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Der Solnhofer Stein

Technologische Untersuchungen zur Kunst können nicht nur das Wissen vertiefen, sondern auch ganz neue Perspektiven eröffnen. Dass die Solnhofer Plattenkalke in der Kunstgeschichte immer wieder eine große Rolle gespielt haben, ist bekannt, aber eine Zusammenschau dieser wechselhaften Geschichte mit einem Schwerpunkt auf die technischen Aspekte hat es bislang nicht gegeben. Da ist es besonders erfreulich, dass die Untersuchung und Sammlung von Victor Henle aufs üppigste mit aussagekräftigen Abbildungen bestück ist. Der Autor, eigentlich Jurist, ist der Gegend familiär verbunden und hat sich aus der Vertrautheit mit den die Region prägenden Abbaubedingungen, immer tiefer in die Geschichte dieses Materials hineingearbeitet.
Die 150 Millionen Jahre alten Meeressedimente, die man bei Solnhofen und im umliegenden Altmühltal findet sind wegen ihrer fossilen Einschlüsse weltweit bekannt, denn in den damals flachen Meeresbecken lagerten sich besonders reichhaltig Tiere ab, deren Überreste in dem weichen Sediment außergewöhnlich vollständig erhalten blieben. Die Vorkommen dieses in Platten leicht abbaubaren Steins waren seit der Antike bekannt und wurden seit dem Mittelalter in Süddeutschland vor allem für den Bau verwendet. Wegen der homogenen Oberfläche der Steine und der Plattenstruktur eignete er sich ideal für Bodenbeläge. In der Renaissance wurde der weiche Stein auch von Bildhauern gerne benutzt, um in Reliefs verblüffend naturalistische und detailreiche Darstellungen zu erreichen. Weniger im Bewusstsein hat man die ebenfalls im 16. Jahrhundert sehr beliebten und prächtigen Steinätzungen für astronomische und kosmologische Darstellungen in Form von Tischplatten, die sich die oberste Gesellschaftsschicht des Adels und Klerus für wissenschaftliche Kabinette und Bibliotheken geleistet hat.
Ein erster Höhepunkt der Nutzung der gelb- und blautönigen Solnhofer Steinplatten entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert, als der barocke Kirchen-, Residenz- und Klosterbau die Fußböden großer und intensiv genutzter Räume, in denen Parkett nicht zum Einsatz kommen konnte, mit aufwendigen Mustern verzieren wollte. Die zahlreichen Beispiele, die Henle in phantastischen Aufnahmen zusammengetragen hat, öffnen die Augen für einen Bereich, über den der Besucher, der die ebenso aufwendig geschmückten Wände und Decken dieser Räume betrachtet, womöglich achtlos hinwegschreitet. Die ideale Anbindung der Steinbrüche an die Donau ermöglichte es, der entstehenden Steinindustrie, ihre Produkte kostengünstig bis weit nach Österreich zu verbreiten.
Am Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte der studierte Jurist mit Hang zum (Musik-)Theater, Alois Senefelder, auf der Suche nach einer preiswerten Druckmöglichkeit mit Noten kombinierter Texte, die besondere Eignung der Solnhofer Platten für eine völlig neue Technik, den Flachdruck der Lithographie. Im 19. Jahrhundert wurden die besonders homogenen Steine aus Solnhofen zu einem gefragten Produkt einer weltweiten Druckindustrie, die sich aus dieser preiswerten Technik und deren Möglichkeit Text und Bild zu kombinieren, entwickelt hat. Dieser Bereich der Nutzung, der einem kunstinteressierten Publikum heute als erstes einfällt, ist bei Henle nur ein abschließendes Kapitel.
Heute ist der Solnhofer Plattenkalk für die Bauindustrie meist zu teuer und die künstlerische Lithographie hat ebenfalls ihren Höhepunkt überschritten. Der Abbau geht daher immer weiter zurück, aber noch ist er nicht eingestellt. Das Buch führt vor Augen, wie er ganze Epochen unserer Kultur mit geprägt hat.

30.05.2026
Andreas Strobl
Der Solnhofer Stein - Geschichte, Bau und Kunst. Henle, Victor. 272 S. 30 x 24 cm. Josef Fink, Lindenberg 2025. EUR 29,80.
ISBN 978-3-95976-552-7
 
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