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Olevano - Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden |
Städtchen, exponiert auf einem Bergrücken, gibt es in Italien zum Säue füttern. Um in die Kunstgeschichte einzugehen, reichen also nicht die malerische Lage und eine romantische Burgruine, es braucht eine besondere Situation. Das bis heute abgelegene kleine Kaff Olevano, versteckt im Hinterland Roms, war um 1800 ein einsames, nur auf Eselsrücken oder zu Fuß erreichbares Dorf in insgesamt unwegsamen, tief zerklüfteten Landschaft der Monte Prenestini. Man hatte und hat von dort aus aber einen phantastischen Blick Richtung Süden, wobei die „ewige Stadt“ Rom unsichtbar im Rücken liegt, als wäre sie gar nicht vorhanden. Sie war aber seit Jahrhunderten der Anziehungspunkt einer internationalen Künstlerschaft, die mal mehr an den antiken Monumenten, mal mehr an den neueren Palästen und Kirchen interessiert war. Und diese Künstlerschaft wanderte gelegentlich mal vor die Tore der Stadt. Junge Künstler, die nach 1800 aus Deutschland kamen, interessierten sich weniger für Raffaels berühmte Werke, als für die pittoreske Landschaft, die damals bereits innerhalb der Stadtmauern der Stadt begann, denn weite Teile waren zerstört und zu Weideland geworden. Die nahegelegenen Berge versprachen ein angenehmeres Klima, aber Städte wie Tivoli oder Frascati waren immer nach Rom orientiert. Die dahinter liegenden Berge versprachen ein karges und damit preiswertes Leben inmitten von spektakulären Aussichten, die als solche erst entdeckt werden wollten. Und die Zeit war reif dafür, sich der Wirkung des Wetters und der Farben in der Natur mit frischen Augen zu nähern. Da die meisten Künstler nur wenig Zeit hatten, sammelten sie wie besessen in Bleistiftskizzen, aquarellierten Zeichnungen und zunehmend auch kleine Ölmalereien, die um 1830 Mode wurden. Das Ziel war, so viele Eindrücke wie möglich nach Hause zu bringen, um dort aus dem Fundus schöpfen und aufwendig komponierte Landschaften – gerne auch mit kleinen Historien und nicht nur dem pittoresken Hirtenvolk – zu schaffen. Wobei man bedenken muss, dass es deutsche Künstler, ein Deutschland gar in dieser Zeit nicht gab. Trotz der napoleonischen Umkrempelung Europas war es bei einer unübersichtlichen Kleinstaaterei geblieben und eine nationale Identität ein sehr theoretisches Konstrukt. Eine junge deutschsprachige Künstlergeneration lernte sich also erst in der Vielvölkerstadt Rom als Deutsche erleben. Deren Kunstschätze waren ihnen seit Generationen abgedroschene Erlebnisse und die Natur auf der anderen Seite der Rom umgebenden Berge etwas aufregend Neues. Es wurde eine Selbsterfahrung durch die Konfrontation mit dem Fremden.
Der in Rom lebende Kunsthistoriker Golo Maurer ist einer der besten Kenner der Kunst um 1800 in dieser Stadt, was er bereits in mehreren Publikationen bewiesen hat. Indem er sich nun einem scheinbaren Randphänomen widmet, gelingt es ihm grundsätzliche Fragen zur Kunst, insbesondere zur Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert anschaulich zu behandeln. Indem er nicht nur auf die Entdeckung des kleinen Städtchens blickt, sondern auch die weitere Geschichte, also eine Art Entwicklung des Tourismus, ins Auge fasst, kann er nebenbei noch die Abgründe und Sackgassen von Entwicklungen darstellen. Er nimmt dabei den Leser vielleicht etwas oft an die Hand und mäandert in kühnen Sprüngen durch die Geschichte, so wie die verschlungenen Pfade durch die Monti Prenestini führen und immer wieder überraschende Aussichten eröffnen. Das erinnert etwas an den Stil des Bestsellerautors Florian Illies, nur dass Maurers Assoziationen, Vergleiche und überraschenden Gedanken ausgesprochen intelligent sind und nicht nur auf den Knalleffekt kalkuliert. Man lernt in diesem kurzweiligen Buch also nicht nur ein kleines Kaff besser kennen, sondern die Kunst des 19. Jahrhunderts mit neuen Augen sehen. Und seit langem wird damit ja der Beginn einer Modernität verbunden, die uns mit all ihren Facetten bis heute beschäftigt.
03.10.2026
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| Andreas Strobl |
Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden. Maurer, Golo. 384 S. 62 fb. und 31 Abb. 21,7 x 13,9 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, München 2026. EUR 29,90
ISBN 978-3-406-84289-4 [C. H. Beck]
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