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Der heilige Abt - Ein Glanzstück spätmittelalterlicher Bildschnitzerei

Seit Jahren macht sich der in Berlin ansässige Reimer Verlag mit gediegenen Publikationen zur spätgotischen Kunst in Deutschland einen Namen, erinnert sei nur an das 1992 erschienene Buch "Flügelaltäre des späten Mittelalters" oder die Monographie über den Maler und Bildschnitzer Bernt Notke (vgl. KbA 4/2000). Nun ist bei diesem Verlag ein Buch über eine einzige und dabei noch nicht einmal besonders große Skulptur erschienen, den sogenannten "Hl. Abt" im Museum Liebieghaus in Frankfurt am Main. Man mag sich fragen, wie es dazu kommt, dass sich dreizehn Autoren Gedanken zu lediglich einem Kunstwerk machen, aber die Lektüre und das Studium der Abbildungen zeigen es unmittelbar: Die Figur ist ein Glanzstück spätmittelalterlicher Bildschnitzerei, wie selten ist es hier einem Künstler gelungen, ein Stück Holz in eine eindrucksvolle Figur zu verwandeln. Sie besteht aus Linde, wie man aus dem Buch erfährt und nicht aus einem Obstholz, was man früher gedacht hatte. Überhaupt erscheinen frühere Überlegungen zu der Figur entweder als viel zu kursorisch, oder - von wenigen Ausnahmen abgesehen - einfach falsch. Von wem sie stammt, von wann genau, wofür sie ursprünglich gedacht, ja wen sie überhaupt darstellt, dass weiß man zwar immer noch nicht eindeutig, aber immerhin sind die Fragen durch die Autoren Ernst genommen. Und das ist zuweilen besser als vorschnelle Antworten. Das stilistische Umfeld der Skulptur scheint jetzt wesentlich klarer und manche Bildschnitzer wie etwa Hans Backoffen oder Veit Stoß dürfen als Autoren des Werks eindeutig ausgeschieden werden. Interessant sind auch die Fragen nach dem Sinngehalt von Falten oder der Physiognomie. Unabhängig von den Vorgaben des Körpers entwickelt sich die Kleidung in einer Freiheit, die man als Gewandrhetorik bezeichnen könnte. Und das Gesicht wirkt zunächst, als sei es individuell gestaltet und gebe das Studium eines konkreten menschlichen Vorbildes wieder. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber die Künstlichkeit und Kalkuliertheit der Formen. Höchstwahrscheinlich ist das Ziel der Figur, die dogmatische Autorität des hl. Benedikt zu verkörpern. Eine der wenigen Fragen, die ausgespart bleiben, ist die nach dem Sinn der ungefassten Oberflächengestalt der Figur – ihrer Nichtpolychromierung, wie man es heutzutage nennt. Warum bei manchen Holzskulpturen seit etwa der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts eine farbige Oberflächengestaltung fehlt, dazu sind gerade in den letzten zehn Jahren viele Überlegungen angestellt worden. Es hätte sich gelohnt, auch hier dieser Frage eigens nachzugehen. Doch dieses Manko verschlägt wenig gegen den Gesamteindruck: Eindringlich wie selten beschäftigen sich über ein Dutzend Autoren mit einem Kunstwerk, der Leser wünschte sich mehr Bücher dieser Art.


Alexander Markschies
Der heilige Abt. Eine spätgotische Holzskulptur im Liebieghaus. Hrsg. v. Torri, Valentina. Redakt.: Kreikenbom, Marianne. 01/2001. ca. 310 S., ca. 158 Abb. - 17 x 25 cm. Gb DEM 149,-
ISBN 3-496-01237-4
 
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