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Unveiling Female Social Power in Early Egypt

Im Rahmen einer neuen Reihe „Archaeology of Egypt and Sudan“ ist nun bei BAR in Oxford der erste Band erschienen, der sich einer längst fälligen Thematik widmet: der Bedeutung der Frauen im frühen Ägypten. Mit dieser Arbeit legt die australische Ägyptologen Susan A. Kelly eine überarbeitete Fassung Ihrer 2021 beendeten Dissertation vor. Begnügte man sich in der Ägyptologie weitgehend damit den Fokus auf die männliche Beamtenschicht und höchste Elite zu setzen, stellt die nähere Beschäftigung mit der Rolle der Frauen in der altägyptischen Wirtschaft und Administration bislang weitgehend ein Desiderat der Forschung dar. Dabei fehlt es letztlich nicht an Arbeiten über Frauen im alten Ägypten, sondern vielmehr an einer kritischen Hinterfragung ihrer Rollen in der altägyptischen Gesellschaft. Wie Kelly mehrfach in der vorliegenden Studie nachweist, war die bisherige Diskussion zur Thematik vorwiegend aus männlicher Sicht geführt: Dies zeigt sich nicht nur darin, dass eine Beschäftigung vorwiegend mit den Titeln der männlichen Beamten erfolgte; sie führte letztlich häufig zu einer Abwertung selbst höherer Titel bei Frauen. Ranghohe Titel bei Frauen, wie etwa der des Wesirs im späten Alten Reich, wurden in der Forschung allein als ehrenhalber verliehene Titel verstanden und nicht als wirkliche Amtstitel. Einen ersten, stärker feministisch ausgeprägten Ansatz, bietet nun Sue Kelly in ihrer Studie. Hierfür untersucht sie insgesamt 1.442 Frauen, die wir durch Inschriften aus der Zeit der 1. Dynastie bis zur 6. Dynastie, dem Ende des Alten Reiches (ca. 3080–2180 v. Chr.) nachweisen können.
Im Vorwort (pp. xvi–xvii) geht die Autorin kurz auf die bisherigen Arbeiten zu Frauen im alten Ägypten von den 1950er bis 1990er Jahren ein. Die meisten dieser Publikationen beschäftigten sich mit Einzelaspekten und vor allem den hierarchisch hochstehenden Vertreterinnen, wie etwa Königinnen. Darüber hinaus legt Sue Kelly großen Wert, über die vorhanden inschriftlichen und ikonographischen Belege, vor allem auch individuelle Personen herauszustellen, sowie Aktivitäten, die vor allem von Frauen ausgeübt wurden (p. xvii). Um einen anderen Weg einzuschlagen, hat sich S. Kelly eines Modells aus der Anthropologie bedient, das von Scott (1986) und Mann (2012) entwickelt worden ist (S. 1–2) und bei dem es vor allem um den Zugang zu Ressourcen um Macht zu erhalten geht (zus.: Kapitel 1: pp. 1–9). Kelly betrachtet daher unterschiedliche Felder wie etwa die Wirtschaft, Ideologie / Religion sowie die Politik und untersucht, welche Rolle Frauen in diesen Feldern zukam und wie der derzeitige Forschungsstand aussieht. Dabei stützt sie sich vor allem auf eine Untersuchung von Titeln und kann auf gewichtige Werke und Sammlungen wie vor allem D. Jones (2000) zurückgreifen.
In Kapitel 2 (pp. 11–31) wird vor allem die wirtschaftliche Sphäre in den Blick genommen. Es sind insgesamt 439 Frauen, die entsprechende Titel trugen und eine Anzahl von 41 Titeln, von denen Kelly allerdings nur die wichtigsten näher betrachtet. Viele Titel dieser Sphäre sind in der Vergangenheit häufig, wie etwa im Falle der „mitr.t“ als „Konkubine“, „Beischläferin“ übersetzt und interpretiert worden, was Kelly anhand ihrer Analyse revidieren kann. Vielmehr handelt es sich um Titel, die eine Arbeit im administrativen, Versorgungsbereich und Dienstleistungsgewerbe (pp. 14–15) betreffen. Viele Titel stammen auch aus dem Bereich der Hygiene und Medizin. Hierunter fallen Titel wie etwa die der Friseurin und Perückenmacherin, aber auch mn.t („Krankenschwester“) und die von Ärztinnen im höheren Rang (p. 18). In der Literatur sind auch diese Titel eher als ehrenhalber verliehene, bzw. als Titel angesehen worden, die im Zusammenhang mit weiblichem Personal stehen. Völlig zu Recht stellt Kelly aber die Frage, ob dies nicht eher eine konstruierte Interpretation sei und die „Aufseherin der Ärzte“ vielmehr auch männlichen Ärzten vorgestanden haben mag (p. 18). Weitere, teils höhere Ränge finden sich bei anderen Ämtern, so etwa bei den Weberinnen. Dabei kommt dem Textilgewerbe für den altägyptischen Kontext sicherlich durchaus eine besondere Rolle zu. Kelly kritisiert das bisherige Narrativ, was gerade diese Gewerbe herunterspielt. Feine Webstoffe waren jedoch nicht nur für Kleidungsstücke der Elite, sondern auch gerade für die Mumifizierung eminent wichtig und so darf davon ausgegangen werden, dass auch diesem Wirtschaftszweig und ergo den Amtsinhabern und eben Amtsinhaberinnen eine entsprechende Bedeutung zukam (p. 24).
Ganz ähnliche Ergebnisse zeigen sich bei der Betrachtung der ideologisch-religiösen Sphäre in Kapitel 3 (pp. 33 – 50). Im Zusammenhang mit dem Totenkult um den König, aber auch im privaten Bereich finden sich erneut Frauen, die den Titel von „Totenpriesterinnen“ tragen und vor allem während der 1.-2. Dynastie und schließlich wieder am Ende des Alten Reiches zu finden sind (p. 41). In der 5./6. Dynastie sind auch höhere Ränge als Vorsteherin der Totenpriester belegt. Zudem finden sich Priesterinnen für bestimmte Gottheiten wie etwa Neith (p. 47 – 48), Hathor (p. 45 – 46), Apis (p. 48), Hekat (p. 48) und Min (p. 49), sowie entsprechende Titel in Zusammenhang mit Ritualen für den lebenden König (p. 50). Einige dieser Titel werden auch von hochrangigen Frauen, Mitgliedern der Königsfamilie, getragen, was erneut die Bedeutung der Stellung unterstreicht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die politische Sphäre (Kapitel 4; pp. 51 – 67). Gerade die Rolle von Königinnen, wenngleich bislang weitgehend unklar ist, in wieweit diese Frauen auch tatsächlich regiert haben. Bis heute lässt sich diese Frage auch für viele der bekannten Persönlichkeiten nicht mit letzter Sicherheit klären, was nicht zuletzt an der Überlieferung liegt. Allerdings lässt sich bereits für die 1. Dynastie erschließen, dass durchaus auch Frauen, das höchste Amt innehatten und aktiv regierende Herrscherinnen waren. Eine fragliche Kandidatin bleibt Königin Neith-Hotep, die entweder als Ehefrau des Narmer (1. Dynastie) oder die seines Nachfolgers, Aha, gesehen wird. Zwar hat sich in den letzten Jahren durch neue Funde, so etwa die Inschrift aus dem Wadi Ameyra, das Inschriftencorpus um diese Königin vergrößert, dennoch bleibt die Datenlage bislang vage. Wenngleich Callender (2011) und S. Kelly sich für eine Regentschaft der Neith-Hotep nach dem Tod des Narmer aussprechen, ist die Faktenlage hierzu bislang nicht ausreichend. Gerade das sogenannte Nekropolensiegel aus dem Königsfriedhof in Abydos spricht m. E. gegen eine solche Annahme und wird von S. Kelly diesbezüglich nicht erwähnt. Von den Titeln abgesehen, stellt sich auch bis heute die Frage nach der Bestattung und dem Grab dieser Königin, die inschriftlich aus dem Königsfriedhof von Abydos belegt ist. S. Kelly schlägt vor, dass die Königin Neith-Hotep im sogenannten „Menes-Grab“ bei Naqada bestattet worden ist (p. 56). Eine DNA-Untersuchung an den Knochen aus der Grabkammer belegte jedoch bereits vor einigen Jahren, dass es sich um eine männliche Person handelt (Kahl/Engel 2001, p. 27), so dass es unwahrscheinlich ist, dass es sich um Neith-Hotep handelt.
Dahingegen sind die Nachweise für eine Regentschaft einer weiteren Königin der 1. Dynastie, Meret-Neith, die Mutter des Königs Den, sehr viel klarer. Sehr wahrscheinlich übernahm sie die Regierungsgeschäfte interimsmäßig, als Den noch ein Kind war, was auch der Grund dafür sein mag, dass sie namentlich auf dem sogenannten Nekropolensiegel von Abydos entsprechende Erwähnung findet (so auch Kelly, pp. 58–59 mit Abb.). Merkwürdigerweise wird – dies hier nur kritisch eingeworfen – G. Dreyer als der Zeichner des Siegels von Kelly angegeben (vgl. Bildunterschrift zu figs. 4.11–4.12), was jedoch nicht zutrifft.
Davon abgesehen kann S. Kelly weitere Fälle aus dem Alten Reich vorbringen, für die eine tatsächliche Regentschaft als gesichert gilt: darunter Anch-nes-Pepi II., Chentkaus I. – II. Neben dem Titel von Königinnen ist besonders der des Vezirs bemerkenswert, der auch, wenn auch selten mit 3 Belegen im Alten Reich in einer weiblichen Form vorliegt. Bislang war man davon ausgegangen, dass es sich hierbei um ehrenhalber verliehene Titel handelt. S. Kelly zweifelt an diesem Narrativ und kann durchaus Argumente für eine tatsächliche Amtsinhabe vorbringen (p. 64).
Der letzte Aspekt, den S. Kelly in ihrer Studie betrachtet, ist der der Frauen im Bereich der sozialen Machtbeziehungen (Kapitel 5, pp. 69–73). Hierbei geht sie auf Affiliationen mit dem Königshaus (Königstochter; Ehefrau, etc.) sowie weitere Titel, die wir im übertragenen Sinne mit „Adelstiteln“ in Verbindung bringen können, ein. Schwierig ist bei der Auswertung, dass einige dieser Titel erst recht spät in der weiblichen Form belegt sind und bei Titeln wie etwa „Königstochter“ bis heute unklar ist, welche der Trägerinnen tatsächlich mit dem König verwandt waren.
Im letzten Kapitel 6 (pp. 75–76) zieht S. Kelly nochmals ein kurzes Fazit und bringt die wichtigsten Ergebnisse in der gebotenen Kürze vor. Der Band schließt mit einem umfangreichen Appendix, der unterschiedliche listenförmige Zusammenstellungen, wie etwa eine komplette Auflistung namentlich bekannter Damen, der mit ihnen verknüpften Orte und ihre Titel von der 1.–6. Dynastie (Women, pp. 77–127); eine Auflistung der belegten Titel nach Kategorien sortiert (B: Titles, pp. 129–136) und schließlich einen Index (pp. 137–154), sowie eine Bibliographie (pp. 155–168).
Die konzise gefasste Studie überzeugt vor allem mit ihrem Ansatz, allein aus Sicht der inschriftlich vorliegenden Dokumentation zu arbeiten und somit viele der bislang vorgebrachten Interpretationsansätze, die dem stark männlich dominierten Blick entspringen, zu hinterfragen. S. Kelly vermag dabei herauszustellen, dass Frauen auch in den höchsten Staats- und Verwaltungsämtern aufsteigen konnten und durchaus eine ganz ähnliche Karriere einschlagen konnten, wie es vielen Männern vergönnt war. Es bleibt jedoch am Ende durchaus ein markantes Ungleichgewicht bestehen, was auch weiterhin zeigt, dass es quantitativ doch wenigen Frauen vergönnt war in die hohen politischen und wirtschaftlichen Hierarchien vorzudringen. Dies zeigt sich auch in der großen Anzahl von 623 der 1442 im Corpus betrachteten Frauen, für die keinerlei Titel und die ausschließlich mit ihrem Personennamen überliefert sind. Die grobe Prozentuale Aufstellung auf die drei von S. Kelly betrachteten Bereiche unterstreicht dies gleichsam: So sind es > 1 % der Frauen, die mit der politischen Sphäre, ca. 24 % die mit der ideologischen und 30 % die mit der wirtschaftlichen Sphäre in Verbindung gebracht werden können (p. 75). In ihrer Arbeit räumt sie mit alten Übersetzungsvarianten zu einigen Titeln auf und kann hier einige neue Ansätze bieten, wenngleich auch weiterhin viele der Titel nicht gänzlich geklärt sind und weitere Arbeit nötig machen.

02.07.2026
Robert Kuhn
Sue Kelly, Unveiling Female Social Power in Early Egypt (c. 3080 – 2180 BCE), Archaeology of Egyt and Sudan 1, BAR International Series 3189, 2024, Oxford 2024. Englisch. Brit. Pfund 55,00 EUR 107,50
ISBN 978-1-4073-6173-4
 
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