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Johann Wilhelm Schirmer in seiner Zeit

"Denn Maler muss ich nun einmal werden". Schon mit dem Beginn seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie (1825), die er später nachhaltig prägen sollte, stand für den siebzehnjährigen Johann Wilhelm Schirmer, der in Jülich eine behütete Kindheit und seine Lehrzeit in der elterlichen Buchbinderei verbracht hatte, Beruf und Berufung gleichermaßen fest. Der vorliegende Katalog zu den Schirmer-Ausstellungen in Karlsruhe und Aachen beleuchtet alle Facetten eines Werkes, dessen herausragende Rolle für die Entwicklung der Landschaftsmalerei in Deutschland bislang selten gewürdigt worden war. Schirmers Wirken als Professor für Landschaftsmalerei an den Akademien von Düsseldorf (1839-1854) und Karlsruhe (1854-1863) trug nicht nur maßgeblich zum Aufschwung der Düsseldorfer Malerschule, sondern auch zur Prägung der badischen Landschaftsmalerei bei. Aus der Zusammenarbeit ausgewiesener Kenner ist eine im Layout ansprechende, in Recherche und Lektorat sorgfältige Monographie entstanden, die den Weg Schirmers minutiös verfolgt und seine Werke großzügig abbildet. Umso misslicher erscheinen die oftmals zu klein geratenen Vergleichsabbildungen, worin sich die negative Kritik allerdings auch erschöpft.
Schirmer studierte an der Düsseldorfer Akademie und war dort Gründungsmitglied des "Landschaftlichen Componiervereins" (1827), wo er sich im Kreise Gleichgesinnter wie Carl Friedrich Lessing dem Studium der Landschaft widmete. Bevor Wilhelm von Schadow aus Berlin als Akademiedirektor nach Düsseldorf berufen wurde (1826), existierte dort keine Landschaftsklasse, und die Studenten - darunter auch Schirmer - mussten sich autodidaktisch ausbilden. Schadow erkannte jedoch die Tendenzen der Zeit und integrierte die Gattung Landschaft in die Malereiklasse. Diese frühe Landschaftsmalerei trägt keinen naturalistischen Zug, vielmehr schickt sich der Landschafter an, "Bilder aus der Natur zu nehmen" (Schirmer), also einen Ausschnitt bildhaft überformt darzustellen. Die großen Vorbilder sind die klassischen Landschaften Poussins, Claude Lorrains und vor allem Jacob van Ruisdaels. 1831 übernahm Schirmer - der "aufkeimende Ruisdael" - in der Anstellung eines Hilfslehrers den Unterricht in Landschaftsmalerei. Parallel dazu traf sich der "Landschaftliche Componierverein" regelmäßig, und seine Mitglieder legten sich gegenseitig ihre Naturstudien und Atelierkompositionen vor. Bettina Baumgärtel (S.17-23) stellt eingehend dar, welche bedeutende Rolle diese Zusammenkünfte nicht nur für die Genese der später so wichtigen Düsseldorfer Malerschule spielten, sondern auch für die Entwicklung der deutschen Landschaftsmalerei im allgemeinen. Die Komponiervereine ermöglichten die Präsentation von Studien privaten Charakters im halböffentlichen Bereich und schufen so ein Forum für neue Bildthemen. Grundsätzlich ist jedoch zwischen den kleinformatigen Freilichtstudien, die für Schirmer kaum mehr als Rohmaterial darstellten, und den im Atelier komponierten Landschaften, die allerhöchstens ihre originäre Bildidee dem Studium im Freien verdanken, zu unterscheiden. Wichtige Impulse in Schirmers Schaffen setzten seine Reisen, die ihn mehrfach in die Schweiz (1835, 1837 und 1853), in die Normandie (1836), nach Italien (1839-40) und nach Südfrankreich (1851) führten. Die gewonnenen Eindrücke flossen stets in die Bildformung ein, wie im sorgfältig bearbeiteten Katalogteil nachzulesen ist. Die dort am Leitfaden der Schirmerschen Biographie gewonnene Einteilung gruppiert jeweils Werke unterschiedlicher Gattungen zu Werkkomplexen, die die Genese vom Entwurf zum Atelierbild verständlich macht. Der Weg vom "primo pensiero" zum großformatigen Bild wurde in Düsseldorf ganz im Sinne französischer Akademietradition gelehrt, wie auch in dem einleitenden Essay von Siegmar Holsten (9-16) deutlich wird. An den Lebensstationen Schirmers stellt Holsten die künstlerische Entwicklung des Malers vom Studium über die Professur in Düsseldorf bis zur Direktorenzeit an der Karlsruher Akademie dar. Freundschaftlich begleitet wurde dieser Werdegang von dem Kunsttheoretiker Carl Schnaase, der 1829 als Jurist nach Düsseldorf gekommen war und bald Sekretär der Akademie und schließlich Vorsitzender des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen wurde. In verschiedenen Schriften trat Schnaase für die junge Düsseldorfer Malerschule, die sich von klassizistischer Norm und Nazarenertum gleichermaßen abzugrenzen hatte, ein. Schnaases "Niederländische Briefe" (1834) schufen mit ihrem Plädoyer für das Genre und die Landschaftsmalerei Raum für die undogmatischen Schöpfungen der Düsseldorfer, in denen sich traditionelle Darstellungsmittel mit Wirklichkeitsnähe verbanden. Henrik Karges Beitrag (S. 44-47) beleuchtet den intellektuellen Austausch zwischen Schnaase und dem jüngeren Maler Schirmer, deren Freundschaft sich in den späten 1830er Jahren entspann. Für Schirmer wurde der Theoretiker zum Mentor, dessen Briefe und Überlegungen ihn auf seiner Italienreise, aber auch noch später in Karlsruhe begleiteten. Schirmers Entwicklung führte nicht zu einer neuen Auffassung der Landschaft, wie ihn zeitgleich die Maler von Barbizon beschritten. Während die neue französische Kunst die Farbe zum Farblicht werden ließ und mittels großzügiger Pinselführung Lichtreflexen und ungegenständlichen Bildpartien volle Aufmerksamkeit schenkte, blieb Schirmers Malerei stofflich. Nur während seiner von Martina Sitt (S.24-28) untersuchten Reise nach Italien befreite sich Schirmer aus der Enge des Formkanons und erreichte im Kolorit eine bis dahin nicht gekannte Freiheit. In dieser Schaffensphase oszillierte Schirmers Werk tatsächlich zwischen "Ideal und Wirklichkeit", wie der Untertitel des Buches betont. Doch blieb die Verbildlichung des Unmittelbaren auf kleinformatige Skizzen beschränkt, die gelegentlich zu Bildvorlagen wurden. In seiner zweiten Lebenshälfte geriet Schirmer zunehmend auf eine klassizistische Bahn und fand in den 1850er Jahren sogar zu biblischen Zyklen. Adam C. Oellers (S. 29-37) hat die religiösen Aspekte in Schirmers Oeuvre eingehend analysiert. Die von Rudolf Theilmann detailliert und facettenreich besorgte Biographie (S. 53-76) verweist mehrfach auf den weitgesteckten Freundeskreis, in dem sich Musiker einer besonderen Beliebtheit erfreuten. Anke Arons (S. 48-52) referiert das Verhältnis Schirmers zur Musik. Bereits als junger Maler besuchte er die Musikzirkel Düsseldorfs, betätigte sich als Solist und Chorsänger und spielte eine zentrale Rolle im musischen Salon des neuen Akademiedirektors Schadow. Mit Felix Mendelssohn-Bartholdy verband Schirmer seit 1833 eine geistig intensive Freundschaft, zu der Bekanntschaften mit Robert Schumann und Johannes Brahms traten. Mit seiner Berufung nach Karlsruhe und der damit verbundenen Aufgabe, dort eine Kunsthochschule aufzubauen, musste sich Schirmer jedoch aus dem aktiven Musikleben zurückziehen. Die letzte Phase seines Schaffens war von Krisen durchzogen. Schirmer empfand zunehmend eine künstlerische und persönliche Isolation. Seine Kunst wurde in ihrer Stellung zwischen Detailrealismus und idealem Gehalt als antiquiert empfunden und oftmals harsch attackiert, wie Ariane Mensgers panoramischer Überblick zur Kunstkritik (S. 38-43) zeigt. Unverstanden und verbittert schrieb Schimer in seinem letzten Brief: "Die Zeit, die heute über die gegenwärtige Production urtheilt, ist mir keine Autorität, erst die Stimme die morgen über das Heute urtheilen wird, bestimmt die Klassizität des Kunstwerks". Es ist ein großes Verdienst des vorliegenden Bandes, Schirmers Rolle zur Emanzipation der Landschaftsmalerei in Deutschland eingehend dargestellt zu haben.
Matthias Hamann
Johann Wilhelm Schirmer in seiner Zeit. Landschaft im 19. Jahrhundert zwischen Wirklichkeit und Ideal. Beitr.: Arons, Anke; Baumgärtel, Bettina; Holsten, Siegmar; Karge, Henrik; Mensger, Ariane; Oeller, Adam C.; Sitt, Martina; Theilmann, Rudolf. 2002. 300 S., 204 fb., u. 221 s/w Abb., 30 cm, Gb. EUR 49,- Titel vergriffen, keine Neuauflage
ISBN 3-933257-79-4
 
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