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Bilder der Unsterblichkeit

Zu den Begräbnisriten der altägyptischen Epoche des „Neuen Reiches“ (die Zeit von etwa 1532 bis 1070 v. Chr.) gehörte es, die verstorbenen Pharaonen in z.T. prächtig dekorierten Gräbern im sog. „Tal der Könige“ beizusetzen. Ein verstorbener Herrscher sollte möglichst rasch und sicher die jenseitigen Gefilde erreichen, weshalb ihm neben einem umfangreichen Grabinventar auch eine Vielzahl an bebilderten Übergangstexten in seine letzte Ruhestätte mitgegeben worden sind. Amduat, Pfortenbuch oder das Buch von der Himmelskuh sind nur einige wenige prominente Beispiele davon, die teils auf altägyptische Bezeichnungen zurückgehen, teils moderne Komposita sind, die verschiedene Einzeltexte oder Textbausteine zusammenfassen wie z.B. Himmels- oder Totenbuch. Den kundigen Leser wird daher der Untertitel von Buch irritieren, sind dort mit „Totenbücher“ doch die verschiedenen Jenseitsbücher wie oben erläutert gemeint.
Der „opulent ausgestattete[...] Bildband – mit zahlreichen Klapptafeln“ (hinterer Einbandtext) präsentiert exemplarisch aus den besterhaltensten Königsgräbern „Wandmalereien und Inschriften, die die Könige auf ihrer Reise in die Unterwelt beschützen sollten“ (ebd.). Einer knapp 100-seitigen Einleitung zu „Königsgräbern des Alten Ägypten“, „Aufbau und Ausstattung eines Königsgrabs“ und „Darstellung des Königs mit den Göttern“ – in der Hawass die Gelegenheit nutzt, nochmals viele seiner oft spekulativen ägyptologischen Themen (z.B. zu Ramses I.) zu wiederholen und eine Reihe seiner vom Buch jedoch thematisch abweichenden Forschungsbeteiligungen vorzustellen – sind als Tour d’horizont Erläuterungen zu den Jenseitstexten angefügt. Ein „Ausblick“ beschließt den Band.
Das Bildmaterial aus den Gräbern ist exzellent, Objekte wie z.B. der Ramseskopf im Ramesseum oder die Goldmaske Tutanchamuns sind in Manier der aufwendigen jüngst erschienenen italienischen Kataloge bearbeitet, d.h. nachträglich freigestellt oder kontextlos en detail vergrößert.
Nun ist Hawass nicht ein Experte für Jenseitsbücher im thebanischen Königsgräbertal, wie er freimütig im Vorwort selbst bekennt. So hat er sich in Art einer Studienarbeit Bekanntes angelesen, es in seine „berühmten gelben Notizbücher“ (Vorwort) eingetragen, und es an Janice Kamrin „weitergegeben, die es tippte und korrekturlas“ (ebd.). Daher ist das Buch arm an neuen fundierten Ideen zu Inhalt, Konzeption und Anbringung der Jenseitsbücher, dagegen reich an Deskriptiva und unbelegten Spekulativa (z.B. „Oft hört man die Theorie“, S. 97 oder „Ägyptologen glauben“, S. 37). Dazu passt dann auch, das in der „Ausgewählten Bibliographie“ (S. 315) auf Quellentexte mit Ausnahme von Piankoff, The Litany of Re gänzlich verzichtet werden konnte. D.h. zwar beschäftigt sich Hawass’ Buch mit Dekoration und Inhalt der Jenseitsbücher, ohne jedoch auf deren Textbestand (selbst in Übersetzung) zurückzugreifen. Hier hat die anglo-amerikanische Ignoranz gegenüber in Deutsch wie in Französisch publizierter Forschungsbeiträge und Übertragungen, in die diese Texte übersetzt worden sind, ein wahres Schelmenstück hervorgebracht.
Nicht frei von zahlreichen Schreibfehlern, fehlerhaften Sinnbezügen (ein erster Blick auf S. 81: „Totengottt“, -„Hybridwesen [...] mit einem solchen Kopf“, S. 65: „Kartonnage“) oder inhaltlichen Fehlern ist das Buch keine Empfehlung für das wenn überhaupt vorhandene Lektorat.
Hawass „Bilder der Unsterblichkeit“ taugt vor allem als Steinbruch auf der Suche nach Szenen aus den (immer noch) in Einzeldarstellungen unzureichend veröffentlichten Gräbern der Pharaonen in Theben.
Orell Witthuhn
Zahi Hawass. Bilder der Unsterblichkeit. Die Totengräber aus den Königsgräbern in Theben. Übers. Alexandra Velten. Fotos v. Sandro Vannini. 316 S., 400 fb. Abb., 15 Klapptafeln, 27 x 31,5 cm, Verlag Ph. v. Zabern, Mainz 2006. Gb. EUR 89,90

ISBN 978-3-8053-3650-5
 
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