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Skulptur des Hellenismus

Nachdenklich wird der aufmerksam Lesende die exzellente Monographie zur "Skulptur des Hellenismus" von Bernard Andreae am Ende aus der Hand legen. Denn das vorliegende Werk vermittelt dem Leser das Neue dieser die drei Jahrhunderte vor Christus umfassenden hellenistischen Kunst höchst eindrucksvoll und vor dem Hintergrund der Ergebnisse aktueller Forschungen.
Nicht nur die Umdatierung des berühmten Pergamonaltares, für dessen Entstehung nunmehr die Jahre zwischen 165 und 156 v.Chr. geltend gemacht werden, sondern auch die Entdeckungen um die bisher wenig fassbare Künstlerpersönlichkeit des Nikeratos, dem einige bedeutende Bildwerke an der Wende vom 3. zum 2. vorchristlichen Jahrhundert zugewiesen werden konnten, zeigen die Skulptur des Hellenismus in einem Licht, das diese Kunstepoche von dem ihr lange Zeit anhaftenden Makel der Dekadenz und des Verfalls endgültig befreit.
Indem der Mensch in der Zeit zwischen dem Tode Alexanders des Großen im Jahre 323 v.Chr. und dem Untergang der griechischen Staatenwelt in der Schlacht bei Aktium (31. v.Chr.) erstmals in der Geschichte der Kunst die Übereinstimmung der von ihm geschaffenen Werke mit dem Naturvorbild anstrebte, vollzog er einen wichtigen Bewusstseinsschritt. Die "Skulptur des Hellenismus ist die plastische Gestaltung des Augenblicks", formuliert Bernard Andreae gleich im ersten Satz seiner aus präziser Anschauung verfassten Einleitung (S. 13) diesen entscheidenden Wendepunkt, um aus dem Gedanken auf den nachfolgenden gut 50 Seiten die wesentlichen Stationen der hellenistischen Skulptur konsequent zu entwickeln.
Ihrer speziellen Thematisierung des Augenblicks wegen erscheint die hellenistische Skulptur zwar einerseits als Gegensatz zur griechischen Klassik, die um die Verewigung des Seins (der Götter) ringt, lässt sich jedoch andererseits und aufgrund des neu hinzukommenden Zeitmomentes "als [die] Vollendung der griechischen Kunst, insgesamt (S. 19) begreifen". Es ist bemerkenswert, wie es dem Autor ausgehend von diesen, die großen Entwicklungslinien in den Blick nehmenden Überlegungen gelingt, seine Leser an das Phänomen des hellenistischen Kunstschaffens behutsam und sachgerecht heranzuführen.
Andreae setzt in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts an, wenn er sowohl den Begriff der Anschauung als auch denjenigen der Zeit reflektiert (S. 14). Ersterer impliziert für den Autor nicht nur den Prozess der reinen (kunstgeschichtlichen) Wahrnehmung des vorfindlichen Kunstwerkes, sondern besitzt darüber hinausgehend zusätzliche historische Konnotationen. Denn die Betrachtung eines Kunstwerkes macht auch die Vergangenheit erfahrbar: "Man kann Geschichte ... unmittelbar und eindrucksvoll auch aus der Anschauung von Kunstwerken erfahren..." (S. 51). Dabei wird, wie Andreae in Anbindung an Aurelius Augustinus und Nikolaus von Kues weiter ausführt, die Anschauung zur eigentlichen Gegenwart und somit "die Betrachtung eines Kunstwerkes [zu] eine[r] besonderen Erfahrung der Zeit" (S. 14).
Diese grundsätzlichen philosophischen Überlegungen zum Verhältnis von Anschauung und Zeit erweisen sich nicht nur zum Verständnis hellenistischer Kunst als überaus hilfreich, sensibilisieren – um nicht zu sagen: zwingen – sie den Kunstinteressierten doch genau hinzusehen – und genau zu lesen. Durch die Erörterung der fünf Strukturelemente Statik, Dynamik, Tektonik, Plastizität und Organizität (S. 20-27) offeriert Andreae ein wichtiges Instrumentarium, mittels dessen sich der Leser übend – und damit eigenständig – ein tieferes Verständnis der Skulptur des Hellenismus zu erarbeiten vermag. Dazu freilich muss er das schöne Buch nochmals zur Hand nehmen und auch das ausgezeichnete Bildmaterial in Ruhe studieren.
Die vorliegende Monografie zur "Skulptur des Hellenismus" ist also ein Kunstbuch im besten Sinne. Aufbau und Gestalt des Werkes stehen in der über Jahre hin bewährten Tradition wertvoller kulturgeschichtlicher Kunstbücher aus dem Hirmer Verlag, die ihren Schwerpunkt – wie in diesem Falle – jeweils in einem ausführlichen Abbildungs- und Tafelteil besitzen (208 Seiten), welchem eine Einführung vorangestellt ist (S. 13-53) und dem die ausführliche wissenschaftliche Einzelbeschreibung der vorgestellten Kunstwerke folgt. Als Studien- und Übungsbuch ist die "Skulptur des Hellenismus" für alle beruflich am Hellenismus Interessierten von unschätzbarem Wert, dürfte aber auch allen anderen Menschen, die zu diesem Werk greifen, viel Freude bereiten.


Matthias Mochner
Andreae, Bernard: Skulptur des Hellenismus. Fotos v. Hirmer, Albert; Ernstmeier-Hirmer, Irmgard. 2001. 448 S., 215 fb. Taf., 170 Textabb. 40 cm. Ln EUR 102,-
ISBN 3-7774-9200-0
 
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