köpfen und Seelen der Menschen heute wirkt und das unser Gemeinwesen bald ausgerottet haben wird.
Klein nimmt sich ein verhältnismäßig übersichtliches Kapitel der preußischen Wissenschaftsgeschichte um 1790 vor: den Beginn der systematischen Erforschung und Nutzbarmachung der Natur durch den Staat. Da sind einerseits die Versuche, Zucker aus Rüben oder Ahorn zu gewinnen, um den Import des teuren Luxusgutes mithilfe der Eigenproduktion zu drosseln. Da sind andererseits die Überlegungen, wie der Bergbau und die daran angeschlossenen Folgeindustrien – Abbau von Kohle oder Erz, Gewinnung von Silber und anderen Metallen, Herstellung von Porzellan usf. – effektiver werden kann.
Allein dieser begrenzte Blick offenbart in der Analyse viel und Wesentliches. Etwa das Konkurrenzverhältnis der Gesellschaftsschichten und der Aufstieg des wissenschaftsorientierten Bürgertums gegenüber dem wissenschaftsabstinenten Adel. Oder die Tatsache, dass sich Preußen für seinen Aufstieg im Kräftesystem der deutschen Staaten bei externem know-how bedienen musste: Alexander von Humboldt ging zum Studium an die Bergbauakademie im sächsischen Freiberg, wo er neben neuesten physikalischen, chemischen, geologischen und technischen Erkenntnissen, auch Organisationsformen kennenlernte, diese Erkenntnisse für den Staat nutzbar zu machen. Das führte nach seiner Rückkehr nach Berlin zu Kompetenzrangeleien unter seinen preußischen Mit-Beamten, die bis dahin die Bergwerke in der Provinz mit fast mittelalterlichen Methoden von ihren Berliner Schreibtisch aus regiert hatten. Denn Humboldt begab sich auf ausführliche Inspektionsreisen und nahm dabei vor Ort sogar selbst den Hammer in die Hand, um zu begreifen, was unter Tage geleistet wird und wie man es den aktuellen Notwendigkeiten anpassen könnte. Humboldt erfand nicht allein „moderne“ Gerätschaften für die Grubenarbeit, sondern plante auch die Gründung einer Bergakademie nach sächsischem Vorbild in Preußen. Analog war auch der Umgang mit Nutzpflanzen gedacht: Der Ausbau des botanischen Gartens, systematische Zucht- und Kreuzungsversuche zur Ertragssteigerung, Musterwirtschaften, Verzahnung von praktischer Forschung und Agrarwesen, Erweiterung der bereits etablierten Systematik des Botanikers Linné und vor allem die Ausbildung und Rekrutierung neuer Kräfte, sei es in den Lehrinstitutionen, sei es in den landwirtschaftlichen Unternehmen, die nun die Pflanzen en gros anbauen sollten – all das sollte später „Humboldts Preußen“ prägen, während sein Initiator längst zum Weltreisenden aufgestiegen war und an seinem berühmten „Kosmos“ bastelte.
So beschreibt Ursula Kleins Buch beispielhaft das fruchtbare Klima eines Gemeinwesens im Aufbruch, einer Gesamtkultur, die sich „nach oben“ orientierte und um staatlich regulierte Verbesserungen bemüht war, die in die Gesellschaft als Ganzes hineinwirken sollten. Dass diese Zeiten lange vorbei sind merkt der Leser indes nicht allein am Vergleich des hier Geschilderten mit den Verhältnissen der Gegenwart. Er merkt es auch am vorliegenden „Produkt“ selbst. Thesenhafter, mit vehementerem essayistischem Zugriff hätte der Text im Großen aufgebaut sein dürfen, sprachlich genauer und vor allem bündiger im Kleinen – das ist das eine. Das andere aber sind die Druck- und Trennungsfehler, die etlichen Korrekturpannen, die das Buch von Beginn bis Ende durchziehen und die das Lesevergnügen in Anbetracht des Themas geradezu vernichten. Auch der saubere Anhang aus Fußnoten, Literatur, Personen- und Sachregister reißt es nicht raus. Gut gedacht – mangelhaft umgesetzt: das ist die bittere Gesamtbilanz.

23.09.2015
Christian Welzbacher
Klein, Ursula. Humboldts Preußen. Wissenschaft und Technik im Aufbruch. 336 S. 40 Abb. 24 x 17 cm. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015. EUR 49,95.
ISBN 978-3-534-26721-7
 
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