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Das Jüngste Gericht

Gleich zwei Bände sind im vergangenen Herbst erschienen, die sich mit dem Jüngsten Gericht befassen, ohne dass die Autoren die Ereignisse des 11. September in den USA vorausahnen konnten. Die Hoffnung, dass dem leidenden Menschen, der sich des Stärkeren nicht erwehren kann und bei keinem Richter dieser Welt sein Recht findet, Gerechtigkeit widerfährt, hat die großen Künstler zu allen Zeiten inspiriert, in Fresken, Gemälden und Stichen dieses Thema darzustellen.
Der Bildtypus, den wir als "Jüngstes Gericht" oder "Weltgericht" kennen, geht im Westen auf die Jahre um 800 zurück, im Osten ins 11. Jahrhundert. Doch handelt es sich dabei keineswegs nur um eine Vorstellung der Christenheit, auch die Ägypter kennen eine Art Weltgericht und die Seelenwägung. In den ersten zwei Kapiteln des Buches aus dem Benziger-Verlag erläutert Martin Zlatohlávek die Bilder vorchristlicher Vorstellungen: das Seelengericht, die Auserwählten und Verdammten des Alten Testaments, die Apokalypsen, Gleichnisse aus den Evangelien wie auch die Qumran- und frühchristliche Literatur, während sich Christian Rätsch und Claudia Müller-Ebeling den Völkern und Religionen außerhalb Palästinas widmen.
Anschließend erläutert Martin Zlatohlávek das Grundschema des Bildes vom Jüngsten Gericht von der byzantinische Kultur bis ins Hochmittelalter und stellt Bildkompositionen der großen Meister vor, wobei sich das jeweils gezeigte Werk auf das vorausgegangene bezieht und auf diese Weise die Entwicklungsgeschichte des Bildes anschaulich macht. Die Abbildungen sind erstklassiger Qualität und meist großformatig: gezeigt werden die berühmtesten Werke unter anderen von Giotto, Andrea Orcagna, Jan van Eyck, Fra Angelico, Hans Memling, Luca Signorelli, Hieronimus Bosch, Albrecht Dürer, Michelangelo, Tintoretto, Rubens u.v. a.
Am Ende des Buches werden in einem Abschlußkapitel noch einmal Bildsequenzen gezeigt, die die Darstellung des Jüngsten Gerichts häufig begleiten, wie das Bild der Allheit, der Offenbarung Christi, des Weltenrichters oder „der Himmel". Die Bibliographie des Bandes fällt arg bescheiden aus, dafür gibt es aber ein umfangreiches Glossar, ingesamt aber: ein prächtiges Buch, zu dem man wird häufiger greifen wollen und hoffentlich nicht aus Anlass böser Katastrophen.
Yves Christe, Professor für mittelalterliche Kunstgeschichte an der Universität Genf, behandelt das Thema „Das Jüngste Gericht" allein aus christlicher Sicht und zeigt die Entwicklung anhand ausgewählter Kunstwerke von den Anfängen im 9. Jh. bis zum ausklingenden Mittelalter. Gerichtsbilder sind relativ spät nachweisbar, und während sich in der byzantinischen Kunst ein bestimmter Typus herausbildet - dem Christe hier breiten Raum gibt -, sind die Darstellungen des Jüngsten Gerichts in der westlichen Christenheit sehr viel komplexer und finden an den Portalen der gotischen Kathedralen, in den Wandgemälden Italiens in der ersten Hälfte des 14. Jh. und in den Altarbildern des 15. Jh. ihre höchste Vollendung.
Christe veranschaulicht akribisch die Entwicklung der Darstellung in der Vielfalt der Motive wie auch in Bezug auf die den Bildern zugrundeliegende Ideengeschichte. So wandelt sich z. B. die Gestalt des strengen Richters im Laufe der Jahre zum Erlösung verkündenden Weltenrichter. Die sich wandelnde Akzentuierung kommt auch in der Vielfalt weiterer Motive zum Ausdruck: der Deesis, den Beisitzern des Gerichts, der Seelenwägung, der Scheidung in Gut und Böse, der Darstellung von Paradies und Hölle mit dem Repertoire von Höllenstrafen und -qualen, die sich nicht selten sehr realistisch ausdrücken.
Anhand von zahlreichen Quellen und hervorragenden Abbildungen werden dem Leser Wandel und Besonderheiten der Ikonographie detailliert und sachkundig vor Augen geführt, d.h. Gerichtsdarstellungen besonders der monumentalen Skulptur Frankreichs, aber auch aus der Buchmalerei, sowie Elfenbeinschnitzereien, Mosaikkunst, Glas- und Wandmalereien. Schade ist nur, dass das Auffinden der Bilder schwierig ist, und der Laie tut sich schwer, einen roten Faden im Textdschungel zu finden. Darüber hinaus sollte er bibelfest sein oder sich die Heilige Schrift neben das Buch legen, am besten eine katholische und zudem kommentierte Fassung, was grundsätzlich zum Verständnis auch anderer Kunstwerke hilfreich ist. Dem sachkundigen und wissenschaftlich bereits vorgebildeten Leser mag das leichter fallen, aber schon wegen des Zustandes der Welt sollte ein solches Buch für jedermann verständlich dargebracht werden. Dennoch ist auch dieser Band unbedingt zu empfehlen, man kann immer wieder reinschauen
Sandra Müllrich
Zlatohlávek, Martin /Rätsch, C /Müller-Ebeling, C: Das jüngste Gericht. Fresken, Bilder und Gemälde. 2001. 240 S.. Gb DM 68,-
ISBN 3-545-34160-7
Christie, Yves: Monographie Jüngstes Gericht. 09/2001. 372 S., 92 sw. u. 91 Abb., zahlr. Zeichn.. 30 cm, Ln, DM 198,-
ISBN 3-7954-1422-9   [Schnell & Steiner]
 
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