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Füssli - The Wild Swiss

Mit einem Bild "Nachtmahr" (1781) wurde der Maler Johann Heinrich Füssli (1741 - 1825) über Nacht berühmt. Zum 180. Todestag wird Füssli umfassend geehrt. Großbritannien und die Schweiz teilen sich die Aufgabe, schließlich können beide für sich Füssli, in London nannte er sich Henry Fuseli, reklamieren. Geboren in Zürich verbindet sich mit London Füsslis künstlerischer Aufstieg und seine Lehrtätigkeit an der Royal Academy und Ehrung durch die Beisetzung in der berühmten St.Paul's Cathedral. In Großbritannien galt er als "wild Swiss", eine Wildheit in seiner Kunst, die sich in der Schweiz, davon war Füssli sein Leben lang überzeugt, nicht hätte entfalten können. Noch eine Besonderheit macht Füssli interessant. Es dürfte in der Kunstgeschichte nicht viele Artisten geben, die als Pfarrer, zumal mit protestantischem Hintergrund, starteten und als dekorierter Künstler endeten.
Füssli lernte schon während seines Theologiestudiums durch Johannes Bodmer die neue, aufs Wunderbare und Erhabene zielende Genieästhetik und ihre Heroen - Homer, Dante, John Milton, William Shakespeare und das Nibelungenlied - kennen. Nach der Begegnung mit der Kunst Michelangelos überwand er durch resolute Straffung und Zuspitzung der künstlerischen Mittel und eine scharfe emotionale Steigerung den lieblichen Frühklassizismus zugunsten einer entschieden flächigen, konzeptuellen und antinaturalistischen Gestaltungsweise. So steht Füssli am Beginn der Moderne. Er wandte sich, nachdem er sich zunächst mit Übersetzungstätigkeiten und kunsthistorischen Abhandlungen über Wasser gehalten hatte, ganz der Malerei und Graphik zu. Damit setzte Füssli einen Schlusspunkt mit Ausrufezeichen, da sein Vater ihm strikt eine Ausbildung zum Künstler untersagt hatte und er zunächst in Zürich eine theologische Ausbildung absolviert hatte. In diese Zeit fällt auch Füsslis politisches Engagement, er verfaßte mit Johann Caspar Lavater und Felix Hess 1763 ein Pamphlet wider einen korrupten Landvogt. Die Unannehmlichkeiten nach diesem Gerichtsprozess, beschleunigten seine Entscheidung, Zürich zu verlassen. Durch glückliche Vermittlung gelangte er nach London, wo er alsbald den Maler Sir Joshua Reynolds kennenlernte, der ihn protegierte und Zugang zu den gebildeten und künstlerisch interessierten Kreisen verschaffte, sein protestantisches Herkunftsmilieu streifte Füssli ab.
Nach 1998, als die Staatsgalerie Stuttgart eine Füssli-Ausstellung präsentierte, gelang innerhalb kurzer Zeit eine weitere Ausstellung Jan. 2006 im Kunsthaus Zürich Füssli noch bekannter zu machen.
Der Katalog ist als repräsentativer Querschnitt angelegt, das gezeigte Werk wird durch sieben Abhandlungen zu verschiedenen Aspekten im Leben und Werk Füsslis unterbrochen. Je nach Kenntnisstand empfiehlt sich eine Lektüre in der Reihenfolge der Beiträge oder als Springprozession. Die ersten beiden Beiträge von Franziska Lentzsch und Bernhard von Waldkirch beschäftigen sich mit der künstlerischen Entwicklung Füsslis und enthalten biographische Details. Am Ende folgt der Beitrag von Martin Myrone, der sich dem Phänomen Füssli von sozial- und kulturhistorischer Sicht nähert. Dieser Beitrag ist deshalb bedeutsam, weil deutlich wird, in welchem Umfeld gesellschaftlicher und künstlerischer Umbruchs, Füssli arbeitete. In dieser Zeit änderte sich der künstlerische Kanon fundamental. Was heute in der Kunst als selbstverständlich gilt, die Vermischung von "High and Low" und damit die Thematisierung von Groteskem, Verzerrtem, Phantastischem und der Nachtseite menschlicher Existenz, stand damals am Anfang und mitten in diesem Beginn stand Füssli, dessen Kunst teilweise sehr umstritten war.
Sehr informativ gestaltet Christian Klemm seinen Beitrag zu den Prinzipien von Füsslis Malerei.
In einem weiteren Kapitel beschäftigt sich Christoph Becker mit einem Sujet, das Füssli viel verwendete, den Geistern. Mehrere Beiträge lassen anklingen, wie sehr Füssli sich mit der Literatur auseinandergesetzt hat, die er zum Teil auswendig konnte. Welche Schätze Füssli bietet, fächert eine weitere Ausstellung in der Zürcher Zentralbibliothek auf. Füssli gehört zu den Doppelbegabungen, wie kaum ein anderer verbindet er Kunst und Literatur. So wie ihn anfangs Friedrich Gottlieb Klopstock, Christoph Martin Wieland und Jean-Jacques Rousseau zu eigenen Gedichten inspiriert haben, so regten Füssli die Bibel, Homer, Dante, Geoffrey Chaucer, Edmund Spenser, John Dryden, aber vor allem William Shakespeare an, das Nibelungenlied und die Texte des englischen Barockdichters John Milton zu Bildern an. Es ist bedauerlich, dass der Verlag Neue Zürcher Zeitung, dort erscheint der Katalog zur Ausstellung "Johann Heinrich Füssli-Maler der Weltliteratur", den Erscheinungstermin auf 2006 verschieben mußte. Einige seiner stärksten Bilder kommen aus diesem Bereich. Vertieft wird dieser Aspekt in vorliegendem Katalog von Christian Klemm am Beispiel Füsslis Auseinandersetzung mit dem Nibelungenlied. Die tour d'horizon schließt ein Beitrag von Franziska Lentzsch, indem sie nochmals auf die für damalige Verhältnisse freizügige, sexualisierte Darstellung des Körpers hin weißt und darüber hinaus auf einen weiteren Aspekt eingeht, Füsslis Beziehungen zum Theater.
Über Füssli gäbe es noch viel zu sagen. Zu seinen Schülern und Nachfolgern gehören spätere Berühmtheiten wie William Turner oder William Blake, beide dichteten auch. "Nachtmahr" inspririerte Mary Shelley zum "Frankenstein", seine Interpretationen der Weltliteratur sind legendär, dies alles detailliert und leserfreundlich aufgearbeitet zu haben, sind die unzweifel-haften Vorzüge des Katalogs, von den herrlichen Abbildungen ganz abgesehen. Sorgfältig von Monique Zumbrunn lektoriert, gehört selbstredend zu einer Publikation dieser Kategorie, dass sie eine Chronologie zu Füssli, eine Werkliste, Bibliographie und ein Register enthält. Augenweide und Lesefreude sind garantiert.
Sigrid Gaisreiter
Fuessli. The Wild Swiss. [Füssli] Beitr. Becker, Christoph. 2005. 240 S., 120 sw. u. 120 fb. Abb. 27 x 22 cm. Gb EUR 50,00
ISBN 3-85881-703-1   [Scheidegger & Spiess]
 
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