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Grabmäler. Tendenzen der Forschung an Beispielen aus Mittelalter und früher Neuzeit

Mittelalterliche und frühneuzeitliche Grabmäler sind inzwischen fast so etwas wie ein Modethema der Forschung geworden. Zunächst hatten sich Historiker der Grabmäler angenommen und mit Fragen nach dem Totengedenken und der Totenfürsorge wichtige Grundlagen gelegt. Dann kamen die Kunsthistoriker, jüngst erschien etwa das wichtige Buch von Hans Körner, das mittelalterliche Grabmäler nach typologischen Kriterien ordnet (Primus, Darmstadt 1997). Ihm vorausgegangen waren ältere, aber immer noch lieferbare Titel von Erwin Panofsky (DuMont, Köln 1964) und Kurt Bauch (De Gruyter, Berlin/New York 1976). Über die Gründe des verstärkten Interesses am Grabmal kann man nur spekulieren, ausschlaggebend für die "Hausse" könnte eine mögliche Endzeitstimmung des ausgehenden zweiten Jahrtausends gewesen sein. Der vorliegende Band, von Wilhelm Maier, Wolfgang Schmid und Michael Viktor Schwarz mustergültig ediert, erarbeitet nun aus der Zusammenschau von Theologen, Historikern und Kunsthistorikern die Geschichte des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Grabmals: Zunächst klärt der Religionshistoriker Arnold Angenendt die theologischen Voraussetzungen für Grabmäler, die vor allem in der Vorstellung vom Weiterleben des Menschen nach dem Tod liegen. Die kanadische Kunsthistorikerin Kathryn Brush, die vor allem mit ihren Arbeiten zum "Naumburger Meister" und zur Geschichte der Beschäftigung mit mittelalterlicher Skulptur hervorgetreten ist, eröffnet die Reihe monographischer Untersuchungen. Sie analysiert den Grabstein des Mainzer Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein. Dieser ist in einer eher stehend denn liegend aufgefassten Gestalt gezeigt, wie er zwei zwergenhaft kleinen Königen Kronen aufsetzt. Laut Inschrift handelt es sich um Heinrich Raspe und Wilhelm von Holland, die in den vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts unter maßgeblicher Beteiligung Siegfrieds als Gegenkönig des Staufers Konrad eingesetzt worden waren. Obwohl Brush dieser Deutung wiederspricht, erscheint es durchaus nachvollziehbar, dass hier der vom Mainzer an den Kölner Erzstuhl übergangene Krönungsanspruch verbildlicht wird, das Kunstwerk erhielte dadurch eine eminent politische Aussage. Weitere Texte analysieren die Grablege des Robert von Anjou in Sta. Chiara in Neapel - hier wird herausgestellt, dass mit dem faszinierenden Grabmal das Bild des verstorbenen Herrschers im Königreich bewahrt werden sollte -, die Grablege Philipps des Kühnen für die Kartause von Champmol in Burgund - die hinreißend schönen Trauerfiguren am Sockel werden hier als "Erlebnisbilder von Schmerz" bezeichnet - und schließlich die drei Grabmäler Landgraf Philipps von Hessen und seiner beiden Frauen - das Problem war hier, wie mit der kirchlich sanktionierten Bigamie des Herzogs in der Überlieferung durch die Grabmäler umgegangen werden sollte. Eine abschließende Gruppe von Aufsätzen hat den Zusammenhang von Liturgie und Kunst zum Thema, besonders faszinierend sind hier die Analyse von Wilhelm Maier, der ein heute nahezu gänzlich vergessenes Kunstwerk wieder zum Vorschein bringt, die Grablege des Mainzer Erzbischofs Johann von Nassau, sowie der Text von Viktor Michael Schwarz: Dieser kann zeigen, dass man über den Naumburger Westchor immer noch Neues schreiben kann, wenn man etwa die spezifische Lebendigkeit der Stifterfiguren mit dem Pygmalion-Mythos in Verbindung bringt. Eindrucksvoll ist auch die Quellenkenntnis des Autors, mit der er anhand des Servatius von Heinrich von Veldecke belegen kann, dass es Porträtähnlichkeit, oder wie Schwarz es nennt, "darstellerische Authentizität", auch im 13. Jahrhundert gegeben haben muss: "Die Goldschmiede arbeiteten Tag und Nacht, alles gelingt, nur: der Heilige schielt. Der Kaiser lässt die Künstler erzürnt ins Gefängnis werfen, doch da erscheint ihm der Heilige im Schlaf und verweist durch Augenschein darauf, dass er tatsächlich schieläugig ist.- Selten wird Fachwissenschaft so spannend und ergebnisreich vorgetragen wie in diesem Band.
Alexander Markschies
Wilhelm Maier, Wolfgang Schmid und Michel Viktor Schwarz (Hgg.): Grabmäler. Tendenzen der Forschung an Beispielen aus Mittelalter und früher Neuzeit. 2000. 262 S.; 84 Abb.; 25 cm; HC; EUR 55,-
ISBN 3-7861-2325-X
 
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