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Höllenbrut und Himmelswächter - Mittelalterliche Wasserspeier

Mit den Wasserspeiern mittelalterlicher Kirchen und Kathedralen hat sich die Autorin ein ausgesprochen interessantes Thema vorgenommen, bilden die als Tier, Mensch oder Fabelwesen gestalteten Wasserspeier doch ein rätselhaftes Glied im Ganzen eines Kirchenbaus. Ihre Funktion, das Regenwasser vom Kirchendach und möglichst weit weg vom Mauerwerk abzuleiten, kommen diese tief in der Wand verankerten, kunstvoll plastisch gearbeiteten Werksteine augenfällig nach, wenngleich ihre Gestalt vom Betrachter zumeist aufgrund ihrer entlegenen Position am Bau in größer Höhe nur schwer eingesehen werden kann. Und doch scheinen sie, wie alle anderen Bauplastiken an Kirchen und Kathedralen des Mittelalters auch, auf Ansichtigkeit hin gefertigt. Ein Widerspruch, der etliche Fragen aufwerfen kann und von Regina E. G. Schymiczek im kurzen interpretativen Schlusskapitel reflektiert wird. Ihre Deutung der Wasserspeier vor dem Hintergrund des Gedankens des Himmlischen Jerusalems als das Himmelswasser ableitende und zugleich ausspeiende Wesen, die jeweils als Unikate gefertigt wurden und denen es oblag, Dämonen und andere schädigende Geistwesen aufgrund des Gesetzes „Gleiches wird durch Gleiches geheilt“ vom Kirchenbau, respektive letztlich der darin von Menschen ausgeübten Tätigkeit, fernzuhalten, überzeugt allerdings nur teilweise. Denn abgesehen davon, dass die Wasserspeier, wie ihr Name ausdrückt, nicht nur eine gewisse Gefährlichkeit in der äußeren Gestalt zeigen, sondern speziell zum Zwecke der Ableitung des Wassers geschaffen wurden, unterscheiden sie sich nicht von anderen Tier- und Fabelwesen, die in großer Höhe am Kirchenbau angebracht sind. So finden sich am Straßburger Münster im Bereich des Dachstuhls des Hauptschiffes unter anderem etwa auch ein einen Knochen haltender Hund und, im Bereich des Oktogons der Vierung, eine sich waagerecht aus der Wand „schiebende“ Christusfigur: Beide nur ein visueller Kommentar, der lokale Ängste in das übergreifende Konzept des Himmlischen Jerusalems integriert (S. 132) oder vielleicht doch noch mehr? Wohl schon – zumindest gewinnt man als 'unbefugter' Betrachter der im Falle des Regensburger Domes exzellenten Farbaufnahmen den Eindruck, dass die Wirklichkeit der Wasserspeier auf noch tiefere Geheimnisse verweist, denen nicht mit abstrakt-logischer Gedankentätigkeit allein beizukommen ist.

In ihrem Werk macht Regina E. G. Schymiczek die Leser zunächst mit der Geschichte der Wasserspeier vertraut und stellt dann, nach drei Kategorien („Beliebte Tiere“, „Bemerkenswerte Fabelwesen“ sowie „Besondere Menschen“) geordnet eine Reihe von Beispielen in Text und Bild vor, wobei sie aus einem großen symbol- und kulturgeschichtlichem Wissen schöpfen kann. Die nicht selten weitgespannten Bezüge zwischen antiker und mittelalterlicher Symbolik vermag der Leser, ob ihrer Kürze, jedoch zumeist nicht wirklich nachzuvollziehen in dem Sinne, dass durch sie der vorgestellte Wasserspeier 'zu sprechen' begänne. Eine noch näher an die Phänomene gehende Betrachtungsweise hätte hier Abhilfe schaffen können, wenngleich sich der Rezensent der Gradwanderung, die eine solche Verfahrensweise impliziert, bewusst ist. Das Buch weist eine Reihe starker Stellen auf, zu denen neben den exzellenten Aufnahmen der Wasserspeier des Regensburger Domes auch die Wasserverlaufsskizze (S. 15) und die beiden Karten mit der Gegenüberstellung des Kölner und Regensburger Domgrundrisses mit eingezeichneter Position der Wasserspeier (S. 16-17) oder der schon erwähnte, kurze und komprimierte Versuch einer Deutung der Wasserspeier zählen. Den Nutzen dieses mit Herz verfassten Werkes einschränkend wirkt sich die überwiegend schlechte Bildqualität aus und die Tatsache, dass letztlich Beispiele von zu wenig Kirchen und Kathedralen vorgestellt (zwar an einigen Stellen kurz erwähnt) werden. Der im Geleitwort von Barbara Schock-Werner dem Band beigegebene Satz, „Nur wer einen solchen Wasserspeier aktiv speiend gesehen hat, versteht diese Gattung gotischer Skulptur wirklich“ (S. 9) weckt, wie auch das wunderbare Titelbild mit einem Wasserspeier, dem das Wasser im Maul gefroren ist, jedenfalls die Lust auf noch mehr Wasserspeier.


Matthias Mochner
Schymiczek, Regina E: Höllenbrut und Himmelswächter. Mittelalterliche Wasserspeier an Kirchen und Kathedralen. Vorw. Schock-Werner, Barbara. 120 S., 100 fb. Abb. 26 x 21 cm. Pb. Schnell & Steiner, Regensburg 2006. EUR 29,90
ISBN 3-7954-1807-0   [Schnell & Steiner]
 
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