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Das Nibelungenlied und seine Welt - Ausstellung noch bis 14. März 2004

Die nibelungischen Wiedergänger machen erneut Station: Diesmal in Karlsruhe, wo anlässlich des Erwerbs der ehemals Donaueschinger Nibelungenhandschrift C durch die Landesbank Baden-Württemberg eine ihrem Umfang nach kleine, aber qualitativ hochwertige Ausstellung im Badischen Landesmuseum veranstaltet wird (noch bis 14.3.2004). Erstmalig und aus konservatorischen Gründen wohl auch einmalig sind alle drei Haupthandschriften des Epos mit den Siglen A, B und C an einem Ort versammelt. Wer keine Gelegenheit hat, diese Prunkstücke mittelhochdeutscher Literatur und Buchkunst direkt vor Ort zu sehen, der kann seit kurzem immerhin zwei davon in digitalisierter Form betrachten und - ein Vorteil gegenüber der notwendigerweise statischen Präsentationsform in der Vitrine - auch durchblättern und lesen: Die Handschrift C ist im Internet unter www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/nib/uebersicht.html abrufbar, die St. Galler Prunkhandschrift B liegt in einer von der Universität Basel produzierten CD-Rom vor (Sankt Galler Nibelungenhandschrift. Hg. v. d. Stiftsbibliothek St. Gallen und dem Basler Parzival-Projekt, Baar 2003). Oder man erwirbt den Begleitkatalog zur Ausstellung.
„Diu vil michel ere was gelegen tot / di liute heten alle iamer unde not“ , frei übersetzt: „Verblichen war der Glanz / nur Klage und Unglück blieb“: In, so könnte man sagen, prägnanter Kürze bringt der unbekannte Dichter in der vorletzten Strophe der sogenannten „Not"-Fassung Handlung und Konsequenz des Nibelungenlieds auf den Punkt. Das Nibelungenlied ist eine Geschichte des Untergehens. Am Anfang steht ein im Grunde banaler Anlass, das Gezänk zweier – hochrangiger – Frauen. Dann folgen Taten: Die Ermordung des Streitobjekts, Siegfrieds, bringt eine Handlung in Gang, deren irreversibler Mechanismus aus Aktion und Reaktion, aus Rache und Gegenrache alle Protagonisten in den exzessiv gewalttätigen Untergang treibt: Schädel werden gespalten, abgeschlagen, Körper zerteilt, Blut gesoffen. Am Ende sind zwei Völker, Burgunden und Hunnen, so gut wie ausgerottet, den wenigen Überlebenden bleibt nur elegisches „trûren“.
Die gegen 1200 entstandene Dichtung bewahrt die Wucht eines Ereignisses, das knapp 800 Jahre zuvor (436 n. Chr.) stattgefunden hat: Den Sieg des römischen Feldherrn Aëtius mit verbündeten hunnischen Kriegern über den aufstrebenden Stamm der Burgunder unter König Gundaharius (der Gunther des Nibelungenliedes), bei dem 20.000 Burgunder und der König den Tod fanden. Die Burgunder waren damit nahezu ausgelöscht, die wenigen Überlebenden wurden umgesiedelt. Auch andere historische Versatzstücke, Erinnerungen an Ereignisse der Merowingerzeit etwa, sind in nicht rekonstruierbarer Form in das Nibelungenlied eingeflossen. Dieser Verschränkung der Zeitebenen in der Dichtung, der germanischen Vorzeit einerseits und der hochmittelalterlich-höfischen Gegenwart des Dichters andererseits, trugen die Gestalter der Ausstellung und des Katalogs Rechnung, indem sie Exponate aus den verschiedenen Epochen zusammenstellten. Berührungsängste mit dem angeblich so „andersartigen“ Mittelalter (H. R. Jauss) sind nicht nötig, pflegen doch alle Beiträger einen präzisen und von allzu schwerfälligem Fachjargon freien Sprachstil, der den interessierten Laien in die Lebenswelt des mittalterlichen Menschen behutsam einführt. Die knapp gehaltenen und reich bebilderten Beiträge erfassen zentrale Bereiche, die zum Erfahrungshorizont des früh- und hochmittelalterlichen Menschen gehörten, etwa „Königtum und Herrschaft“, „Rittertum“, „Burg“, „höfische Jagd“, „Kampf und Krieg“, „Feste und Festtafel“, um nur einige Kapitel zu nennen. Daneben finden sich Überblicke über die historische Entwicklung der Nibelungensage, über den Literaturbetrieb zur Zeit des Nibelungendichters sowie natürlich Abbildungen und Beschreibungen der erhaltenen Handschriften und Handschriftenfragmente, die das Nibelungenlied überliefern.
Zwei Kapitel sind schließlich der „modernen Erfolgsgeschichte", die zugleich „Unheilsgeschichte" (J. Heinzle, S. 163) gewesen ist, gewidmet. Von der Wiederentdeckung der Dichtung im 18. Jahrhundert, der nationalistischen Inbeschlagnahme im Zusammenhang mit der Reichsgründung über die wirkungsmächtigste Bearbeitung des Stoffes durch Richard Wagner und hin zur berüchtigten Radioansprache Hermann Görings an die Eingekesselten von Stalingrad vom 30. Januar 1943 und bis zur jüngsten dramatischen Bearbeitung durch Moritz Rinke (2002) wird der Bogen gespannt. Recht knapp gehalten sind Beispiele aus der bildenden Kunst; immerhin sind aber u.a. Czeschka, Barlach und Schmoll von Eisenwerth vertreten. Wem noch die Münchner Ausstellung zur Rezeption der Nibelungen aus dem Jahr 1987 in Erinnerung ist, dem wird hier einiges fehlen (besonders schmerzlich die Arbeiten J. H. Füsslis und A. Egger-Lienz'), doch liegt der Karlsruher Ausstellung ein völlig anderes, weiter ausgreifendes Konzept zugrunde. Neu gegenüber München ist die Abbildung eines Fliesenwandbildes von Gustav Heinkel aus der NS-Zeit, das erst kürzlich wiederentdeckt wurde.
Bemerkenswerterweise hat man sich diesmal eines Hinweises auf die Beschäftigung Goethes mit den Nibelungen, die doch sonst in solchem Zusammenhang nie fehlt, enthalten. Im Konzept zu dessen – nie publizierter – Rezension der Simrock'schen Nibelungen-Übertragung von 1827 findet sich u.a. die Bemerkung: „Helden und Heldinnen gehn eigentlich nur in die Kirche um Händel anzufangen." Weiters, mit besserer Eignung zum Schlusswort: „Jedermann sollte es lesen, damit er nach dem Maß seines Vermögens die Wirkung davon empfange.“ Gleiches gilt für diesen umsichtig und sorgfältig gestalteten Ausstellungskatalog.
Robert Schöller
Uns ist in alten Mären. Das Nibelungenlied und seine Welt. Text. Joachim Heinzle,, Lothar Voetz, Hansmartin Schwarzmaier, Jürgen Krüger. Hrsg. Badisches Landesmuseum Karlsruhe. 240 S., 250 fb. Abb., Gb., EUR 29,90 ab 1.7.2004 Primus, Darmstadt 2003. EUR 34,90
ISBN 3-89678-242-8   [Primus]
 
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