KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Ramon Lull - Zwischen Bibel und Koran

Der höfischen Karriere des begabten jungen Katalanen Ramon Lull stand eigentlich nichts mehr im Wege. Als Seneschall hatte er engsten Kontakt zum Königshaus, und seine Heimat Mallorca war nicht nur ein wunderschönes Fleckchen Erde, sondern die Menschen lebten auf dieser Insel ausgesprochen friedlich miteinander. Das war nicht immer so und die Kriege mit den feindlichen arabischen Völkern waren gerade erst vorbei.
Doch warum konnten Moslems, Juden und Christen, wenn sie schon denselben einzigen Gott anbeten nicht friedlich zusammenleben? So fragte sich der Dichter und Denker Ramon Lull und suchte nach einem Weg friedlicher Koexistenz, denn schließlich gründeten diese Religionen auf einer einzigen Wahrheit, nämlich einem Gott.
Doch bevor sich der Katalane an die Arbeit und das Schreiben machte, um diese Weisheit in eine Art Lehrbuch beziehungsweise in einem "Wahrheitsbuch" eingehen zu lassen, verbringt er einige Jahre in Meditation, der er eine Pilgerreise anschließt, die ihn bis nach Santiago de Compostella führt.
In diesem Roman meditiert der Leser quasi zusammen mit Ramon Lull, durchwandert die Pyrenäen, friert in der Nacht in dunklen Wäldern, lernt Arabisch und ist am Ende fast Zeuge als das erste große Werk Lulls, die "Ars Magna" entsteht.
Doch ganz reibungslos geht das alles nicht. Mit seinem hochgebildeten Lehrer Abdeslam, der ihm wie von Gott gesandt als Sklave ins Haus kam; geriet Lull so sehr in Streit, dass der Araber seinen Gönner und Herrn fast erstochen hätte. Das war im Jahre 1281.
Bis zu diesem Zeitpunkt begleitet der Leser das Leben Ramon Lulls fast auf Schritt und Tritt. Doch die weiteren 30 Jahre Lulls werden dann im Eiltempo durchschritten, sei es auf der Reise nach Paris, Rom und Neapel, ja, bis ins nordafrikanisch, arabische Budschia, wo Lull wegen seiner religiösen Äußerungen über das friedliche Miteinander von Christen und Moslems gründlich mißverstanden wird und für einige Zeit im Gefängnis landet. Nachdem Ramon Lull dem Leser auf über 250 Seiten immer mehr ans Herz wächst, läßt der Autor den intensiven Erzählfaden plötzlich abreißen.
Die wichtigen letzten 30 Lebensjahre Ramon Lulls in denen die berühmtesten Schriften entstehen, packt der Autor in gerade mal 20 Buchseiten zusammen.
Gelegentlich verwirrt auch die Sprache dieser Ich-Erzählung, die auf den ersten und den letzten 20 Seiten in die dritte Person wechselt. Versuchsweise in einem mittelalterlichen Duktus geschrieben, stolpert der Leser häufig über "moderne" Worte, die zwar ihren Ursprung im Lateinischen haben, aber dennoch "modern" wirken. So liest es sich merkwürdig, wenn Ramon Lull einen Gedanken "reflektiert". Auch war man im Mittelalter sicher nicht "seiner Zeit voraus", das wäre ein Fall für die Inquisition gewesen, denn "die Zeit" ist Gott.
Dennoch. Dieses Buch ist eine wunderbare Freizeit- und Urlaubslektüre auch für junge Erwachsene. Will man aber mehr über die damals ungewöhnlichen und völlig neuen Erkenntnisse dieses begnadeten Dichters, Philosophen und Mystikers wissen, sollte man zu weiterführender Lektüre greifen, eine kleine Auswahl nennt der Anhang des Buches.
Anregen dazu tut dieses Buch in jedem Fall, und auch Mallorca sieht plötzlich ganz anders aus.
Eine richtige Urlaubslektüre!

Gabriele Klempert
Schäfer, Detlef: Ramon Lull. Zwischen Bibel und Koran. 2002. 304 S., 16 Abb. 21 cm. Gb EUR 19,80
ISBN 3-935590-29-6   [Imhof]
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]