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Karlsruhe als Capitale des Klassizismus

Karlsruhes Stadtorganismus, gestaltet von Weinbrenners Hand 1801 bis 26 - wie ihn Sigfried Giedion sah - ist das letzte Mal gewesen, “daß auf deutschem Boden ein Baumeister große Massen zu regieren versteht, daß er Fern und Nah gleichmäßig in der Hand hat und jedes Haus dienendes Wesen der Stadt bleibt.“ Ausgerechnet im Schinkeljahr 1981 hat Manfred Sack Weinbrenner auch als den überragenden deutschen Stadtplaner der Schinkelzeit charakterisiert, überlegen auch dem Gestalter des Lustgartens und dem Vordenker des Geheimratsviertels im alten Berliner Westen?
Der vorliegende Band des Instituts für Baugeschichte der Universität Karlsruhe erscheint in der Reihe “Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Sehule“ (herausgegeben von Wulf Schirmer) und ist geeignet die hohe Meinung vom Schaffen des badischen Hofbaumeisters zu bestätigen. Weinbenner entwirft 1802 die entscheidenden Pläne, die der nach-barocken Erweiterung der Radialstadt den Weg weisen: Die Quartiere im Südwesten, die er als die Mühlburger und die Linkenheimer Vorstadt bezeichnet und das Areal der heutigen Technischen Universität werden zum Nukleus der Stadtplanung. Diese frühesten Erweiterungen der Barockstadt im Geist des Klassizismus untersucht Gottfried Leiber akribisch anhand der Bauakten. Er führt uns dabei eine geradezu gigantische Stadtplanung vor, die, wäre sie nach Weinbrenners ursprünglichen Plänen ausgeführt worden, eine durchweg drei- bis viergeschossige Bebauung gehabt und monumentale, ja megalomane Dimensionen von Plätzen und Straßen vorgesehen hätte. So etwa der Handelsplatz vor dem Ettlinger Tor mit 460 x 230 Metern oder der "Circus zum Wettrennen“ mit 950 x 65 Metern, Dazu eine vierzig Meter breite Direttissima! (S. 62) Die Enttäuschung des noch deutlich von den Vorgaben des Studienortes Rom zehrenden Baumeisters war vorprogrammiert: Screnissimus erlaubte den Grundstückseigentümern "vorerst zweistöckig (zu) bauen“ (S.79), selbst in der Hauptstraße. Immerhin beläuft sich die Baugnade“ (also der Kostenzuschuß) bei zweistöckigen Häusern auf 10, bei vierstöckigen auf 20 Gulden je Fuß der Fassade, (S. 150) Die Karlsruher scheint das kaum zu "großstädtischen Visionen inspiriert zu haben. Seinen Traum von der europäischen Capitale Karlsruhe hat Weinbrenner trotzdem nicht begraben. Gerade im "Machbaren“, das die Karlsruher Utopie noch aus dem vorhandenen Notstand herausfiltem würde, zeigt sich die Meisterschaft. Weinbrenners, im Projekt, die etwas biederen vorhandenen zweigeschossigen Mansarddachhäuser der Magistrale durch Davorsetzen einer dreigeschossigen Arkade zu einer der monumentalsten Prachtstraßen Europas umzugestalten, wie sie allenfalls "in der Hauptstraße zu Genève exequirt gefunden“ werden (S.151), gehört zu den Geniestreichen von umgebauter Architektur überhaupt. Leider blieb auch dieses Projekt genialer Selbstbescheidung "Architektur, die nie gebaut wurde“. Ein schon zu Demonstrationszwecken vorliegendes Modell der heute in jeder Architekturgeschichte abgebildeten gigantisch hohen Bogengänge wurde dem Großherzog nie vorgelegt. Der aber bemängelte trotzdem, dass der Umbau "einen außerordentlichen Holzaufwand verursachen würde und überhaupt gar vieles gegen sich habe.“ (S. 152) Die Visionen Giorgio de Chiricos, die Weinbrenner vorwegzunehmen schien, sollten noch einhundert Jahre auf sich warten lassen.Gottfried Leiber demonstriert in entsagungsvoller Kleinarbeit, dass Friedrich Weinbrenner seinen großen Ruf als Stadtplaner gerechterweise genießt.

Jörg Deuter
Leiber, Gottfried: Friedrich Weinbrenners Städtebauliches Schaffen für Karlsruhe. Teil II: Der Stadtausbau und die Stadterweiterungsplanung 1801-1826. 2002. 455 S., 3120 Abb.. Ln EUR 75,80
ISBN 3-8053-2903-2
 
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