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Carl Friedrich Lessing - Romantiker und Rebell Düsseldorfer Schule und "German-American-Icons"

Adolf Stahr berichtet 1855 aus Paris über die führenden deutschen Landschaftsmaler seiner Zeit, namentlich über Rottmann, Gurlitt, den gerade in Wiederentdeckung begriffenen Ernst Willers "und vor allem Lessing!": "Sonderbar den letzteren fand ich bis jetzt noch bei keinem einzigen der französischen Kritiker über deutsche Kunst erwähnt. Und doch, wer kann von der deutschen Malerei unserer Zeit reden, ohne Lessing zu nennen!" Stahr, der Förderer des jungen Gutzkow und Freund der Bettina von Arnim (deren Buch gegen Friedrich Wilhelm IV. er durch eine pamphlethaft knappe und damit zensurfreie Kurzfassung des "Königsbuches" zum Bestseller machte), schlug der französischen Kritik gegenüber bald heftigere Töne an. Er zitierte einen französischen Kritiker mit den vernichtenden Worten: "Es fehlt der deutschen Landschaft an Seele und Leben..." und konterte: "Ob der Mann wohl eine einzige Landschaft von Lessing, Willers oder Gurlitt gesehen hat ?" Wohl kaum, denn Carl Friedrich Lessing war ein deutsch-amerikanisches Ereignis, ein deutsch-französisches ist er nie geworden. Hans Körner untersucht im Katalog die möglichen Interdependenzen, die zwischen Paris und Düsseldorf bestanden haben, erwähnt Stahr (im Gegensatz zu seinen Weggefährten Heine, Immermann und Gutzkow) aber nicht als Gewährsmann.
Der Schöpfer des "größten Kunstwerks, das je in den Vereinigten Staaten ausgestellt war" (so der "New York Independant" 1855) "Hus vor dem Scheiterhaufen" sank auch in den USA bald in Vergessenheit. Dass die deutsche Kunstgeschichte sich wieder auf Lessing besann, ist vor allem Thomas Gaehtgens zu verdanken, der ihm in zwei Ausstellungen ("Bilder aus der Neuen Welt" 1988 und "American Icons" 1992) in München und Chicago ein comeback verschaffte. Nun haben das Kunstmuseum Düsseldorf und das Landesmuseum Oldenburg dem Maler einen Aufsatz-und Katalogband gewidmet, der nicht nur wegen seiner Farbabbildungen besticht, sondern auch die Lessing-Forschung voranbringt. Zentrale Themen sind Lessings Rezeption in Amerika (William Gerdts), die "Düsseldorf Gallery" am Broadway und dessen dort ausgestellter "Hus vor dem Scheiterhaufen", sowie Lessings Rezeption in Cincinnati.
Der in der biographischen Darstellung von Martina Sitt nicht thematisierte Affront Friedrich Wilhelm IV. gegenüber Lessing, als dieser dessen "Heinrich IV. vor dem Papst Paschalis" einen "gespreizten Theaterkönig" nannte, führte dazu, dass Lessing Düsseldorf verließ und als Galeriedirektor nach Karlsruhe ging. Dennoch blieb er der Kunstgeschichte als der "Lessing in Düsseldorf" (Silvia Neysters) ein Begriff als der protestantisch-liberale Antagonist des neukatholischen Wilhelm Schadow ("ein Kunstschwärmer von der äußersten Rechten", Gutzkow 1837). Sehr zu Unrecht, denn besonders die in der zweiten Lebenshälfte entstandenen Landschaften, „weisen eine zusätzliche kunsttheorethische Dimension" auf, so Otto Baur und Edgar Bierende ("Lessing als Zeichner der Vulkaneifel"). Lessings Qualitäten als Geognost beschreibt Bernd Küster anhand der auf sieben Harzreisen im Dreieck Halberstadt, Quedlingburg, Blankenburg gezeichneten Felspictogramme: "die Blätter dokumentieren wie Quellen seine Beziehung zur Natur. (...)." Romantische Vorstellungen von Mineralogie und Bergbau als Archetypen eines Urwissens klingen hier nach, "die lockende Gewalt der steinernen Natur" (Hans Schumacher) macht das Anorganische zum Ursprung und Symbol des Menschen und C.D. Friedrichs Theorie eines geologisch und zugleich symbolischen Erfassens der Landschaft scheint sich in diesen Blättern zu vollenden: "kaum ein Werk könnte Carus´ Vorstellung von künstlerischen ´Erdlebenbildern´ besser illustrieren."(Küster)
Insgesamt erweist sich Lessing als ein Künstler, der stärkere romantische Wurzeln hatte, als wir bisher annahmen. Die "frostige Jugend" seiner ersten Landschaftsbilder, als die noch der alte Goethe das Frühwerk empfing, und die Galerie der Freunde (Vera Leuschner) sind nur zwei Facetten romantischer Erlebnisfähigkeit und romantischen Empfindes. Zu seiner "profanen Historienmalerei" (Bierende) finden wir heute sicherlich schwerer Zugang als zu seinen Landschaften. Aber gerade diese, als Ausdruck der religiösen-politischen Konflikte der Zeit wieder lesbar zu machen, dazu gibt der Katalog Anstöße.
Jörg Deuter
Carl Friedrich Lessing - Romantiker und Rebell. Hrsg. Sitt, Martina. 2000. 176 S., 91 Abb., 30 cm. SC; EUR 24,60
ISBN 3-934836-04-6
 
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