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Mesopotamien - Wiege der Zivilisation

Gleichsam als positive Folge der schwierigen politischen Umbrüche im Nahen Osten in den letzten Jahren wächst das Interesse an der Vergangenheit altorientalischer Kulturen. Aber auch nach rund hundert Jahren intensiver archäologischer Forschung ist hier vieles überhaupt noch nicht bekannt, wie zum Beispiel die Ausgrabungen in Göbeli Tepe nahe der türkisch-syrischen Grenze mit den mit Abstand ältesten Kultanlagen der Menschheit seit 1992 deutlich machen. Dieses enorme Wissensdefizit über das Alte Mesopotamien hat eindrücklich zuletzt Dietz Otto Edzard in seinem jüngst erschienenen Werk >Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen< (Beck's Historische Bibliothek, 2004) beschrieben.
Das vorliegende, begeistert verfasste Buch des Journalisten Wolfgang Korn verfolgt, so scheint es auf den ersten Blick, nun gerade den entgegengesetzten Ansatz, indem es anhand von vielen Fotos zeigt und - wunderbar flüssig zu lesen - beschreibt, wie vielfältig das Wissen über die Kulturen des Alten Mesopotamien inzwischen geworden ist. Der Autor stützt sich in erster Linie auf die Ergebnisse der archäologischen Forschung, wobei seine diesbezügliche, oftmals im direkten Austausch mit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen entstandene Detailkenntnis stupend und für den Leser ein Genuss ist.
Der Mythos der Archäologie als einer Wissenschaft, welcher die Aura des Abenteuers anhaftet, wird von Wolfgang Korn keineswegs in Fage gestellt, und das erstaunlicherweise zu Recht, da der journalistische, zuweilen provokannte Dukktus dieser schönen Darstellung über Mesopotamien zu einer Fülle sinnvoller und dabei spannender Fragen führt und der Blick, wie zum Beispiel im Exkurs über das Prinzip der Lehmziegelarchitektur (S. 62-63) oder zur Medizin mesopotamischer Ärzte (S. 124), immer wieder bewusst den Bezug zur Gegenwart sucht. Das Buch trägt dem unterschwelligen Bedürfnis der Gegenwart nach archäologischem Wissen und Erkenntnissen über die Geschichte des Menschen voll Rechnung. Visuell am überzeugendsten ist dieser Ansatz aus der Sicht des Rezensenten in den Satelitenaufnahmen zum "Fruchtbaren Halbmond" (S. 14-15, 35) sowie der Stadt Assur (S. 111) umgesetzt. Im Zusammenhang mit den Ausführungen des Autors vermitteln die Aufnahmen so etwas wie ein Gefühl der Wertschätzung gegenüber den kulturellen Leistungen jener vergangenen Zeiten, aber auch die großen Gefahren, denen die Spuren der Erdentätigkeit der verschiedenen Völker Mesopotamiens in der Gegenwart ausgesetzt sind.
Die von Wolfgang Korn seiner chronologischen, in neun Kapitel gegliederten Darstellung zu Grunde gelegte These, dass die "Golfkriege der letzten Jahrzehnte [...] lediglich das vorläufige Ende einer schier endlos scheinenden Folge von Zerstörungen und Fremdherrschaften" darstellen (S. 11) ist ebenso diskussionsbedürftig wie seine interessanten Überlegungen und Interpretationen der Epen von Homer und Gilgamesch im Hinblick auf "unser gemeinsames mesopotamisches Erbe", eine Formulierung im Titel des letzten Kapitels, welcher ein Fragezeichen ans Ende gesetzt ist (S. 153). Die Stärken des lesenswerten Buches liegen in der panoramartigen Aufarbeitung und Zurverfügungstellung des von der Wissenschaft über die mesopotamischen Kulturen Erforschten. Es bietet einen großartigen Überblick, in welchem der Leser immer wieder auf interessante und neue Informationen trifft, die einer Annäherung an die Wirklichkeit des Alten Mespotamien förderlich sind. Es gibt darin nur ganz wenige Stellen, wie etwa die dreifache Interpretation der Hauptstadt des Hethiterreiches Hattusa als symbolische Manifestation eines kosmischen Weltbilds (Jürgen Seeher) oder das Prinzip der Fundamentierung altorientalischer Temeplbauten in Assur über Gegnerationen hinweg als Spiegel des Weltreichs der Assyrer (Joachim Mahrzahn), die Wolfgang Korn interpretativ noch präziser hätte beleuchten können. Der Leser jedenfalls wird, und das ist wirklich bemerkenswert, zu einem solchen Vorgehen animiert. Das Buch zeigt einmal mehr, was handwerklich professioneller Journalismus für die Vergangenheit zu leisten im Stand ist und liefert ausgesprochen viele Denkanstöße.
Matthias Mochner
Korn, Wolfgang: Mesopotamien Wiege der Zivilisation. 6000 Jahre Hochkulturen an Euphrat und Tigris. 160 S., 120 meist fb. Abb., 27 cm. Gb., Theiss Verlag, Stuttgart 2004. EUR 29,90
ISBN 3-8062-1851-X
 
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