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Byzantinisches Sizilien und Süditalien

Im Dezember 1801 brach der Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810) zu einer Reise nach Syrakus auf, das er im April 1802 erreichte. Seine Reiseerlebnisse publizierte er als "Spaziergang nach Syrakus", der Prototyp des kritischen Reiseberichts war geboren. Lesern dieses Berichts dürfte manch kritische Äußerung, so zum "Unwesen der Möncherei" aufgefallen sein, bekanntlich ein Import aus dem oströmischen Reich. In Sizilien und Süditalien, das wissen Leser des Spaziergangs nun, kann man viele Zeugnisse byzantinischer Kunst und Kultur entdecken. Das sagten sich auch zwei ausgewiesene Kenner der byzantinischen Geschichte, Filippo Burgarella (Universität Kalabrien) und Adele Cilento (Universität Florenz) und laden mit dem Bildband "Byzantinisches Sizilien und Süditalien" zu einer Bildungsreise ein. Da es sich um eine historisch entfernte Epoche handelt, die zudem kaum im Fokus aktueller Berichte liegt, gehen die Autoren didaktisch geschickt vor und legen in einem ersten Schritt, Grundlagen. Sie gehen zurück in die Zeit der frühen Christianisierung, 330 wird Byzanz, zunächst eine griechisch-antike Kolonie, unter Kaiser Konstantin (306-337), als "Neues Rom" Hauptstadt des Kaiserreichs und erhält den Namen Konstantinopel, das heutige Istanbul. Start also am Bosporus, die folgenden Abschnitte widmen die Autoren den Umschichtungen im Herrschaftsgefüge inklusive der Völkerwanderungen und wechselnden Gebietsverschiebungen durch Eroberungen und Rückeroberungen. Das Byzantinische Reich, als solches bezeichnet man nicht nur das Kaiserreich, sondern auch die von ihm ausstrahlende Kultur, geprägt von der griechischen Orthodoxie, dehnt sich immer mehr aus und beherrscht schließlich, nach dem Untergang des Weströmischen Reiches, die den einfallenden Barbaren nicht standhalten konnten, den gesamten Mittelmeerraum. Unterstützt werden die insgesamt verständlichen Ausführungen der Autoren durch exzellentes Kartenmaterial. Im 7. Jahrhundert dann, Syrakus wird für kurze Zeit Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, trat Karl der Große auf den Plan, verkleinerte das oströmische Reich wieder, das zudem von einfallenden Arabern bedroht war. Das Reich schrumpfte, in Italien etwa gehörte nur noch Kalabrien und Apulien dazu, aber nicht lange. Byzanz setzte zur Rückeroberung an und erreichte im 11. Jahrhundert seine größte Ausdehnung seit den Tagen von Justinians (527-565). Eingebettet in die Chronologie der politischen Ereignisse erläutern die Autoren, unterstützt von vielen ausgezeichneten Abbildungen, Kunst, Kultur, Gesellschaft und Stadtentwicklung eingängig, auch in einem gesonderten Kapitel. Ein neues in der Geschichte des Reiches wird im Anschluss daran aufgeschlagen. Wie so oft, Höhepunkte der Machtentfaltung bergen bereits Krisen in sich, so auch hier. Innere Querelen und äußere Einwirkungen, im Westen die Normannen, im Osten die Seldschuken, die byzantinische Vorherrschaft in Italien wurde gebrochen. Ab der Mitte des Buches schauen die Autoren bereits auf byzantinische Vermächtnisse in Sizilien zurück und titeln mit "die nachbyzantinische Zeit". Behandelt werden drei herausragende byzantinische künstlerische Zeugnisse in Palermo und Cefalù. Der Band schließt mit einer Detailansicht der farbigen Einlegearbeiten an den Säulen des Kreuzgangs des Doms in Monreale nahe Palermo und einem Literaturverzeichnis.

Als Bildungsreise angelegt, endet die Grand Tour in Palermo. Den Autoren gelang es durch eine im guten Sinne populäre Darstellung Interesse für dieses sonst eher am Rand behandelte Kapitel der Austauschbeziehungen von Orient und Okzident zu wecken. Das ganze Unternehmen ist jedoch auch eine Bilderreise mit schönen Außen- und Innenansichten und ebensolcher Fern- und Nahaufnahmen großer Kunst.




Sigrid Gaisreiter
Cilento, Adele: Das byzantinische Sizilien und Süditalien. Einl. v. Burgarella, Filippo. 300 S., 350 fb. Abb. 31,6 x 27 cm. Gb. Imhof, Petersberg 2006. EUR 69,00
ISBN 3-86568-068-2   [Imhof]
 
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