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Palast des Wissens Die Kunst- und Wunderkammer Zar Peters des Großen

Neue Sichtweisen, Denkanstöße, Gesprächsstoff, Horizonterweiterung - die beiden Bände „Palast des Wissens. Die Kunst- und Wunderkammer Zar Peters des Großen“, die auf einer Ausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund und des Schlossmuseums Gotha basieren, tun viel für ihre Leser. Es sind Kunstbücher, die Aufmerksamkeit verdienen.
Die Wertung des Zaren Peter der Große ist von einem Begriff geprägt, den ‘seine’ Stadt, Sankt Petersburg, erhielt: Das Fenster nach Europa. Als Zar Peter I. 1689 den Thron bestieg, war Russland zwar kein völliges kulturelles Brachland, aber es hielt doch keinem Vergleich mit den mitteleuropäischen Errungenschaften stand - und Peter zog diesen Vergleich. Von März 1697 bis August 1698 dauerte seine erste Reise durch Europa. Er betrat als erster russischer Zar ausländischen Boden. Die prägendsten Stationen waren Amsterdam und London. Unterweisungen im Schiffsbau standen ebenso auf seinem Programm wie das Kennenlernen der bedeutenden naturkundlichen Sammlungen, die der Amsterdamer Bürgermeister Nicolaas Witsen (1641-1717) initiiert hat. Witsen kombinierte Gelehrsamkeit mit gewissen Machtbefugnissen und beträchtlichen Geldmengen, über die er verfügen konnte. Der Zar war 25 Jahre alt, als er Witsen begegnete. In den Niederlanden erwarb Peter der Große denn auch umfangreiche Sammlungen im Gebiet der ‘naturalia’. Der Zar schaute nicht auf Einzelheiten, er suchte nicht nach dem einen, ergänzenden Stück, sondern ließ ganze Kollektionen. Er wollte eine Sammlung aufbauen, die dem Betrachter die wunderlichen Dinge, die die Natur hervorbringt, zeigte. Er staunte selber über viele Exponate. Die Ausstellung unspektakulärer Objekte gehörte jedoch auch zu seinem Bildungsanspruch. Er gründete die Kunstkammer (übrigens eines dieser international verwendeten deutschen Wörter, russ. kunstkamera, engl. the kunstkammer) und placierte sie in Sankt Petersburg, das ab 1703 in einem sumpfigen Nichts nach den Plänen des Zaren erbaut wurde.
An seiner Persönlichkeit geht nichts vorbei, will man sich der Geschichte der Kunstkammer zuwenden. Was war das für ein Mensch, der da sammelte, um sein Land kulturell zu revolutionieren? Man kann versuchen, in den Portraits nach der Antwort zu forschen. Selbst wenn er keine despotischen Züge gehabt hätte (er hatte sie allerdings zweifellos), hatten die Portraitisten nicht einfach freie Hand in der Darstellung des mächtigen Monarchen. Selbstverständlich war der „Tanzmeisterschritt“, der eine entschlossene Bewegung suggeriert; der deutsche Maler Gottfried Kneller (1646-1723), einer der beliebtesten seiner Zeit, hat dieses Detail fürstlicher Repräsentationsportraits zur Zufriedenheit des Zaren, aber durchaus auch des heutigen Betrachters ausgeführt. Michael Dückershoff, der den Beitrag zu den Portraits verfasst hat, findet die Darstellung angenehm ungeziert (im Gegensatz zu Rigauds Ludwig XIV. von 1701). Der Blick Peters des Großen geht in die Ferne, so schaut ein Visionär aus! Weniger zu Ehren gekommene Künstler haben sein Gesicht anders abgebildet - vielleicht naturgetreuer. Ein nicht zu ermittelnder Maler hat ein Jahr vor Kneller Peter gemalt, und da blickt der Betrachter einem weitaus unansehnlicheren, unentschlosseneren Zaren in die Augen. Der Schwabe Johann Gottfried Tannauer (1680-1733) hat den älteren Zaren großformatig auf die Leinwand gebannt. Diese drei Bilder wurden von Zeitgenossen als die dem Modell sitzenden Zaren am ähnlichsten bezeichnet. Im Bad Pyrmonter Schloss hängt eines von ihnen. Der Zar, der sich später in Wachs abbilden ließ, weil er, der Naturaliensammler, so naturgetreu wie möglich abgebildet werden wollte, dürfte zufrieden gewesen sein. Die Bildnisse Tannauers wurden als offizielle Vorlage zum ‘Kopieren’ freigegeben. Dieselbe Ehre wurde den Bildern des Nürnbergers Johann Kupezky (1666-1740), zu seiner Zeit ein Starportraitist, zuteil. Peter der Große schenkte es Herzog Anton Ulrich, und so hängt das Gemälde heute im Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig. Die Fäden der deutsch-russischen Kulturbegegnung überkreuzten sich seit Peter vielfach. Bei Peter selber war der deutsche Einfluss lediglich an einzelne Personen und Errungenschaften gebunden. Leibniz, der ab 1712 ‘des Zaren Geheimer Justiz-Rath’ war, und sein Engagement für den wissensdurstigen Zaren sind dafür exemplarisch.
Die Folgen für die deutsche Kultur waren schleichend und kamen auf leisen Sohlen über die Jahrhunderte daher - vor allem durch die Literatur. Für Russland waren die petrinischen Reformen eine von oben verordnete Explosion, die uralte Sitten wegsprengte. Zum Beispiel das Lachverbot. Im alten Russland war Lachen verpönt, es war eine Verhaltensform, die nur die untersten Schichten hatten. Peter der Große änderte das: Er lud den Adel zu groben Veranstaltungen, die das Lachen in der Öffentlichkeit provozierten.
Für seine Kunstkammer hatte das ernste Konsequenzen. Während seine Sammlungen zeitgenössisch ‘wertlose’ Gegenstände -etwa aus Sibirien (die von Nicolaas Witsen inspirierten Sibirica-Abteilungen zählen übrigens heutzutage zu den weltweit bedeutendsten) - zu der Betrachtung würdigem Kulturgut erhoben, gelang es dem Zaren nicht, diesen Wert den Höflingen zu vermitteln. Die groben Veranstaltungen wie das Saufkonzil, das Zwergenbegräbnis, die Narrenhochzeit wurden von seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen genauso in Besitz genommen wie seine Sammlungen. Unheilvoll zusammengeführt wurden diese Exempel erzwungenen Kultursprunges 1740, als die damalige Zarin Anna Iwanowna, Peters Tochter, zwar die karnevalesken, mittlerweile sinnentleerten Gelage pflegte, die mittlerweile wertvollen Schätze der Kunstkammer aber grausam missachtete: Die Gäste einer Narrenhochzeit durften sich Kostüme aus der sibirischen Sammlung aussuchen und behalten. Nur die Hälfte gelangte, teils stark beschädigt, zurück in die Kunstkammer. (Und das, während Vitus Bering noch im Auftrage Peters (der 1725 gestorben war) die Kamtschatka-Expedition leitete!) Ein Alptraum, der nur noch von einem zerstörerischen Brand im Jahre 1747 übertroffen wurde.
Bei diesem Brand schmolz der Große Gottorfer Globus, ein einzigartiges Kulturdenkmal, in sich zusammen. Er ist eines der Prachtstücke der Kunstkammer. Von 1650 an konstruierte ihn Adam Olearius am Hof des Grafen Holstein-Gottorf. Nach dem Brand rekonstruierten ihn russische Fachleute, wobei sie sich eng am Original orientierten. Der heutige Zustand scheint beklagenswert, aber nicht zum Verzweifeln. Jedenfalls ist die Kunstkammer, in der sich auch Peters Faszination für mathematische und astronomische Instrumente widerspiegelt, kein schlechtes Umfeld für das Meisterstück von Globus. Er befindet sich in der guten Gesellschaft von Uhren - so etwas wie einen Tagesablauf nach der Uhrzeit oktroyierte Peter der Große seinen Landsleuten.
Die Atmosphäre in seinem Kunst-Palast war Peter außerordentlich wichtig, und er erteilte der Tochter von Maria Sibylla Merian, Maria Dorothea Gsell, den Auftrag, einige Räume zu dekorieren. Leider ist nichts davon erhalten, und es sind nur spärliche Berichte über ihre Tätigkeit aufzufinden (da sich die Autorin dieser Rezension mit Maria Dorothea Gsell für ein Artikel- und Buchprojekt beschäftigt, würde sie sich über jeden Hinweis zu Leben und Werk von M.D.Gsell freuen!). War Gsell für die gefällige Gestaltung der Räumlichkeiten zuständig, boten die Skulpturen und Gemälde Betrachtungsfreude für sich. Die größte Leistung dieser Sammlung war es, dass Peter der Große es zur Mode machte, Bildende Kunst zu sammeln. Peter packte an, wo es etwas anzupacken gab, und bisweilen waren wilde Anhäufungen das Ergebnis. In der Zeit neuer Medien, im heraufdämmernden Internet, ist es wieder sehr gut nachvollziehbar, wie die amorphe Masse Wissen angestaut wird, ohne dass man genau wüsste, wohin damit. Die politischen Konsequenzen aus der Wissensverbreiterung wirkten nach Peter natürlich nach. Eine der Folgen war die Kluft, die sich zwischen den gesellschaftlichen Schichten auftat. Nur der Adel und die Administration partizipierten an des Zaren Kulturrevolution.
Moralische Standards rücken dem nackten Entdeckergeist bis heute erst zögerlich hinterher. Die tiefliegenden Dimensionen des „Wunders der Repräsentation. Zur Ordnung der Kunstkammer“ (so der Beitragstitel von Heiner Wilharm) sind vielschichtig und weisen weit über den einzelnen Gegenstand hinaus. Ein Text, der gelesen werden sollte, und Anregungen für manchen Diskurs gibt. So mag der Hinweis auf die Embryos und missgestalteten Wesen, die Peter in seine Sammlung als Kuriositäten aufgenommen hat, auch für Ausstellungen wie ‘Körperwelten’, vielleicht auch irgendwann für den 'Ötzi’, auf jeden Fall für Moorleichen (wie sie etwa im Schloss Gottorf in Schleswig ausgestellt werden) gelten: Die Zeiten, in denen Menschen Ausstellungsobjekte waren, sollten gründlich vorbei sein. Wilharm: „Visuelle Präsenz mag vielleicht die Eindrücklichkeit verstärken - von den anderen Sinnen hört man ohnehin wenig ... Synthetische Leistungen des Verstehens indes müssen wir im sozialen Ensemble unserer Sprache und Kultur und unserer kulturellen Intentionen erbringen. Vielleicht gehörte dazu, dass wir den halbherzigen Historismus aufgeben, der statt der Religiösität die Kunst der Reliqiuenschreine feiert und die unglücklichen Missgeburten in den Gläsern nicht beerdigen will.“
Leidenschaftlichkeit wird zu Peters Charakterzügen gehört haben; anders ist, bei aller notwendigen differenzierten Wertung, sein rastloser Veränderungswille nicht erklärbar. Die irdische Liebe war ihm nah, und neckische Bildchen, die ihn mit seiner Frau zeigten, machten Gefühle und Körperlichkeit zum Bestandteil höfischer Repräsentation. Als sich das Zarenpaar 1717 in Den Haag aufhielt, ließ es sich von Carel de Moor (1676-1738) portraitieren. Die Fertigstellung zögerte sich hinaus; die Bilder, so die Anweisung, sollten nachgeschickt werden. Und hier zieht Geschichte ihre langen Fäden durch die Jahrhunderte, als ein Symbol der Dauerhaftigkeit von Kulturkontakt. 1956 wurde das Bildnis von Katharina I. dem Zaren nach Russland hinterher geschickt. Wo sich zur Zeit das Oval, das Peter zeigt, befindet, ist ungeklärt../.
Mareile Herbst
Palast des Wissens Die Kunst- und Wunderkammer Zar Peters des Großen. Katalog Katalogband und Aufsatzband (Ausstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund 25.01-21.04.2003, Gotha). 2 Bde/Tle. Hrsg.: Buberl, Brigitte; Museum f. Kunst u. Kulturgeschichte Dortmund. 2003. 27 cm. Pp EUR 69,50
ISBN 3-7774-1086-1
 
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