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Garten der Lüste

Die schönste Stelle des Buches über den so genannten "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch findet sich auf Seite 78: Der Autor, der berühmte Kunsthistoriker Hans Belting, verlässt hier den Bereich der Fakten, wechselt ins Präsens und imaginiert, wozu das Bild gedient haben könnte, welche Funktion es hatte. Obwohl der "Garten der Lüste" die dreiteilige Form eines Altaraufsatzes, eines Triptychons aufweist, und eine biblische Historie darstellt, befand er sich wohl nie in einer Kirche, sondern - soweit nachweisbar - von Anfang an in privatem Kunstbesitz. Sein Eigentümer, Graf Hendrik III. von Nassau-Breda, soll nun nach der faszinierenden Überlegung Beltings das Bild auf Banketten dem staunenden Publikum vorgeführt haben. Anstatt sich Geschichten zu erzählen, haben die Festgäste dann über die Sicht des Hieronymus Bosch auf die Welt nachgedacht. Für solche Imaginationen darf der Leser dankbar sein, zumal sie einem Bild gelten, das seit jeher rätselhaft erschien und die Phantasie des Betrachters beflügelte. Aber Hans Belting erzählt keine Märchen, er ist wahrscheinlich der Allererste, der als Wissenschaftler die Eigenarten des Bildes Ernst nimmt - zuvor hatten es die Künstler studiert und vor allem die Mitteltafel mit der Darstellung des Paradieses kopiert. Und dann haben noch die Wissenschaftler Seiten um Seiten mit mehr oder weniger überzeugenden Interpretationen des Bildes gefüllt. Es scheint, dass hier die Künstler als die wahren Kunsthistoriker zu gelten haben, denn gerade die Mitteltafel des "Gartens der Lüste" hat sich bisher einer schlüssigen Deutung entzogen.
Hans Belting kann sie liefern, denn seit langem denkt er über die Eigengesetzlichkeit des Bildes nach, die gegenüber dem geschriebenen und gesprochenen Wort eine ganz eigene Verbindlichkeit hat. Bei Hieronymus Bosch legt er die Wiedersprüche offen, die nur ein Bild schlüssig darstellen kann, nicht jedoch ein Text: Obwohl der "Garten der Lüste" eine Altarform benutzt, war er nie ein Altar, und obwohl er auf die Bibel zurückgeht, erzählt er sie nicht nach. Im Paradies fehlt der Sündenfall, und so wird seine Darstellung bei Hieronymus Bosch - knapp gesagt - zu einer gemalten Utopie. Für diese Sichtweise sprechen übrigens auch die historischen Umstände: Die Entstehung des Bildes und mehr noch seine Wahrnehmung durch die Zeitgenossen lässt sich parallelisieren mit den Exotika, die aus der "Neuen Welt" kamen. Neben dem Palast in Brüssel, in dem der "Garten der Lüste" hing, bestand seit 1507 ein Zwinger für Kamele, Straußen und die "wilden Tiere". Und wohl nicht zufällig veröffentlichte der Engländer Thomas Morus gerade in diesen Jahren seinen Bericht von einer fiktiven Reise nach Utopia.
All dies kann man bei Hans Belting nachlesen, darüber hinaus ist die Darstellung, die in gediegener Manier erschienen ist, ein exquisites Bilderbuch. Noch nie hat man den Garten der Lüste in so wundervollen Abbildungen studieren können. Text und Bild treten hier in einen wirklichen Dialog.


Alexander Markschies
Belting, Hans: Hieronymus Bosch - Garten der Lüste. 2002. 128 S.,´80 meist fb. Abb., 28 cm. Ln EUR[D] 39,95
ISBN 3-7913-2644-9
 
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