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Leonardo da Vinci - dem Wissenschaftler ging der Künstler voran

Michelangelo Buonarotti (1475-1564) sah sich 1501 nach seiner Rückkehr aus Rom ins republikanische Florenz einer harten Konkurrenz im Kunstbetrieb ausgesetzt. Als einzigen Gegenspieler auf Augenhöhe empfand er den aus Mailand, wahrscheinlich um 1500, zurückgekehrten Leonardo da Vinci (1452-1519). Es trifft sich daher gut, dass Frank Zöllner, Professor für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte in Leipzig, zu beiden Ausnahmekünstlern jeweils opulente Werkverzeichnisse vorlegte. Der 2003 erschienene Band zu Leonardo da Vinci ist gerade in einer preiswerten Sonderausgabe erschienen.

Am bekanntesten von Leonardo da Vinci sind zwei Bilder, die berühmte Mona Lisa und das, durch die Popularisierung von Dan Browns Kunstkrimi Sakrileg, bekannt gewordene Abendmahl (entstanden 1495-97). "In gewisser Hinsicht", so Zöllner, "ist Dan Browns Sakrileg kein schlechter Einstieg in die Kunstgeschichte - allerdings nur, wenn man seine Behauptungen nicht als Lösungen, sondern als Fragen versteht, die sich erst mit einem historischen Blick auf die Bildtradition, Bildkonvention und Auftraggeberschaft beantworten lassen." Knapp und präzise hat Zöllner damit sein eigenes Unternehmen beschrieben. Sogleich hebt er im Vorwort der Sonderausgabe an und geht auf Zuschreibungsprobleme und neue Forschungsergebnisse ein, ehe der Hauptteil minutiös Leben und Werk nachzeichnet. Methodisch setzt Zöllner dabei auf eine kluge Kombination von Chronologie und systematischem Zugriff. Dieser Zugang ist deshalb sinnvoll, weil zum überschaubaren malerischen, nicht nur das umfangreiche zeichnerischen Werk tritt, sondern weil Leonardo interdisziplinär, als Künstler, Wissenschaftler, Erfinder und Ingenieur, arbeitete.

Der Chronologie von Leben und Werk ist der erste Teil gewidmet, in dem subtile ikonologische Analysen der Werke (Malerei und Zeichnung), mit Ausführungen zu da Vincis künstlerische Entwicklungen angereichert werden und die Nachzeichnung der Stationen seiner Wirkungsstätten erlaubt, sich zunächst ein Gesamtbild zu erschließen. In zehn Kapiteln schreitet hier Zöllner mächtig aus und hat stets im Blick, wie sich das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft bei da Vinci gestaltet. Im Kern entfaltet Zöllner seine schon anderwärts vorgetragene These, dass dem Wissenschaftler der Künstler voranging, zumal der Universalist zunächst eine künstlerische Ausbildung, wahrscheinlich beim Florentiner Maler und Bildhauer Andrea del Verrocchio (1433-1485) erhält. Zwei in den Catalogue Raisonné des malerischen Werks aufgenommenen Werke stammen von del Verrocchios, an denen da Vinci mitgearbeitet hat. Im nun folgenden zweiten Teil seiner Abhandlung, dem Werkverzeichnis des malerischen Werks, erläutert Zöllner die Motive jedes Gemäldes, ordnet es in den kunsthistorischen Kontext ein, erläutert dessen Besonderheiten, gibt Erläuterungen zum Stand der Forschung, nennt den derzeitigen Standort des Gemäldes und beschließt mit Literaturhinweisen. Wie schon in der Darstellung von Leben und Werk, besticht in Zöllners Ausführungen die enorme Detailkenntnis. So erfährt man zum Gemälde "Madonna mit dem Granatapfel", dass es formal ähnliche Werke aus der Werkstatt Giovanni Bellinis zu diesem Motiv gibt.

Am umfangreichsten gestaltet sich der dritte Teil, die Darstellung des zeichnerischen Werks. Als Entreé zu jedem Kapitel dient ein Zitat eines Schriftsteller- und Künstlerkollegen und Zöllner lässt zu den Zeichnungen da Vincis Matisse sprechen. Biographisch kann man dem viel abgewinnen, da Matisse ebenso wie sein Kollege auf vielen künstlerischen Feldern unterwegs war und ein begnadeter Zeichner war. Inhaltlich, formal und technisch, darauf weist Zöllner gleich am Beginn dieses Abschnitts hin, seien die Zeichnungen enorm vielfältig und dies erschlösse sich auch einem flüchtigen Blick. Dabei soll es aber nicht bleiben, denn Zöllner legt, zusammen mit Johannes Nathan, seine ganze Kunst darin, auch Leonardos zeichnerisches Werk tiefgründig zu erschließen. Insgesamt ist dieses Kapitel in sechzehn Szenen unter-teilt, die das gesamte Interessenspektrum von da Vinci zeigen. Zu 1) Zeichnungen und Skizzen zu erhaltenen oder nachgewiesenen Gemälden, treten zahlreiche Naturstudien wie zu 2) Pflanzen und 3) Wasser und Naturkatastrophen, sodann Studien zur 4) menschlichen Anatomie, 5) Profilstudien, Charakterköpfe und groteske Köpfe, 6) Zeichnungen zur menschlichen Figur, zu Tieren und Monstern, 7) Studien zu Reitermonumenten und Pferden, 8) Gewandstudien, 9) Proportionszeichnungen, 10) Zeichnungen zu Allegorien, Impresen und Piktogrammen und schließlich wenden sich die Autoren den naturwissenschaftlich/technisch inspirierten Zeichnungen zu: 11) Flugmaschinen und Vogelflug, 12) Kriegstechnik, 13) Technik und Mechanik, 14) Zeichnungen zur Kartographie und 15) zur Architektur. "Aber er / ist überall wie eine Dämmerstunde" dichtete Rainer Maria Rilke zu da Vincis Abendmahl. Damit kommt Rilke auf die außerordentliche Bedeutung der Gestaltung von Licht und Schatten zu sprechen, die, so auch Zöllner, schon antike Autoren beschäftigte, gibt sie "den Gegenständen in der Malerei den Anschein wirklich existierender dreidimensionaler Objekte". Bereits 1490/91 findet sich, so Zöllner, bei Leonardo die "erste systematische Auseinandersetzung mit dem Problem von Licht und Schatten", deren Vorstellung als sechzehnte Sektion dieses Kapitel beschließt. Zu sehen sind etwa Leonardos Studien zum Licht des Mondes, eine Projektion einer kreuzförmigen Lichtfigur oder eine Überlagerung von Primärschatten, stets, wie auch in den meisten anderen fünfzehn Abteilungen, von Erläuterungen Leonardos auf dem Zeichenblatt begleitet, die aber hier in Form der Abbildungen für den Betrachter nicht entzifferbar sind. Dafür ist das Duo Zöllner/Nathan zuständig. Daneben beschäftigen sie sich mit Zuschreibungsproblemen, da es im 15. Jahrhundert, das der Zeichnung nicht die Wertschätzung wie einem vollendeten Kunstwerk beimaß, unüblich war, diese zu signieren. Ein Umstand erleichtert die Zuschreibung im Falle Leonardos indes, denn er war Linkshänder und durch die Erforschung der Führung des Zeicheninstruments lassen sich, außer bei den Gewandstudien, eindeutig Rückschlüsse auf ihn als Urheber ziehen.

Mit dem Prachtband liegt ein sorgfältig erarbeiteter Werkkatalog vor, der häufig Leonardo zitiert, da er auch Schriftliches hinterlassen hat, aufgeführt im Literaturverzeichnis, getrennt nach Primär- und Sekundärquellen. Zusammen mit einem Register wird eine Konkordanz zum zeichnerischen Werk mitgeliefert, das den wichtigsten Editionen der Zeichnungen gilt. Das Ganze bliebe aber sehr theoretisch, gäbe es nicht die herrlichen Abbildungen, die Gesamtansichten, als auch enorme Detailvergrößerungen bieten, wie man sie noch nicht gesehen hat. Auf sie trifft ein Wort Leonardos, der auch Verfasser geistreicher philosophischer Betrachtungen über den Lauf der Welt und ihres Personals war, zu, dass "Jede Erkenntnis...mit den Sinnen" begänne. Ein solches sinnenfreudiges Gesamtkunstwerk liegt mit diesem Monumentalwerk vor und auch Paul Valéry plädierte in seiner "Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci" für den Vorrang der Augen vor dem Verstand. Auch Karl Jaspers pflichtet bei und ist der Auffassung, Leonardo preise das Auge, bemerkt aber dann, dass "nur im denkenden Tun das Sichtbare eigentlich sichtbar" werde. Es bleibt, der Künstler ist vom Wissenschaftler Leonardo nicht zu trennen. Dessen Interesse an der Vermessung des Menschen, begonnen 1489, teilt er mit anderen seiner Zeit, künstlerisches Tun durch Fundierung in den exakten Wissenschaften zu nobilitieren. Zöllner nun nobilitiert Leonardo, in dem er die flach vorgetragenen Thesen von Brown, wie zuvor schon in einem Interview, in das Reich der Fiktion verweist. Wie Henri Beyle den Faltenwurf des Tafeltuches im Abendmahl bewundert, so ist Zöllners Arbeit, das durch faszinierende und spannende Textbeiträge besticht, als großer Wurf zur Vielseitigkeit Leonardos zu bewundern.


Sigrid Gaisreiter
Zöllner, Frank /Nathan, Johannes: Leonardo. 25 Jahre TASCHEN. 696 S. 38 x 25 cm. TASCHEN, Köln 2007. Gb EUR 49,99
ISBN 978-3-8228-3824-2
 
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