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Zwei Standardwerke der Lackkunst

Gérard Dagly hing der Ruhm an, der beste Lackkünstler des mitteleuropäischen Raumes zu sein und Berlin zu einer Metropole der Lackherstellung gemacht zu haben. Die Arkana seiner Lackbereitung schienen unerreicht. Die Legende, auch wenn sie fest begründet ist, muss vor der Nachprüfung durch die chemische Analyse kapitulieren. Diese ergibt nun: “Keines der beiden überlieferten Rezepte gibt (…) irgendwelche Geheimnisse preis, und beide zeugen auch nicht von besonderen Innovationen.“ (S.400) Japanische und europäische Lackarbeiten haben an den Fürstenhöfen des Barock in ganz Europa eine Mode gezeitigt, die der Chinamode der Porzellan- und Spiegelkabinette in nichts nachstand. Es gab Importlacke aus Fernost, aber auch Importlacke aus dem europäischen Zentrum der Lackherstellung, aus dem wallonischen Spa. Kaum ein europäisches Schloss von Rang, das nicht mindestens ein Lackkabinett besaß. (In Rastatt waren es gar vier.)Umso erstaunlicher ist es, dass sich die kunsthistorische Forschung erst relativ spät diesem Thema zuwandte. Erst 1935 wurde das Oeuvre der Dagly wiederentdeckt, erst jetzt wurden präzise Berichte zur Zusammensetzung jenes mysteriösen Harzes, das in schwarzer, roter, aber auch weißer und blauer Farbe jene leuchtend bis glänzende Oberfläche ergibt, publiziert. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat den in Deutschland befindlichen Möbeln und Kabinetten einen opulenten Band seiner Arbeitshefte gewidmet, der nichts weniger als ein Standardwerk ist. Dieser Band würdigt sowohl in naturwissenschaftlichen Analysen, wie auch in Restaurierungsberichten und stilkritischen Beiträgen die Eigenart der Lackkunst, die nach der indischen Küste oder einer Hafenstadt auf Java auch Koromandel- oder Bantamlacke genannt werden. Er tut dies mit außerordentlicher Präzision. Aber auch, wer kein spezielles Interesse an der restauratorischen Seite der Lackkunst mitbringt, wird kaum enttäuscht werden: Die Fülle von Detailansichten und Hintergrundinformationen zum Thema dürfte es in dieser Dichte, zumindest im deutschen Sprachraum, bisher nirgends gegeben haben.

Und: Auch, wenn es kein Arkanum der Dagly-Werkstatt zu geben scheint, so bleibt auch, nach Zergliederung ihrer Lacke nur der Schluss: „Es ist unbestritten, dass die Werke dieser Werkstatt hinsichtlich ihrer gestalterischen Qualität und der kunstfertigen Anwendung schwierig zu handhabender Lacksysteme mit zu den bedeutendsten Lackarbeiten jener Zeit gehörten.“ Der Band ist durchgehend zweisprachig.

Anders geht Prinz Philipp von Württemberg das Thema in seiner Dissertation „Das Lackkabinett im deutschen Schlossbau“ an. Er legt das Gewicht auf die Vermittlung des Wissens von Lack und Lackherstellung, zieht dazu die historischen China-Berichte der Missionare und die Traktate der Lackhersteller heran und bringt diese, soweit der Rezensent sieht, zum ersten Mal in Bezug zueinander. Musterbücher und Vorlagen spielen auch im weiteren Verlauf der Untersuchung eine bedeutende Rolle: Wohl auch zum ersten Mal werden die graphischen Quellen der verschiedenen Kabinette benannt. Dieser Bezug auf die Vorbilder gehört zu den wirklich faszinierenden Aspekten des insgesamt konzise aber höchst kenntnisreich geschriebenen Buches. Dass jedes bekannte Lackkabinett in Deutschland monographisch vorgestellt wird (ohne die „Japanische Kammer“ des Charlottenburger Schlosses wohl ?), macht das Werk überdies zu einem Handbuch auch bei entsprechenden Schlossbesichtigungen zwischen Rastatt und Ludwigsburg und Oranienburg und Potsdam, wobei auch die zerstörten Kabinette genau beschrieben und dokumentiert werden.

Abschließend konstatiert der Autor: „Das Wesen der ostasiatischen Kunst wurde im Europa des 17. und 18.Jahrhunderts nicht richtig verstanden.“ (Eigentümlich unterrepräsentiert bleibt zumindest im deutschen Lackkabinett des indische Element.) Das mag richtig sein, was aber dann das Odium und die Ausstrahlung jener Innenräume ausmachte, worin ihr symbolischer und auch dynastischer Wert lag, das zu untersuchen, bleibt noch offen. Beide Bücher liefern die naturwissenschaftlichen, kunsthistorischen und exakt deskriptiven Voraussetzungen hierzu. Sie sind, jedes auf seinem Gebiet, Standardwerke für ein lange vernachlässigtes Thema.


Michael Kühlenthal (Hg.), Japanische und europäische Lackarbeiten. Japanese and European Lacquerware. Rezeption, Adaption, Restaurierung. Deutsch-Japanisches Forschungsprojekt zur Untersuchung und Restaurierung historischer Lacke. (Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 96) Lipp, München 2000. 602 S. zahlr. fb. u. sw. Ab. EUR 81,30 ISBN 978-3-87490-703-3
Jörg Deuter
Württemberg, Philipp von: Das Lackkabinett im deutschen Schlossbau. Zur Chinarezeption im 17. und 18. Jahrhundert. 1998. 261 S., zahlr. Abb. 22,2 x 15 cm. Lang, Peter, Berln 1998. Gb EUR 77,40
ISBN 978-3-906760-39-1
 
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