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Üb' immer Treu' und Redlichkeit - Die Garnisonkirche in Potsdam

Diese Kirche war immer Chefsache - ob bei preußischen Kurfürsten und Königen, bei hitlerschen Paladinen oder den obersten DDR-Funktionären. Über die Garnisonkirche in der brandenburgischen Residenzstadt Potsdam wurde immer in den Zentren der Macht entschieden. An die 1968 auf Befehl des SED-Politbüros gesprengte Hof-, Garnison- und Pfarrkirche als Exempel deutscher Historie zu erinnern, ist das Verdienst des Kölner Publizisten Werner Schwipps, der schon in der Vergangenheit Studien über den bedeutendsten Sakralbau des preußischen Barock in der Schlüter-Nachfolge vorlegte (Die Garnisonkirchen von Berlin und Potsdam, Berlin, 1964; Die Königl. Hof- und Garnisonkirche, Berlin, 1991). Den beiläufigen "Histörchen" ist in seiner neuesten, gut ausgestatteten Publikation zu Recht mehr Raum gegeben.
Man könne den Geist Preußens nicht allein unter der Pickelhaube suchen, stellt der Autor in seinem Vorwort fest und beginnt die chronologisch geordnete Beschreibung mit dem Militärkirchenwesen Brandenburg-Preußens. Das ist jedoch nicht inkonsequent, sondern kluge Hinführung zur frühen kurfürstlichen Schlosskapelle und dem ersten Bau der königlichen Garnisonkirche, die wegen unsicheren Baugrundes bald ersetzt werden musste. Für den zweiten Bau beauftragte der preußische König Friedrich Wilhelm I. den Berliner Baumeister Philipp Gerlach mit einem protestantischen Kirchenbau, und 1732 konnte der Gemeinderaum, 1735 der Turm vollendet werden. Den trockenen Ablauf des zügigen Baufortschritts weiß Schwipps mit Anekdoten zu beleben, die über das Fehlen genauer bauhistorischer Angaben leicht, über einen lesbaren Grundriss aber nicht hinwegtrösten. Wird über das holländische Glockenspiel berichtet, meint man das prominente "Üb’ immer Treu’ und Redlichkeit" zu hören, das NS-Minister Goebbels später zum Pausenzeichen des Deutschlandssenders bestimmte, und beschreibt der Autor mithilfe gut platzierter Zitate die genauen Anweisungen der preußischen Könige für ihre Gräber, ziehen die Trauerzüge vor den Augen des Lesers vorüber. Schwipps versteht es, die einfache Aufzählung historischer Tatsachen zu beleben.
Auch zeigt er die Garnisonkirche immer wieder im Fokus der Weltgeschichte: Beim Besuch Napoleons, der 1806 ausdrücklich bestimmte, die Kirche zu schonen, oder beim verhängnisvollen "Tag von Potsdam", der in der Konsequenz die Sprengung der Kirche begünstigte. Mit diesem "Staatsakt zur Eröffnung es Reichstages" beschworen die nationalsozialistischen Machthaber 1933 ihr "unverbrüchliches Bündnis" mit "dem alten Preußen", das sie in Gestalt des greisen Hindenburg vorführten, und machten den Bau zu eben dem "Symbol des preußischen Militarismus", das der DDR ein Dorn im Auge war. Die im Weltkrieg ausgebrannte, aber nicht baufällige Kirche musste 1968 einer heute noch Potsdam durchschneidenden "sozialistischen Magistrale" und einem nicht minder gesichtslosen Rechenzentrum weichen. Illustriert das Buch stets mit teils seltenen Aufnahmen, fehlt hier bedauerlicherweise ein Stadtplan, der die Lage des vollständig beseitigen Bauwerkes verdeutlichte. Doch dass der Autor wichtige historische Grundeinsichten und auflockernde Einzelheiten zur zerstörten Garnisonkirche in einem gut lesbaren Büchlein zusammengetragen hat, beweist, dass der bedeutende Bau mit seinem hohen, dominierenden Turm zwar aus dem Stadtbild, mitnichten aber, wie die DDR es wollte, aus der Erinnerung verschwunden ist.
Götz J. Pfeiffer
Schwipps, Werner: Garnisonkirche Potsdam. 02/2001. ca. 128 S., Ill. - 18 x 11 cm. Gb DEM ca 29,90
ISBN 3-930863-86-3
 
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