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Am Anfang war Ägypten - Ein leichter Einstieg in eine schwierige Materie

Geschichtswerke zum alten Ägypten und zur altägyptischen Kulturgeschichte liegen inzwischen in einer Vielzahl von Werken mit verschiedenen methodischen Ansätzen und für unterschiedliche Zielgruppen konzipiert vor. Über die von Michael Höveler-Müller im Literaturverzeichnis genannten Werke hinaus sind Hermann Kees, Jean Leclant, Claude Vandersleyen, Arne Eggebrecht oder Janusz Kozlowski als Einzelwerke und Edda Bresciani in der Fischer-Weltgeschichte oder Karola Zibelius-Chen in der Brockhaus-Weltgeschichte (jüngst auch in der von der „Zeit“ herausgegebenen Weltgeschichte) der Vollständigkeit halber aufzulisten. Alan H. Gardiner und James Breasted, obgleich ältere Ausgaben, sind als Nachdrucke noch immer (und vor allem kostengünstig) erhältlich und daher weit verbreitet. Neuere Forschungen sind jedoch nicht mehr in deren Darstellungen eingeflossen; eine Neubearbeitung der altägyptischen Kultur unter chronologischem Aspekt mit hinreichender Bebilderung für ein weit interessiertes Publikum (z.B. für Museums- oder Ausstellungsbesucher zur Übersicht und Orientierung) zu einem angemessenen Preis lohnt also.

Ägyptische Geschichte orientiert sich notwendigerweise an ihren Herrschern, das den alten Ägypter selbst als chronologisches Gerüst diente und von denen das meiste bzw. aussagekräftigste Material auf uns gekommen ist. Stützen kann sich ein moderner Historiker sowohl auf innerägyptische Quellen verschiedener Art (Architektur, Texte, Objekte) als auch temporär auf Synchronismen zu Mesopotamien, Mitanni, dem Hethiterreich sowie Kusch und – allerdings erst vergleichsweise spät – auf griechischsprachige Retrospektiven. Je nach altägyptischer Epoche fallen Qualität und Quantität des heranzuziehenden Materials unterschiedlich aus. Besonders Textquellen königlicher Provenienz sind in ihrer historisch-kritischen Deutung innerhalb der Wissenschaft umstritten und sollten immer vorsichtig als Beleg im engsten Sinne des Wortes angeführt werden; oft sind unzureichende Übersetzungen Quell einer möglichen Über- oder Fehlinterpretation, und königsideologische Aussagen müssen für eine Übersetzung als solche erkannt und ihrer Funktion interpretatorisch angepaßt werden.

Die mit der Badari- und Negade-Kultur beginnende „Geschichte der pharaonischen Hochkultur“ wird von Höveler-Müller mit der Epoche der letzten Ramessiden beendet. Die Deltaherrscher, Kuschiten, Assyrer und Perser sowie die Ptolemäer bleiben unberücksichtigt. Dies macht kulturhistorisch Sinn, denn von „der 21. Dynastie an wird Ägypten bis in die neue Zeit von Fremden beherrscht. Der Verlust der Selbstständigkeit ist der große Bruch in der Geschichte Ägyptens, der auf allen Gebieten zu spüren ist“ (Karl Jansen-Winkeln in: Der Neue Pauly, s.v. „Ägypten. E. Spätzeit“); wie auch verlagstechnisch, denn Höveler-Müller schließt die zeitliche Lücke zur Arbeit von Karol Mysliwiec, der Ägypten im 1. Jahrtausend v.Chr. ebenfalls in der „Kulturgeschichte der antiken Welt“, Band 69 darstellen konnte. (Die ausgezeichnete Darstellung der makedonischen Herrschaft von G. Hölbl, „Geschichte des Ptolemäerreiches“ sei der Vollständigkeit halber zu erwähnen erlaubt.)

Ein flüssiger, essayistischer Schreibstil prägt die Formulierungen im anzuzeigenden Band und ist klar auf ein kulturinteressiertes Publikum abgestimmt. Die Bebilderung ist exzellent, ebenso das Kartenmaterial; bei den Museumsobjekten ist auf die Beigabe der Inventurnummern verzichtet worden, was bei einem für Museumsbesucher konzipierten Band unglücklich ist. Dem untergliederten Literaturverzeichnis hätte Rezensent als grundlegende Arbeiten beigegeben – wenngleich für den privaten Gebrauch aus finanziellen Betrachtungen kaum anzuschaffen möglich – das „Lexikon der Ägyptologie“ (jedoch im Abkürzungsverzeichnis aufgelistet) und „Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs and Paintings“. Dem Benutzer ist es dank eines stereotypen Aufbaus der Artikel leicht gemacht, sich in dem Buch schnell und zielsicher zurecht zu finden; der Handbuchcharakter wird durch Grundrißzeichnungen und Abbildungshinweise am Textrand noch erfreulich verstärkt.

Didaktisch ansprechend sind die Einarbeitung verschiedener Textpassagen in seine fortlaufende Darstellung der pharaonischen Geschichte (einschließlich altägyptischer Metaphern wie das Auffliegen zum Horizont als Umschreibung für den Tod) und der Einblick in die ägyptologische Forschung: Aus seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten stellt Höveler-Müller eine neue Interpretation zur Narmer-Palette (Ägyptisches Museum Kairo, JE 32169) als themenbezogene Landkarte in seinem Buch zur Diskussion; in der Amarnaepoche identifiziert er N. Reeves folgend Semenchkare mit Nofretete; und die viel diskutierte Genealogie des Tutanchamun löst er mit Kija als Mutter und Echnaton als Vater auf. (Seine Darstellung weicht daher von anderen Standardwerken ab, z.B. S. 211 zu Semenchkare und Tutanchamun, anders etwa J.F. Quack, Herrscherchronologien der antiken Welt, in: Der Neue Pauly, Suppl. 1, Stuttgart u.a. 2004.)
Vorgestellter Band ist ein Initiativprojekt des Verfassers für den Verlag Philipp von Zabern, das eine kulturinteressierte Leserschaft sucht und findet (eine Neuauflage ist angekündigt). Die Verbindung zwischen renommiertem Verlag mit Schwerpunkt Kunst sowie Altertum und fachlich/journalistischer Aufbereitung 2000 Jahre altägyptischer Kultur durch Höveler-Müller ist gelungen, und mit „Am Anfang war Ägypten“ ist ein leichter Einstieg in eine schwierige Materie vorgelegt worden.
Orell Witthuhn
Höveler-Müller, Michael: Am Anfang war Ägypten. Die Geschichte der pharaonischen Hochkultur von der Frühzeit bis zum Ende des Neuen Reiches 4000-1070 v. Chr. 300 S., 120 meist fb. Abb. 25 x 17 cm. (Kulturgesch. d. Antiken Welt 101) Gb. Ph. v. Zabern, 2005. EUR 39,90
ISBN 3-8053-3444-3
 
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