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Das Kölner Dom-Mosaik

Berühmte Maler, Holzschneider, Radierer, Zeichner, auch berühmte Möbelschöpfer, nenne man sie nun Ebenisten oder Designer, sind in aller Munde, aber bei namhaften Mosaizisten werden selbst Kunsthistoriker oft resignieren müssen. Antonio Salviati vielleicht? Als Restaurator der Fresken von San Marco in Venedig. Mosaik-Schöpfer von Gedächtniskirche und Siegessäule in Berlin nach Anton von Werner, international arriviert, in London St. Pauls (nach Stevens und Watts) und in Windsor Castle die Albert-Kapelle dekorierend. Ein Multitalent. das die stilistisch divergierenden Entwürfe des wilhelminischen Deutschland ebenso adäquat umzusetzen verstand, wie viktorianische oder französische Vorlagen. Hier aber liegt vielleicht schon der Schlüssel zur Geringschätzung des Mosaiks in der Neuzeit: Es gilt als eklektisch, sein Schöpfer steht im Ruf bloß ausführendes Organ zu sein. Ausführend und damit weiterführend eine Tradition, die in Ravenna ihren unbestrittenen Höhepunkt erreicht hatte.
Peter Springers rnonumentales Buch über „Das Kölner Dom-Mosaik“, das den Mosaizisten Hermann Essenwein (1831-1892) als eigenständige Künstlerpersönlichkeit des Historismus wiederentdeckt, ist zwar ein seit längerem hochangesehener Grundstein der „Schriften zum Kölner Dom“, daher gerade im Preis reduziert worden (von EUR 127,- auf 48.-) und das bei originaler Ausstattung. Es gilt dem größten Fußbodenmosaik des 19, Jahrhunderts, dem letzten und größten Ausstattungsvorhaben des Domes zudem, das nach Essenweins Tod Fritz Geiges (l853 - 1935) zuendeführte. Zugleich ist das ca. 1600 Quadratmeter große Monumentalwerk (1883/1888-1899) ein Leistungsbeweis von Villeroy & Boch, jener Manufaktur in Mettlach, die die Steine und die aus diesen mosaizierten Fußbodensegmente herstellte, die heute noch Langhaus und Querschiff des Domes schmücken, vor allem aber die Vierung und die Chorapsis, deren Umgang sowie deren Apsen (gerade dieser Komplex war es, der von Essenwein selbst entworfen und unter seinen Augen gestaltet wurde).
Wir erfahren aus Springers Buch, welche anderen monumentalen Kircheninnenraum-Gestaltungen Essenwein vornahm und wie rigoros sein Gesamtwerk noch nach dem Zweiten Weltkrieg dezimiert wurde. 1861 hatte Wilhelm Lübke das „Restaurationsfieber“ diagnostiziert, Schon 1945 hatte man das „Purifikationsfieber“ einläuten können. Davon blieb auch das Kö1ner Mosaik nicht verschont. Schon 1947 wurde der Fußboden der Achskapelle herausgerissen und als Schutt, der später wieder in die Ausgrabungsstelle geschüttet wurde, zum Auffüllen der archäologischen Grabungslöcher verwendet. Inzwischen ist auch dieser Schutt wieder geborgen worden, ohne allerdings den Fußboden der Achskapelle rekonstruieren zu können. Unterschiedliche Qualitäten der Mosaizisten, radiale Verlegenähte der einzelnen Segmente, aber auch Schadstellen und Restaurierungsmängel werden anhand von Detailaufnahmen greifbar, so dass Springers Buch sich auch als Befund der Gattung des Mosaiks und ihrer Spezifika studieren läßt.
Erst nach dessen Erscheinen (1996) konnte ein Teil des als grandioses ikonographisches Programm konzipierten Monumentalfußbodens für kurze Zeit aufgedeckt, betrachtet und auch betreten werden als das hölzerne Podest, den Chorraurn freigab. Selbst Springer war unvorbereitet auf so viel unerwartete Substanz: „Zwar gab es nie zuvor gesehene Details (...)' doch zugleich verschob sich der Blick von handwerklichen Details ins Große und Grundsätzliche: man sah mehr und zugleich weniger.“
Zentral war von Anfang und bleibt die Frage, warum ein Artefakt von so hohem Anspruch, wie es ein Fußbodenmosaik ist, geschaffen wird, wenn es für dieses Monumentalgemälde keinen angemessenen, geschweige denn idealen Betrachterstandpunkt gibt. (S. 106) Als teilweise unsichtbar anwesendes Kunstwerk kann der Mosaikfußboden generell an Projekte der Concept Art erinnern, ist eine Verhüllung und Versiegelung (,‚Verpackung“) von Teilen doch so gut wie immer gegeben. Noch wesentlicher erscheint die Tatsache, dass „die klare Scheidung der Realitätsebenen in Frage gestellt“ ist. „Der Betrachter ist im Bild.“ Springer konkretisiert diese Anwesenheit (im Kölner Domblatt 1998) anhand von Holzstich-Illustrationen Dorés, bei denen der Begehende des illusionären Geschehens unter seinen Füßen zum Mitagierenden wird. Es sind nicht nur derartige Reflexionen, die den übrigens akribisch rekonstruierten monographischen Rahmen der Studie weiten.
Der Band ist in jeder Weise ein Standardwerk. dessen interpretatorische Verve, was die Ikonographie des Bildprogramms angeht, hier nur angedeutet werden kann und dessen splendide Ausstattung als Rohleinenband mit Rückenschild Erwähnung verdient. Gezeigt wird eine Welthierarchie, die Kosmisches einleitet, dem Lebensalter und Planetengötter folgen. Hieran schließen die weltlichen und geistlichen Stände, bis hin zur Geschichte des Erzbistums Kölns, personifiziert in seinen Erzbischöfen. Im Mittelpunkt stehen König und Papst, umgeben von den artes liberales und den Ständen.
Jörg Deuter
Springer, Peter: Das Kölner Dom-Mosaik. Ein Ausstattungswerk des Historismus zwischen Mittelalter und Moderne. Vorw. v. Wolff, Arnold. Hrsg. v. Wolff, Arnold. 544 S., 425 Abb. 29 x 22 cm. (Stud. z. Kölner Dom 3) Ln. Kölner Dom, Köln 1991. EUR 48,-
ISBN 3-922442-13-7
 
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